Vater war infiziert

„Ich musste weinen“: Kind berichtet über Corona-Isolationen und gewinnt Buchpreis

Die Familie List: mit von links vorne Linus und Julius sowie Holger und Barbara List (hinten) vor der Terrassentür des Quarantänezimmers.
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Von links vorne Linus und Julius sowie dahinter die Eltern Holger und Barbara List vor der Terrassentür des Quarantänezimmers.

Reden durch die Glastür und „Never Walk Alone-Gesänge: Die Köber-Stiftung ruft Kinder auf, über ihre Erlebnisse mit der Corona-Krise zu schreiben. Ein Bericht berührt besonders.

  • Buch-Preis der Köber-Stiftung für Corona-Berichte vergeben
  • Junge aus Fritzlar erhält einen der Preis
  • Sieger schildert emotional über die Corona-Erkrankung seines Vaters

Fritzlar – Es ist eine Geschichte, die nahe geht: Der elfjährige Julius List aus Fritzlar beschreibt in seinem Erfahrungs- und Erlebnisbericht, was das Coronavirus in seiner Familie auslöste. Dazu hatte die Körber-Stiftung und das Corona-Archiv unter dem Motto „Geschichte für morgen. Unser Alltag in der Corona-Krise“ betroffene Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre aufgerufen. Mehr als 1000 Kinder und Jugendliche reichten ihre Berichte ein und Julius erhielt einen der 50 ausgelobten Buchpreise.

Das Corona-Virus

Seit dem 16. März dieses Jahres war bei den Eheleuten Barbara und Holger List mit ihren Söhnen Linus und Julius plötzlich nichts mehr, wie es vorher war. Ausgelöst wurde der radikale Schnitt im gewohnten Tagesablauf durch die Erkrankung des Vaters, der an diesem Tag mit hohem Fieber nach Hause kam und sein in aller Eile hergerichtetes Isolationszimmer bezog.

Julius beschreibt das so: „Am 16. März 2020 schrieb mein Vater meiner Mutter eine WhatsApp: ‘Legt mir mal eine Matratze in mein Arbeitszimmer, habe 38,8 Grad Fieber.‘ Mein Bruder, meine Mutter und ich hatten 20 Minuten Zeit, bis mein Vater zu Hause war.“

Die Vorbereitung auf die Corona-Isolation

Weiter schreibt Julius List: „Wir waren sehr aufgeregt und angespannt. Dann kam Papa mit Mundschutz und Handschuhen und ging sofort in sein Isolationszimmer. Von seinem Zimmer geht eine Terrassentür in den Garten und wir gingen in den Garten, blieben fünf Meter entfernt von der Terrassentür stehen und Papa berichtete, wie es ihm ging.“

Der Vater habe starke Kopf- und Gliederschmerzen, wenig Husten, überempfindliche Haut, Fieber und starke Müdigkeit gehabt. „Mama holte bei einem befreundeten Arzt einen Covid-19-Abstrichtest und Papa machte den Test bei sich selbst und Mama brachte ihn zurück in die Arztpraxis.“

Die ganze Familie begab sich sofort in die häusliche Quarantäne und verließ für das Grundstück zwei Wochen lang nicht. „Am Mittwoch, 18. März, bekamen wir das Ergebnis des Tests: Papa hatte Covid-19. Ich musste weinen, wir hatten zwar damit gerechnet, aber es zu wissen, ist doch noch mal etwas anderes.“

Die Corona-Quarantäne

Die Familie bekam ein Schreiben vom Gesundheitsamt: Der Vater musste 16 Tage in Quarantäne und alle anderen zwei Wochen lang. „Wir hatten alle große Angst, dass Papa schlechter atmen kann und dass einer von uns sich angesteckt haben könnte.“ Sein Vater habe die erste Woche sehr viel geschlafen. Seine Mutter redete mit ihren Söhnen und schwor sie auf die Ausnahmesituation ein.

„Wir hatten jetzt einen hochinfektiösen Menschen in unserem Haus, Covid-19 lebte nur eine Zimmerwand entfernt von uns, unberechenbar, unerforscht, unsichtbar und das war sehr beängstigend.“ Sie alle hätten Angst vor einer Ansteckung gehabt.

Corona in Hessen: Der Zusammenhalt

„Mama sagte, dass Allerwichtigste ist jetzt, dass wir Disziplin bewahren und zusammenhalten. Zusammen schaffen wir das. Und wir sollen an unsere Omas denken, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben“, beschreibt Julius List. Er erzählt, wie Einkäufe organisiert wurden, dass er täglich die Zahlen der Infizierten und Toten in Europa dokumentierte, wie er zusammen mit seinem 17-jährigen Bruder Linus dem Vater ein Ständchen brachte und dessen dreitägigen Verlust des Geschmacks-und Geruchssinnes.

Der Lichtblick am Ende des Corona-Tunnels

Das Ende der Corona-Quarantäne am 1. April beschreibt Julius so: „Wir haben alle Wunderkerzen in der Hand gehabt und laut das Lied „You never walk alone“ angemacht, mitgesungen und dann Papas Tür aufgemacht. Ich bin gleich Papa in die Arme gesprungen und musste weinen vor Erleichterung, dass er es überlebt hat und dass ich ihn wieder sehen und anfassen konnte.“

Im Nachhinein beschreibt Holger List, dass er die ersten Tage der Isolation als irreale Situation empfunden habe, dass er Angst um seine Familie gehabt habe und der Überzeugung gewesen sei, den Infekt zu überstehen. Immer noch mache ihm die eingeschränkte Belastungsfähigkeit, Mangel an Energie und Konzentrationsschwäche zu schaffen. In einem sind sich aber alle Familienmitglieder einig: Auf den großartigen Zusammenhalt der Familie kann man mächtig stolz sein. (Rainer Zirzow)

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