Großenengliser Radler: Erste Fahrt nach München war auch  fast die letzte

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Die Radler 2019 in Großenenglis: Sie kamen beim 80. Geburtstag von Horst Rasche zusammen (dritter von links, vorne). Ernst Wischek steht ganz rechts vorne.

Das Oktoberfest 2020 ist wegen der Coronakrise abgesagt:

Großenenglis– Die Radler des TuS Großenenglis erinnern sich an ihre Fahrt zur Wies’n vor 40 Jahren – die damals fast tragisch endete.

Als im Frühling 1980 der erste Sportler in Großenenglis auf dem Rennrad anrollte, ging ein ehrfürchtiges Raunen durch die Radfahrgruppe des TuS Viktoria 1912. Solch grazile Zweiräder waren selten in jener Zeit, in der es weder Radwege noch Funktionskleidung gab.

Erste Fahrt nach München zum Oktoberfest 1980

Die Radgruppe hatte sich gerade erst um Horst Rasche und Ernst Wischek gebildet, doch deren Ehrgeiz war von Anfang an außerordentlich groß: Die erste Fahrt sollte nach München zum Oktoberfest führen.

Also bestellten 15 angehende Rennradfahrer die Gefährte beim Fachgeschäft Fahrrad-Bock in der Bahnhofstraße und begannen zu trainieren. Mit viel Stolz und oft auch mit Begleitfahrzeugen.

Damals standen oft Kinder am Straßenrand und haben gewunken, erinnert sich Horst Rasche. Jeden Sonntag und jeden Dienstag stiegen die Großenengliser Sportler aufs Rad: „Wir waren damals schon ein bisschen verrückt“, sagt Rasche und lacht. Aber sie waren nach dem harten Trainingssommer vor allem auch fit, denn sie radelten tatsächlich von Borken nach München zum Oktoberfest.

Die Radler 1980 in München: In der Mitte mit schwarzem T-Shirt Horst Rasche, außen rechts Ernst Wischek. 

Mit dem Rad zum Oktoberfest: Knapp dem Tod entronnen

Dass die erste Fahrt beinahe auch die letzte gewesen wäre, mancher dort dem Tod knapp entronnnen ist, das wusste noch keiner, als es losging. Die Borkener waren just an jenem 26. September 1980 auf der Wies’n, als die Neonazis der damaligen Wehrsportgruppe Hoffmann den Terroranschlag verübten, bei dem zwölf Menschen starben und 213 verletzt wurden.

Die Borkener blieben dabei wie durch ein Wunder unversehrt: Gerade hatte der Teil der Radler, der zurück in die Pension wollte, an jener Telefonzelle gestanden, an der die Bombe explodierte. „Hätten sie noch mehr Kleingeld gehabt, um mit der Frau daheim zu telefonieren, wären sie zum Zeitpunkt der Explosion noch dort gewesen“, sagt Ernst Wischek. Doch das Kleingeld war alle, das Trüppchen gerade eben um die Ecke auf dem Weg zur U-Bahn, als die Bombe hochging – sie spürten noch die Druckwelle.

Angehörige der Radler in großer Sorge

Die Radler aber, die noch im Zelt feierten, waren völlig ahnungslos – und da es damals noch keine Mobiltelefone gab, auch gar nicht zu erreichen. Und so kam es, dass die Angehörigen in Borken aus dem Fernsehen eher vom Anschlag wussten als die Feiernden im Münchener Festzelt – und sich furchtbare Sorgen machten, bis die anriefen, die ihre Pension erreicht hatten. „Das war ein riesiger Aufruhr“, erinnern sich Wischek und Rasche. Und es war eine neue Dimension der Angst, die sie damals erlebten: „Die Erinnerung begleitet uns bis heute.“

Aber auch die Erinnerung an andere, wenn auch nicht so spektakuläre Erlebnisse. An beispielsweise die Radtour der Freundschaft 1982 nach Noailles, zur Stadt Borken in Westfalen, an die 1988 nach Mallorca.

„Wir haben sozusagen Rennradgeschichte in Borken geschrieben“, sind sich die beiden Freunde einig.

2005 feierte die Radsportgruppe ihren 25. Geburtstag. Auch jetzt ist sie noch aktiv, auch Horst Rasche und Ernst Wischek sind noch dabei – heute aber mit dem E-Bike statt mit dem Rennrad.

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