51 Kumpel starben bei der Kohlestaub-Explosion, sechs wurden gerettet

Das Wunder von Stolzenbach

Kumpel
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Gerettet (von links): Heinz Röse, Wilfried Dönch, Helmut Gessner, Ahmet Batkan, Egon Dehn und Thomas Geppert am 4. Juni 1988.

Kaum ein Ereignis der vergangenen Jahre hat die Region so stark erschüttert wie die Explosion in der Grube Stolzenbach mit seinen 51 Toten. Kein Ereignis hat uns aber auch so sehr berührt wie die dramatische Rettung von sechs Bergleuten am 4. Juni vor 25 Jahren.

Es ist 12.30 Uhr am 1. Juni 1988, und in der Grube Stolzenbach ist alles so wie immer. Um 6.45 Uhr war die Frühschicht eingefahren. Andere Kumpel folgen, pünktlich um 12 Uhr fährt eine weitere Schicht mit 57 Kumpeln ein. Überall wird unter Tage fleißig gearbeitet.

Fünf Minuten später, um 12.35 Uhr, ist nichts mehr in Stolzenbach, wie es war. Die Erde bebt, eine gewaltige Explosion erschüttert die Zeche. Auch über Tage fliegen tonnenschwere Trümmerteile 100 Meter weit. Eine Rauchwolke über der Zeche ist kilometerweit zu sehen. Alle Systeme, die Energieversorgung und die Bewetterung der Grube fallen aus.

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Acht Kumpel werden über Tage verletzt. Sie werden schnell versorgt. Zu Rettung der Kollegen unter Tage treffen Grubenwehren ein, besorgte Angehörige kommen zur Zeche. Was sie nicht wissen: Unter Tage kämpfen sechs Kumpel ums Überleben. Sie fliehen vor dem tödlichen Gas in der Grube. Für Sekunden haben sie noch Funkkontakt zur Grubenleitung. Hauer Thomas Geppert gibt durch: „1 Norden 4/5, sechs Personen.“

Um 16 Uhr geben Experten die Ursache der Explosion bekannt: Es handelt sich um eine Kohlestaubexplosion. Das habe es im Baunkohlebergbau noch nie gegeben.

Fotos: Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal

Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal

Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal
Blick auf das Fördergerüst der Grube Stolzenbach vor dem Bergbaumuseum von Borken. Das Borkener Grubenunglück, bei dem 51 Bergleute den Tod fanden, jährt sich am 1. Juni zum 25. Mal. © dpa
Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal
Die völlig zerstörte Materialzufahrt zur Grube. Bei dem größten Grubenunglück in der Bundesrepublik seit 26 Jahren wurden am 2. Juni 1988 im Braunkohlebergwerk Stolzenbach bei Borken 51 Arbeiter getötet. Sechs Bergleute überlebten in einem Nebenstollen und konnten am 4. Juni gerettet werden. © A0009 dpa
Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal
Die Rettungskapsel, die durch einen Luftschacht herabgelassen wurde. © picture-alliance / dpa
Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal
Mit der Rettungskapsel konnten am 2. Juni 1988 nur tote Kumpel geborgen werden. © picture-alliance / dpa
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Bergarbeiter und Rettunsghelfer vor einem zerstörten teil der Grubenanlage am 2.6.1988 in Borken. © picture-alliance / dpa
Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal
Erschütternde Szenen vor der Schachtanlage als bekannt wurde, dass für die Vermissten Bergarbeiter keine Hoffnung mehr besteht. © picture-alliance / dpa
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Die ersten geborgenen Toten des Grubenunglücks im hessischen Borken werden am 02.06.1998 von Feuerwehrleuten auf einen Lastwagen geladen. © picture-alliance/ dpa
Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal
Gerettet (von links): Heinz Röse, Wilfried Dönch, Helmut Gessner, Ahmet Batkan, Egon Dehn und Thomas Geppert am 4. Juni 1988.
Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal
Die Grubenwehr der Zeche Hirschberg im Jahr 1988. Viele davon waren im Einsatz beim Grubenunglück in Stolzenbach.
Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal
Eine Gedenkstätte erinnert an das Grubenunglück. © picture-alliance/ dpa
Borkener Grubenunglück jährt sich zum 25. Mal
Nahe der Gedenkstätte Stolzenbach bei Borken ist am 21. Mai 2013 eine Tafel über dem ehemaligen Wetterschacht angebracht. © dpa

Am Abend werden von den Rettungsmannschaften die ersten beiden Toten unter Tage entdeckt. Sie werden noch nicht geborgen. Die Suche nach Überlebenden hat Vorrang.

Dokumentation

Wie die Tage des Eingeschlossenseins und die Rettung waren, schilderte einer der Kumpel am 4. Juni dem Reporter Martin Steinhoff vom Hessischen Rundfunk. Auszüge:

„Wir haben gehört, dass da gebohrt worden ist. Ja, und gestern Nachmittag, da fing irgendwo Wasser an zu laufen. Da haben sie gebohrt und haben sie so’n bisschen Schlämme angebohrt, das kam dann runtergelaufen. Und da haben wir hochgeguckt, das sah aus wie ein Rohr oder so wie‘n Loch. Und da haben wir gekloppt und gemacht, und da habt ihr uns gehört ...

Wir haben nur gedacht: Wenn kein Bohrer oder so drin ist, kommt das nicht oben an. Es sind ja fast 200 Meter da hoch. Aber durch das Mikrofon scheint‘s ja doch funktioniert zu haben.

Das war auf jeden Fall beruhigend, wenn da gebohrt wurde, das hält einen immer aufrecht, wenn da oben was gemacht wird ... Und dann war Ruhe bis heute Nacht, und das war anstrengend, weil nichts mehr passierte da oben. Dann denkt man langsam: Haben sie uns vergessen? Dann rechnen Sie mit nichts mehr ...“

Auch am Tag nach der Explosion sind die Grubenwehren den ganzen Tag im Schacht. Belüftungsbohrungen werden gemacht, das tödliche Gas soll entweichen. Die vorläufige Bilanz: 35 Tote, der erste wird am Abend geborgen. Inzwischen setzt ein Katastrophentourismus ein.

Am dritten Tag sinkt die Hoffnung, Überlebende retten zu können. Die Hinterbliebenen erhalten Geld, damit sie sich Trauerkleidung kaufen können. In der Nacht doch wieder Hoffnung: Bei Belüftungsbohrungen im Ostfeld werden Klopfgeräusche gehört. Gibt es doch Überlebende?

Es ist reiner Zufall, dass in der Nacht zum vierten Tag nach der Katastrophe ein Team des Hessischen Rundfunks genau an der Stelle ist, an der im Ostfeld Klopfgeräusche gehört wurden. Die Fernsehleute bieten den Grubenrettern an, ein Richtmikrofon in die Tiefe zu lassen – und tatsächlich: Töne sind deutlich zu vernehmen.

Technische Hilfe kommt aus Kassel: Ein hoch empfindliches Mikrofon wird 70 Meter heruntergelassen. Plötzlich sind Stimmen zu hören, ganze Satzfetzen. Etwa: „...die haben ein Loch gebohrt.“

Um 4.21 Uhr ist es soweit. 60 Stunden nach der Explosion findet ein Rettungstrupp sechs Überlebende.

Damit hatte niemand mehr gerechnet. Die sechs waren noch am Leben, weil sie sich in eine Strecke zurückgezoen hatten, in der das tödliche Gas nicht vordringen konnte. Als die Grubenwehr zu ihnen vorstößt, leuchten die Kumpel ihren Rettern mit Taschenlampen entgegen.

Zwei Kilometer müssen sie dann unter Tage bis zum Rettungsschacht zurücklegen, über den sie an die Oberfläche gelangen. Als erster wird Heinz Röse mit dem Förderkorb ans Tageslicht gebracht. 65 Stunden nach der Explosion ist er raus aus der Grube.

Nach und nach kommen die anderen Kumpel nach oben. Es sind neben Röse die Bergmänner Thomas Geppert, Egon Dehn, Ahmet Batkan, Helmut Gessner und Wilfried Dönch.

51 Menschen starben bei der größten Katastrophe der Region nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber sechs konnten gerettet werden. Das Wunder von Stolzenbach war geschehen.

Hintergrund: Prozess zieht sich seit Jahren hin

Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? Normalerweise ist Braunkohle sehr feucht und kann nicht explodieren. Der Wasseranteil liegt bei fast 50 Prozent. Aber: In der Grube Stolzenbach gab es Braunkohle, die nur 21,4 Prozent Wasser enthielt. Es handele sich um „sehr zündwilligen Braunkohlestaub“, heißt es in einem Gutachten der „Berggewerkschaftlichen Versuchsstrecke“ in Dortmund aus dem Jahr 1967. Die Folge: Eine Routinesprengung ließ die trockene Braunkohle explodieren.

Mehr über das Grubenunglück lesen Sie auf Wikipedia

Das Gutachten ist auch Grundlage eines Prozesses vor dem Kasseler Landgericht gegen die Eon (früher PreußenElektra). Denn es besteht der Verdacht, dass die Verantwortlichen wussten, wie gefährlich die Grube ist. Geklagt hat Elke Hergenröder, deren Mann als Hauer in der Grube arbeitete. Der Prozess zieht sich seit 2009 hin.

Der Kasseler Anwalt Sven Schoeller spricht von Prozessverschleppung und reichte eine Rüge bei Gericht ein. Er rechnet mit einem Urteil im Lauf des Jahres 2014. Zurzeit soll noch einmal ein Experten- Gutachten eingeholt werden.

Von Frank Thonicke

In der gedruckten Ausgabe am Samstag lesen Sie außerdem:

  • Die Erinnerungen bleiben - Wilfried Dönch gehörte zu den Bergleuten, die nach vier Tagen aus der Grube gerettet wurden
  • Einsatz ohne jede Scham - Reporterscharen fielen über Stolzenbach und die Opferfamilien her
  • Er räumte Trümmer weg - Adolf Geis wurde zur Unglücksgrube gerufen, um mit einem Kran aufzuräumen
  • Alles ging durcheinander - HNA-Interview: Borkens Bürgermeister Bernd Heßler über das Unglück und die Folgen

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