Schiene soll Straße entlasten

Scherm-Logistik in Borken eröffnet einzigen Railport in Nordhessen 

Vorne Schienen, hinten Tore: Die Scherm-Gruppe setzt beim Güterverkehr auf Autobahn und Schiene zugleich. Von links Logistikleiter Bernd Pfeifferling und Geschäftsführer Swen Oesterheld.
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Vorne Schienen, hinten Tore: Die Scherm-Gruppe setzt beim Güterverkehr auf Autobahn und Schiene zugleich. Von links Logistikleiter Bernd Pfeifferling und Geschäftsführer Swen Oesterheld.

Die Scherm-Gruppe setzt für den Gütertransport nicht mehr nur auf die Straße, sondern auf die Schiene: Am 1. Oktober eröffnet es eine Art Güterbahnhof, einen so genannten Railport. Von ihm aus verlädt Scherm die Waren nicht mehr nur auf Lastwagen, sondern auch auf Waggons. Vom Bahnhof Wabern aus gehen sie auf die weitere Reise und ans Ziel.

Mit diesem umweltfreundlichen Transportsystem hat die Logistikgruppe 2020 bereits mit Transporten für Hengstenberg in Fritzlar über 1000 Tonnen CO2 eingespart, künftig sollen es weitaus größere Emissionsmengen sein, die der Gleisanschluss einspart. Der erweise sich in Zeiten des Klimawandels und des Fahrermangels als umweltfreundliche und zuverlässige Bereicherung und Alternative zum Transport auf der Straße, sind sich Logistikleiter Bernd Pfeifferling und Geschäftsführer Swen Oesterheld einig. Die Monate der Pandemie hätten Scherm deutlich bewiesen, dass die Idee zukunftsfähig sei: Während sich an den Grenzen vieler Länder lange Staus auf den Autobahnen bildeten, seien die Güterzüge weiter durch Europa gerollt.

Jetzt sollen auch Unternehmen ohne eigenen Gleisanschluss vom neuen Logistiksystem, das Schiene und Straße miteinander verknüpft, profitieren und es nutzen können. „Scherm will für den Gütertransport auf der Schiene stehen“, sagt Geschäftsführer Oesterheld.

In der Realität sieht das so aus: Wenn Hengstenberg Tomatenprodukte aus Italien bestellt, kommen die nicht mit dem Lastwagen, sondern mit dem Zug nach Borken. Die Waggons werden in der neuen Halle samt Gleisanschluss ent- und auf Lastwagen verladen und von dort aus zu Lagern in der Region gebracht. So entfallen mehr als 1000 Kilometer Transport auf der Straße, die Autobahnen werden entlastet.

Das duale System ist eine Rückbesinnung auf den Güterverkehr vergangener Jahrzehnte, den das „Just in time“-Prinzip ablöste, bei dem Laster Waren punktgenau anliefern. Der Schienenverkehr verlor damals massiv an jener Bedeutung, die die Autobahn gewann. Aber der Verkehr steht an seiner Belastungsgrenze – auch diese Erkenntnis steht hinter dem Borkener Railport

Von außen wirkt sie wie eine große schlichte Logistikhalle, von innen zeigt sich schnell, dass es das, was die Scherm-Gruppe da in Borken errichtet, kein zweites Mal in Nordhessen gibt: Scherm eröffnet am 1. Oktober den einzigen Railport in der Region. Es ist damit die einzige Halle weit und breit, in der die Ware sowohl auf Lastwagen als auch auf Schienen an- und ausgeliefert wird.

Wenn sich die Tore in der unfassbar großen leeren Halle zum Gleis hin öffnen, könnte man meinen, an einem Frankfurter S-Bahnhof zu stehen. Es fehlen nur ein paar weitere Mitreisende und die schroffe Ansage – „Zurückbleiben, bitte!“ und die Illusion wäre perfekt.

Scherm-Logistik setzt auf Gütertransport

Doch Scherm-Logistik setzt nicht auf den Personen- , sondern auf den Gütertransport. Und das nicht mehr nur über die Autobahnen, auf denen sich tagtäglich endlose Staus bilden und auf denen es nicht nur an Rastplätzen für die Fahrer, sondern auch längst an Fahrern selbst mangelt.

Sieht aus wie eine S-Bahnstation, ist aber tatsächlich eine Logistikhalle mit Gleisanschluss.

Die Idee, das Transportwesen künftig im Wortsinne zweigleisig zu fahren, war bereits vor der Pandemie entstanden, der Bau beschlossen. Jetzt zeigen sich Geschäftsführer Swen Oesterheld und Logistikleiter Bernd Pfeifferling überzeugter denn je vom Railport, den sie als „Logistik-Leuchtturm“ in Nordhessen bezeichnen.

„Jahrzehntelang haben alle auf die Straße und auf das zeitgenaue Anliefern gesetzt – aber das funktioniert auch nicht mehr immer“, sagt Oesterheld und verweist auf den ständig spürbareren Mangel an Fahrern. „Wir wollen das Beste an Schienen und Straßen für unser System herausfiltern“, sagt Oesterheld und verweist auf die „rundum guten Erfahrungen“, die Scherm in den vergangenen Jahren mit Hengstenberg in Fritzlar gemacht habe: Zwischen den Standorten des Unternehmens in Fritzlar und Bad Friedrichshall verkehren bereits Waggons statt Lastwagen. Acht Waggons können on der neuen Halle zur selben Zeit be- und entladen werden, selbst Überseecontainer stellen kein Hindernis dar: Ein spezieller Greifer lädt die riesigen Behältnisse von der Bahn auf den Transporter um.

Letzte Arbeiten: Die Zufahrt für die Lastwagen am Ende der Borkener Carl-Benz-Straße wird noch gebaut.

Scherm will für all diese Ideen nun Kunden gewinnen, das System bekannter machen, das sogar für den Umgang mit Gefahrgütern gerüstet ist.

Der Borkener Standort wird damit zum Vorreiter eines neuen Logistikgedankens. Eines Gedankens, der „schon rein rechnerisch überzeugt, denn auf die Bahn geht deutlich mehr Gewicht als auf jeden Lastwagen“, sagt Bernd Pfeifferling.

Die Schiene-Straße-Kombination soll eine sein, von der alle profitieren: Scherm, die Kunden, die Umwelt, das Klima. Noch dazu sollen mit steigenden Umschlagzahlen auch mehr Arbeitsplätze in Borken geschaffen werden. Das nennt man dann wohl eine win-win-win-win-Situation. (Claudia Brandau)

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