Rückblick auf 2020

Chefarzt zum Corona-Impfstoff: „Ich halte diese Impfung für sicher“

Auch hinter ihm liegt ein turbulentes Jahr: Dr. Carsten Bismarck vor dem Hospital zum Heiligen Geist.
+
Auch hinter ihm liegt ein turbulentes Jahr: Dr. Carsten Bismarck vor dem Hospital zum Heiligen Geist. Er hält den Corona-Impfstoff für sicher und blickt hoffnungsvoll auf das Jahr 2021.

Der Chefarzt des Hospitals zum Heiligen Geist in Fritzlar hält den neuen Corona-Impfstoff für sicher. Er blickt zurück auf das Corona-Jahr 2020 und gibt einen Ausblick auf 2021.

Fritzlar – Es ist ein Blick zurück auf ein aufwühlendes Jahr: Dr. Carsten Bismarck ist Chefarzt des Hospitals zum Heiligen Geist in Fritzlar. Er erlebte in dem Krankenhaus seit Beginn der Corona-Krise mit, welche gesundheitlichen Folgen das Virus haben kann. Im Interview blickt er zurück auf 2020 und auch nach vorn – auf das Jahr 2021.

Herr Dr. Bismarck, was glauben Sie, wie feiern wir Weihnachten und Silvester 2021?

Ich gehe fest davon aus, dass wir im kommenden Jahr ein Weihnachten und Silvester feiern, wie wir es kennen und wie wir es immer gelebt haben. Mit allen Menschen, die uns wichtig sind. Von daher bin ich der festen Überzeugung, dass wir diese Pandemie bewältigen und gestärkt mit wertvollen Erfahrungen, Lehren und medizinischen Erkenntnissen in die Zukunft gehen können.

Und wie angespannt ist die Lage derzeit im Krankenhaus?

Wir haben derzeit 17 Patienten auf unserer C19-Isolierstation und zehn Patienten auf unserer Intensivstation mit vier dort liegenden, beatmeten Covid-Patienten. Die Lage ist angespannt, durch die erheblichen Probleme der Altenheime der umliegenden Regionen mit infizierten Bewohnern und Personal steigt unsere Inanspruchnahme im erheblichen Maße an.

Bedingt durch die Feiertage und die reduzierten planbaren Eingriffe konnten wir die Belegung des Hauses etwas reduzieren und so frei werdende Mitarbeiter in die personalintensiven Covid-Pflegebereiche verlagern. Auch wir verzeichnen einen coronabedingten Personalausfall, allerdings noch in einem überschaubaren Maße.

Was ist Ihre größte Sorge?

Meine größte Sorge ist, dass die Zahlen der behandlungspflichtigen Coronapatienten weiter steigen. Zunächst sind wir davon ausgegangen, dass unser starkes Gesundheitssystem die einzelnen Erkrankungswellen abfangen kann. Das hat bei Teilen der Bevölkerung dazu geführt, dass sich viele zu sicher gefühlt haben, was wiederum zu einem sehr entspannten Umgang mit den Kontaktbeschränkungen geführt hat. Italien, Frankreich, sogar die USA schienen sehr weit entfernt. Aber die Ausbreitungswege von Corona sind für alle Menschen gleich, egal welcher Nationalität oder Hautfarbe sie sind.

Was bedeutet es für Ihre Arbeit, wenn mehr Menschen stationär wegen einer Covid-Erkrankung behandelt werden müssen?

Desto weniger Patienten können einer ebenso wichtigen medizinischen Behandlung ihrer „normalen“ Erkrankungen zugeführt werten. Das liegt an der hohen Personalintensität, die die Behandlung von Covid-Patienten erfordert. Und im Extremfall bedeutet das, dass wir bei ausgeschöpften Behandlungskapazitäten unseres Krankenhaussektors entscheiden müssen, wer dann eine adäquate Therapie erhalten darf. Diesen Vorgang nennen wir Triage.

Mussten Sie bereits eine solche Triage-Entscheidung treffen?

Wir mussten bis heute nicht entscheiden, wem wir diese lebensrettende Therapie zugunsten anderer Patienten versagen mussten. Das liegt auch an der effizienten Patientenverteilung in unserem Versorgungsgebiet, wodurch kritische Patienten notfalls in ein noch Aufnahme- und therapierbereites Krankenhaus verlegt werden können.

Bereiten Sie eine Triage vor und welche Kriterien gelten in einem solchen Fall?

Die Triage im Sinne der Einschätzung von Covid-Patienten ist ähnlich und legt fest, welche Behandlungsintensität, begonnen von einer stationären Überwachung mit Sauerstoffgabe und symptomatischer Therapie bis hin zur intensivmedizinischen Behandlungs- und Beatmungspflichtigkeit, vorliegt und welche nächsten Schritte unternommen werden müssen. Im Katastrophenfall wird die Triage genutzt, um bei begrenzten medizinischen Ressourcen möglichst viele Patienten zu retten.

Mehr Infektionszahlen und Todesfälle: Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die Silvester-Feiertage?

Meine Sorge, gerade zu den Feiertagen, war und ist, dass sich die Menschen über die drohende Gefahr einer weiteren Eskalation und deren Konsequenzen nicht im Klaren sind und weiter die Kontaktminimierung als derzeit einzig wirksames Mittel zur Infektionsvermeidung ignorieren. Ich habe den Eindruck, dass der Tod unserer Mitmenschen sehr anonym stattfindet und der steigende Verlust an wertvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft nicht wahrgenommen wird. Ich wünschte, dass nicht erst der Tod eines nahen Verwandten oder Freundes zum Umdenken führte.

Wir schauen auf ein hartes Jahr zurück. Was ist für Sie persönlich die entscheidende Lehre aus 2020?

Das Jahr 2020 ist in seiner Dramatik, aber auch in seiner Chance einzigartig. Die Lehre für mich aus dem Jahr 2020 ist, dass wir nur gemeinsam als solidarische Gesellschaft die Herausforderungen meistern können. Es kommt auf jeden Einzelnen an!

Gab es in diesem Jahr ein Schicksal eines Patienten, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ich erinnere mich sehr an ein Covid19-erkranktes älteres Ehepaar, welches aus einem Altenheim infolge der Krankheitssymptome in verschiedene freie Krankenhäuser verlegt werden musste. So kam die Frau zu uns, der Mann wurde nach Schwalmstadt verlegt. Beide starben an den Folgen der Covid19-Infektion getrennt voneinander in Fritzlar und Schwalmstadt. Das hat uns sehr berührt.

Angenommen, Sie wären Allgemeinmediziner und ich Ihre Patientin die fragt, ob sie sich gegen SARS-CoV-2 impfen lassen soll – was raten Sie?

Ich bin Arzt und habe erfahren, wie dramatisch Covid19-Erkrankungen verlaufen können, egal wie alt die Patienten waren. Ich habe auch erfahren, wie schmerzhaft die Trennung von unserer Familie, von unseren Freunden und Bekannten sein kann. Ich halte diesen Zustand für absolut unnatürlich und setze alles daran, durch eine Immunität gegenüber diesem Virus wieder ein normales Leben führen zu können. Selbstverständlich halte ich es dringend für nötig, dass wir dem Virus seine Grundlage entziehen. Das geht nur durch eine breite Impfung aller gesellschaftlichen Schichten. Daher die klare Aussage: Ich würde und werde meinen Patienten empfehlen, sich impfen zu lassen. Ich halte diese Impfung für sicher.

Werden Sie Ihre Familie an Silvester sehen?

Wir haben Weihnachten im kleinen Familienkreis mit meinen Eltern, die bei uns wohnen und unseren beiden Söhnen gefeiert. Eigentlich wollten wir uns mit der ganzen Familie hier treffen, haben aber aufgrund der Situation darauf verzichtet. Gleiches gilt für den bevorstehenden Jahreswechsel. (Maja Yüce)

Die Corona-Impfungen sind in Deutschland am Sonntag (27.12.2020) gestartet - doch nicht jeder sollte sich impfen lassen. Zudem klärt Hersteller Biontech über die Nebenwirkungen des Impfstoffs auf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.