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Streuobstwiesen sind gefährdet: „Wir wollen das Wissen retten“

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Von: Claudia Brandau

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Die Apfelblüte ist gerade in vollem Gange: Obstgehölzpflegerin Carola Drüsedau aus Densberg weiß um die Bedeutung von Streuobstwiesen für Flora und Fauna.
Die Apfelblüte ist gerade in vollem Gange: Obstgehölzpflegerin Carola Drüsedau aus Densberg weiß um die Bedeutung von Streuobstwiesen für Flora und Fauna. © Claudia Brandau

Streuobstwiesen werden immer seltener, viele Flächen der naturnahen Anbauweisen wurden in den vergangenen Jahrzehnten aufgegeben. Wissen und Anbaukunst schwinden: Jetzt wurde der Streuobstanbau ins bundesweite Verzeichnis der Immateriellen Kulturerbe aufgenommen.

Borken/Jesberg – Ein jährlicher Aktionstag Ende April soll zudem auf die Bedeutung der Flächen hinweisen, auf den Obstbäume ohne Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wachsen und Erträge bringen können. Ein Interview mit Obstgehölzpflegerin Carola Drüsedau aus Densberg.

Der Streuobstanbau ist jetzt immaterielles Kulturerbe: Das klingt, als wäre die Streuobstwiese vom Aussterben bedroht.

Ja, das ist sie auch. Wissen für Anbau und Pflege wird seit mindestens zwei Generationen kaum mehr weitergegeben. Nur der Pomologen-Verein, der sich für den Erhalt von Obstarten einsetzt, hält die Fahne hoch.

Aber wie geht das? Wie kann denn nur ein jahrhundertealtes Wissen verloren gehen?

Weil es heute viel einfacher ist, jede Woche Äpfel im Supermarkt frisch zu kaufen, als sie selbst anzubauen, zu ernten und im eigenen Keller zu lagern. Die Streuobstwiese als Nahrungsmittelproduzent hat ganz einfach ihre Wertigkeit verloren, seitdem nicht mehr der eigene Keller, sondern der Supermarkt zum Lager für Lebensmittel wurde.

Das heißt, es gibt viel weniger Anbauflächen?

Ja. Aber es heißt auch, dass es viel weniger Sorten gibt. Früher gab es in Deutschland um die 2000 Sorten Äpfel, heute sind es extrem weniger. Im Supermarkt werden maximal zehn Sorten angeboten.

Wo sind die denn alle hin?

Der Sortenerhalt ist tatsächlich ein massives Problem. Früher war es wichtig, dass ein Baum gesund war, gutes Obst hervorbrachte, dass er perfekt in die Region passte. Wenn der Nachbar gutes Obst hatte, nahm man die Pflanze, veredelte sie und baute sie selbst an.

Und heute?

Heute leiden wir unter der massiven Inzucht bei den Sorten. Als die Pflanzenschutzmittel ins Spiel kamen, spielte die Gesundheit des Baumes keine Rolle mehr, nur noch sekundär. Aus nur fünf Muttersorten wie z.B. Golden Delicious, Cox, Macintosh wurden neue Sorten gezüchtet.

Das Problem: Sie alle sind von ihrer genetischen Anlage sehr anfällig. Ohne Pestizide tauchen schnell braune Flecken oder Pilzkrankheiten auf – und die reduzieren auch die Lagerfähigkeit.

Auch alte Bäume und Totholz gehören dazu: Die Streuobstwiese im Naturschutzgebiet Borken ist ein riesiges Biotop für Insekten, Käfer, Spinnen und Vögel.
Auch alte Bäume und Totholz gehören dazu: Die Streuobstwiese im Naturschutzgebiet Borken ist ein riesiges Biotop für Insekten, Käfer, Spinnen und Vögel. © Claudia Brandau

Ich dachte, Lagerfähigkeit sei nicht mehr wichtig. Aber was ist denn wichtig für Verbraucher?

Knackig-süße Früchte sind gefragt, fast niemand mehr mag mürbe Äpfel kaufen. Auch alte Sorten wie die kleine Rote Sternrenette stehen auf der Beliebtheitsliste nicht oben. Sie sind eher klein und haben sternförmige Punkte. Jetzt ist ein Marketingmensch auf den Trick gekommen, kleine Früchte einfach ohne Sortennamen als „Pausenäpfel“ zu bezeichnen, eben weil sie so klein sind, dass man sie in der Pause schnell verspeisen kann. Und das funktioniert!

Was für ein lustiger Name: Rote Sternrenette...

Diese Sorte ist und war sehr bekannt! Sie merken ja gerade selbst, dass alte Sorten in Vergessenheit geraten... Und weil sie aus dem Bewusstsein fallen, sind auch die Streuobstwiesen selbst gefährdet – einfach, weil sie nicht mehr gebraucht wurden.

Als Immaterielles Kulturerbe, so die Hoffnung, sollen das Wissen rund um Obstanbau und dessen Vermittlung gesichert und erhalten werden – bevor es uns durch die Hände rinnt und unwiderruflich für die nächsten Generationen verloren ist.

Das klingt tatsächlich so, als wäre da mehr Aufmerksamkeit nötig.

Sogar bitter nötig. Man unterschätzt als Verbraucher, wie viel Wissen in einer Streuobstwiese steckt, wie viel Arbeit dran hängt: Bäume kaufen, pflanzen, schneiden, Obst ernten und lagern.

Das alles muss gemacht werden, bevor überhaupt der erste Euro aus dem Verkauf fließt.

Und dennoch pflanzen Sie selbst in Densberg Dutzende Bäume an.

Ja. Weil ich sehe, dass ganz langsam wieder das Bewusstsein für diese Art des Biotops wächst. Zu unseren Kursen kommen Menschen aus ganz Deutschland, um sich mit der Natur, alten Sorten und neuen Erkenntnissen auseinander zusetzen. Und die hohen Preise für Obst und Gemüse werden dafür sorgen, dass sich mehr Leute mit dem Obstanbau beschäftigen.

Die Streuobstwiese als Schule?

Schule, ja. Aber sie ist auch ein guter Entspannungsort. Jeder Mensch, der den Hang zur Natur hat, findet sofort einen Zugang.

In voller Pracht: Die Birnbäume.
In voller Pracht: Die Birnbäume. © Claudia Brandau

Weil?

Weil eine Streuobstwiese nicht nur einfach ein Ort ist, auf dem viele Obstbäume stehen. Sie ist vielmehr ein Erholungsort für Menschen, ein Paradies für Insekten, Spinnen, Vögel. Ein Abenteuerspielplatz für Kinder. Ein Ort, an dem man in Gemeinschaft arbeiten und noch dazu die Früchte seiner Arbeit sehen, anfassen, ernten kann. Und vor allem auch ein Ort, der die Sortenvielfalt für die Zukunft sichert.

Sie schwärmen ja...

Ja! So wie so viele schwärmen, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Demnächst gehe ich als Mitarbeiterin des Forst- und Umweltdienstes mit dem Borkener Waldkindergarten auf die Wiese, da pflanzen wir einen Prinz Albrecht von Preußen.

Sie pflanzen einen was?

Den Herbstapfel Prinz Albrecht von Preußen. Es gibt tolle Namen so wie „Juwel aus Kirchwerder“ oder „Ausbacher Roter“. Glauben Sie mir: Nicht alle Äpfel heißen seit Jahrhunderten „Gala“ oder „Pink Lady“. Die Kinder werden sich das vielleicht nicht merken. Aber was sie auf jeden Fall merken werden: Dass eine Streuobstwiese unglaubliche Freude macht. Nicht nur zur Erntezeit.

Zur Person

Carola Drüsedau (50) ist Diplom-Ingenieurin der Landschaftspflege und Obstgehölzpflegerin. Sie arbeitet freiberuflich für den Forst- und Umweltdienst Borken und gibt auf der eigenen Streuobstwiese Kurse für den richtigen Obstbaumschnitt. Sie ist verheiratet und lebt in Densberg.

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