Senior hatte gebrochenen Arm

Während viele wegsahen: Borkenerin half verwirrtem Mann

Borken. Wenn Erika L. daran denkt, dass der Mann ohne sie vom Bordstein gefallen wäre, wird sie sauer. Die 63-Jährige kam einem Senior zur Hilfe - während andere wegsahen.

Der Mann sei nicht nur verwirrt und hilflos gewesen, auch sein linker Arm sei gebrochen gewesen. Ein Dutzend Passanten sei dennoch vorüber gegangen, ohne sich um den Verletzten zu kümmern, sagt Erika L. aus Borken. Erst auf ihre Initiative hin wurde ein Krankenwagen gerufen, der Mann und seine Fraktur versorgt.

Erika L. war auf der oberen Bahnhofstraße unterwegs, als sie den Mann wahrnahm. Er habe geschwankt und versucht, sich auf die Gehsteigkante zu setzen. Da es so ausgesehen habe, als ob er gleich stürzen würde, habe sie eine Anwohnerin, die gerade einen Teppich auf der Straße ausschüttelte, um Hilfe gebeten, zusammen hätten sie den Mann vorm Fall bewahrt. Die Frau sei wieder ins Haus gegangen, Erika L. sei allein bei dem Mann geblieben.

Ein Anwohner habe den Vorfall von seinem Fenster aus beobachtet und gerufen: „Der rennt hier schon seit zwei Tagen rum. Heute früh lag er zwischen zwei Autos.“

Auf die erboste Frage von Erika L., warum er denn nicht geholfen habe, habe sie keine Antwort bekommen, erzählt sie. Die Borkenerin rief die Polizei und einen Krankenwagen, der Verletzte wurde ins Krankenhaus gebracht.

Erika L. tat er so leid, dass sie ihn mittlerweile schon zwei Mal in der Klinik besucht hat. Im Krankenhausbett habe er ganz anders ausgesehen: sauber, rasiert, gepflegt, den gebrochenen Arm in Gips. Er heiße Ralf, sei 71 Jahre alt und ohne Familie, hat Erika L. erfahren. Sie hat ihm, der barfuß war, ein Paar Schuhe von ihrem Mann geschenkt.

Was die Borkenerin maßlos aufregt ist die Tatsache, dass ihm niemand geholfen hat. Sein verwahrlostes Aussehen war daran schuld, ist sie sich sicher. „Hätte er einen Anzug angehabt, wären viele stehen geblieben, um ihm Hilfe anzubieten“, sagt sie. Wo man Verwahrlosung bemerkt, setzt Gleichgültigkeit ein“, betont die 63-Jährige. Und das findet sie ganz schlimm.

Polizei prüfte Fall 

Der Mann war in der vorigen Woche bereits in Caßdorf aufgefallen: Dort sei ein „verwirrter alter Mann“ unterwegs, hatte ein Anrufer der Polizei gemeldet. Beamte seien hingefahren und hätten dem Mann Hilfe angeboten, die er abgelehnt habe, berichtet Brettschneider. Die Beamten hätten geprüft, ob er in einer Einrichtung fehle. Das sei aber nicht der Fall gewesen.

Neugier ist oft größer als die Hilfsbereitschaft 

Die Bereitschaft zur Hilfeleistung sei in den vergangenen Jahren spürbar gesunken, sagt Pressesprecher Markus Brettschneider von der Homberger Polizeidirektion. Bei Notfällen, Zusammenbrüchen oder Unfällen würden zwar viele Passanten stehen bleiben und schauen - doch fehlten dann oft die tatkräftigen Menschen, die aktiv würden und sich kümmerten. „Ganz vielen geht es darum, ihre Neugier zu befriedigen und nicht darum zu helfen“, sagt Brettschneider. Das sei eine der gesellschaftlichen Veränderungen, die den Polizeibeamten auffielen. Brettschneider: „Der Wert der engagierten Hilfeleistung ist gesunken.“

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