Gertrud Schmidt ist mit 106 Jahren die älteste Bewohnerin im Seniorenheim Blumenhain

Silvester: Frau aus Borken feiert ihren 107. Jahreswechsel

Gertrud Schmidt feiert ihren 107. Jahreswechsel: Die ehemalige Kasselerin ist 106 Jahre alt und noch aktiv. Im Altersheim Blumenhain in Borken faltet sie heute noch jeden Tag dutzende Handtücher.
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Gertrud Schmidt feiert ihren 107. Jahreswechsel: Die ehemalige Kasselerin ist 106 Jahre alt und noch aktiv. Im Altersheim Blumenhain in Borken faltet sie heute noch jeden Tag dutzende Handtücher.

Zum 107. Mal erlebt Gertrud Schmidt aus Borken einen Jahreswechsel - und blickt auf einen erfülltes Leben zurück. Silvester feiert sie mit einem Piccolo.

Borken/Kassel – Als Gertrud Schmidt 2010 von Kassel-Wehlheiden ins Altersheim Blumenhain nach Borken umzog, stellte sie von Anfang an eines klar: „Ich will hier was zu tun haben.“ Also bekam sie schon am ersten Tag einen Job in der Waschküche des Heimes: Dort legte die die damals 95-Jährige jeden Tag Handtücher zusammen und baute ganze Wäscheberge ab.

Das tut sie noch heute. Die mittlerweile 106-Jährige sieht zwar nun schlecht, aber die Bewegungen sind ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen. Zackzack, ist jedes Handtuch akkurat gefaltet, das am Tisch landet. Gertrud Schmidt ist mit Abstand die älteste Bewohnerin des Borkener Seniorenheims. Und sie gehört dort zu den hellwachen und blitzgescheiten Geistern.

106 und so rege: Was ist ihr Geheimnis? Hätte sie gedacht, so alt zu werden? „Ach wo, woher denn?“, sagt sie und lacht. „Ich habe immer gerne gelesen und gerätselt, vielleicht liegt es daran“, sagt sie, die 1915 in Limburg zur Welt kam und als Kind nach Kassel zog, wo der Vater eine Stelle als Schneider antrat.

So wie sich der Vater für Stoffe und Textilien begeisterte, so tat es auch Gertrud Schmidt. Nach der Konfirmation 1930 begann sie eine Lehre im Modehaus Schulz in Kassel an der Wilhelmstraße. „Ich will mich nicht loben, aber ich glaube, ich habe gute Arbeit geleistet“, sagt sie. „Wo man mich hingestellt hat, war ich fleißig und habe alles wunschgemäß erledigt.“ Das tat sie über Jahrzehnte. Ein Jahr arbeitete sie, die in Wehlheiden lebte, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Möbelhaus, kehrte aber ins Modehaus zurück: „Die Arbeit gefiel mir viel besser.“

106-Jährige Borkenerin plaudert über schöne Erinnerungen

Gertrud Schmidt plaudert über die schönen Dinge, über den Sport, den sie im Kasseler Turnverein betrieb, über das Singen im Gesangverein, über die gute Kameradschaft im Wanderverein. „Das war doch ein ganz anderes Vereinsleben als heute, das war enger, intimer, viel freundschaftlicher.“ Sie erzählt von den Karnevals- und Silvesterpartys, die in ihrem Wohnzimmer unter Girlanden und Luftschlangen stattfanden und der Bowle, die ausgeschenkt wurde.

Sie erzählt aber nicht viel von den beiden Weltkriegen, die sie erlebt hat. Von der Nacht, in der sie in Kassel ausgebombt wurde. „Die Wohnung war kaputt, wir sind zur Familie meines Mannes nach Bebra, wo ich Stadtkind die Landwirtschaft erlernte. Meine Schwiegermutter hat sich beim ersten Heumachen für mich geschämt“, sagt sie. „Aber das hatte ich dann auch schnell raus, da musste sich niemand mehr schämen.“

Gertrud Schmidts Mann starb 1961, da war er 53 Jahre alt. Halb so alt wie sie heute. Kinder gab es aus dieser Ehe keine. Ein einziges Mal hatte sie sich noch einmal verliebt. Aber auf der neuen Liebe lag kein Segen: Der, der vielleicht ihr zweiter Mann geworden wäre, starb ebenso plötzlich wie der erste. „Da habe ich von Männern nichts mehr wissen wollen.“

Mit ihrer Freundin war sie viel unterwegs, aber die ist nun auch schon gestorben. Die Nichte und deren Mann leben in der Nähe von Düsseldorf, sind um die 80 Jahre alt – auch Besuch bekommt sie damit kaum.

106-Jährige aus Borken: „Sie ist unser Motivationsmotor“

Doch auch wenn die Augen schlecht sind, sie seit einem Sturz im vorigen Jahr im Rollstuhl sitzt – Gertrud Schmidt strahlt Zufriedenheit aus. „Wenn die anderen beim Mittagessen meckern, frage ich sie immer: „Was wollt ihr, es geht euch doch gut! Es gibt zu essen, zu trinken, und warm ist es auch noch.“ Heimleiterin Manuela Freidhof lacht: „Frau Schmidt ist unser Motivationsmotor.“

Gertrud Schmidt nickt: „Was soll ich nörgeln, über was soll ich mich beschweren? Ich habe nie zutiefst gelitten, ich hatte immer Arbeit – und die hat mir über viele traurige Zeiten hinweg geholfen.“ An ihrem 107. Jahreswechsel heute ist Gertrud Schmidt nicht traurig. Sie hat einen Piccolo bereitstehen, den sie zur Ehre des Tages trinken will. „Viel Zeit bleibt mir ja wohl nicht, da muss man sie nutzen“, sagt sie.

Was, wenn ihre Zeit gekommen ist? Wird sie in Borken beerdigt? „Nein“, sagt sie, „ich will auf keinen Friedhof. Ich habe verfügt, dass ich in die Uniklinik Marburg komme. Dort wollen die Ärzte mich aufschneiden und untersuchen, warum ich so alt geworden bin.“ Das ist der Moment, in dem man als Besucherin selbst zum Piccolo greifen möchte. Gertrud Schmidt nimmt es gelassen: „Das ist doch prima, dass ich selbst dann noch etwas leisten kann für die Welt.“

Von Claudia Brandau

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