Coronavirus in Schwalm-Eder

Der Krisenstab des Landkreises über den Corona-Notfall - Immer mehr Senioren betroffen

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Corona-Testverfahren: Mit Teststäbchen wird ein Rachenabstrich genommen. 

Telefoninterview mit dem Krisenstab des Schwalm-Eder-Kreises: „Je mehr Tests, desto besser: Nur so bekommen wir einen Überblick über die wirkliche Anzahl der Infizierten.“

Trauriger zweiter Rang: Im Landkreis gibt es im hessenweiten Vergleich das zweithöchste Corona-Fallaufkommen. Wir haben in einem exklusiven Telefoninterview mit dem Krisenstab des Kreises über die Situation gesprochen.

Die Zahl ist erschreckend: Das Fallaufkommen im Schwalm-Eder-Kreis liegt bei 46,1 Coronavirus-Fällen je 100 000 Einwohner. Damit ist klar, der Kreis ist besonders stark betroffen. Es ist die zweithöchste Inzidenz – Gesamtzahl aller bisher bekannten Coronavirus-Infektionen zur Einwohnerzahl ins Verhältnis gesetzt – in Hessen. Landrat Winfried Becker, Erster Kreisbeigeordneter Jürgen Kaufmann, Gesundheitsamtsleiter Dr. Ulrich Klinge und Pressesprecher Stephan Bürger sind die Spitze des Krisenstabes. Fragen und Antworten.

Welche Gründe gibt es dafür, dass im Landkreis so viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert sind?

Es gebe Reiserückkehrer aus vom Virus betroffenen Gebieten. Und: „Durch das Testzentrum gibt es viele Tests und somit auch viele Fälle“, sagt Landrat Winfried Becker. „Je mehr Tests, desto besser: Nur so bekommen wir einen Überblick über die wirkliche Anzahl der Infizierten.“

Welche örtlichen Schwerpunkte gibt es bei der Ausbreitung im Landkreis?

Deutlicher Schwerpunkt ist die Schwalm und deren Umland. Im Altkreis Melsungen gibt es 15 Fälle, im Altkreis Fritzlar-Homberg 50 und im Altkreis Ziegenhain 118. Insgesamt 183 Fälle. „Aber: Das Schneeballsystem läuft, in allen Kreisteilen wird die Zahl der Infizierten steigen“, so Jürgen Kaufmann.

Müssen in der Schwalm strengere Regeln gelten?

„Im Bereich Schwalmstadt haben wir die höchsten Infektionszahlen. Aber: Aus unserer Sicht sind keine weiteren Maßnahmen in einem Gebiet einzuhalten.“

Sind die Schwälmer nun objektiv gefährdeter?

Sofern sich alle Infizierten, und davon sei auszugehen, an alle Isolationsvorschriften sowie die Kontaktpersonen an die Quarantänevorschriften halten, nein. Zudem gehe man davon aus, dass sich alle Menschen im Landkreis an die Kontaktauflagen halten. „Das mindert das Ansteckungsrisiko in hohem Maße“, so Dr. Ulrich Klinge.

Es gibt Kontrollen: Wird das Kontaktverbot eingehalten?

Die Menschen im Landkreis seien sehr diszipliniert. „Wir überprüfen selbst nicht. Ordnungsämter und Polizei tun das. Mit den Bürgermeistern und der Polizei stehen wir im engen, regelmäßigen Austausch“, so Landrat Becker.

Wie wird mit Verstößen umgegangen?

Man wisse von Einzelfällen, dort habe eine entsprechende Ansprache stattgefunden.

Und: Die Erfahrung zeige, dass die direkte Ansprache zur Aufklärung oder Einsicht führe. „Sofern keine Einsicht vorliegt, scheuen wir nicht, gemeldete Verstöße zur Strafanzeige zu bringen“, so der Landrat. Die Polizei habe bereits vier Strafanzeigen gestellt. Ansonsten gehe man davon aus, dass das Land Hessen in Kürze einen Bußgeldkatalog erstelle. „In Nordrhein-Westfalen gibt es einen, der als Beispiel dienen kann“, sagt Stephan Bürger.

Welche weiteren Maßnahmen könnten vom Landkreis getroffen werden, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen?

Wichtig ist die Fortsetzung der bisherigen Maßnahmen – und dabei vor allem die Kontaktreduzierung. Viel mehr Möglichkeiten habe man nicht. „Das öffentliche Leben ist fast auf Null runtergefahren. Das war bei uns schon vor den Bundes- und Landesmaßnahmen so. Wir haben schnell reagiert“, so Landrat Becker. Die meisten Menschen zeigten großes Verständnis für die Einschränkungen.

Worauf kommt es neben der Kontaktreduzierung noch an, um die Ausbreitung zu verlangsamen?

Es müsse ausreichend Schutzkleidung zur Verfügung stehen. Das vor allem im medizinischen Sektor. Es gebe Engpässe. Er hoffe, so Becker, dass man in Deutschland auch von der Pandemie lernt. „Dass es wichtig ist, bestimmte Dinge im Inland zu produzieren. Damit man im Notfall was auf der Schippe hat“, so Becker.

Wie ist der Verlauf der Erkrankung bei den Patienten, die im Landkreis mit dem Virus infiziert sind?

„Eher leicht bis mittel. Ambulant behandelbar. Einzelne stationäre Behandlungen sind aber erforderlich“, so Dr. Ulrich Klinge. Grundsätzlich könne darüber nur schwer Auskunft gegeben werden, da Krankheitsverläufe immer eine Momentaufnahme seien. Es gebe bundesweit Berichte, dass zunächst harmlose Verläufe sich in kurzer Zeit dramatisch verschlechterten.

Gibt es noch immer einen schwerwiegenden Fall – weitere schwere Fälle?

„Wir haben dazu keine Erkenntnisse. Wir werden auch zu einzelnen Fällen keine Auskunft geben. Da verweisen wir auf den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte der Patienten“, so Klinge.

Wie ist das durchschnittliche Alter der im Kreis am Virus erkrankten Leute?

„Die meisten Betroffenen sind in der Altersgruppe 35 bis 59 Jahre. Allerdings beobachten wir, dass zunehmend auch ältere Menschen betroffen sind. Zudem haben wir mehrere Senioren in der Einrichtung Schwalmberg, die positiv getestet wurden“, so Klinge. Bundesweit scheine es einen Trend zu geben, dass nun vermehrt Senioren betroffen sind.

Wie überwacht das Gesundheitsamt, dass die Vorschriften in Krankenhäusern und Altenheimen beachtet werden?

Das Gesundheitsamt stehe in engem Austausch mit den Einrichtungen. Die Beratung erfolge nach den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI). Die Verantwortung für die Einrichtungen liege bei den Einrichtungsleitungen.

Wie viele der Menschen, die im Kreis erkrankt waren, gelten als geheilt?

„Dazu können und wollen wir keine Angaben machen“, sagt Klinge. Denn: Die Definition sei nicht klar. „In vielen Statistiken werden all die, die nach einer Infektion wieder ohne Symptome aus der häuslichen Isolation entlassen werden als genesen geführt. Das sollte nach unserer Auffassung aber nach nochmaliger hausärztlicher Untersuchung beurteilt werden.“

Es heißt, das Material für Corona-Tests gehe aus. Wie steht es um den Bestand im Landkreis?

„Wir selbst haben noch ausreichend Abstrichmaterial zur Verfügung. Der Engpass liegt derzeit in den Laborkapazitäten“, so Dr. Klinge.

Gibt es im Kreis auch Pläne für Hilfskrankenhäuser?

„Im Pandemieplan des Landkreises sind diese aufgeführt und könnten bei Bedarf hochgefahren werden. Wir gehören zum Versorgungsgebiet 1 in Nordhessen, dazu zählen Stadt und Landkreis Kassel, Waldeck-Frankenberg, Werra-Meißner und der Schwalm-Eder-Kreis“, sagt Becker. Der Planungsstab sitze im Kasseler Klinikum und werde über Landkreisgrenzen hinaus die optimale Versorgung koordinieren.

Könnte das Homberger Krankenhaus im Notfall reaktiviert werden?

„Wir haben schon verschiedene Szenarien geplant. Auch solche, wo in Notfällen weitere Kapazitäten für Behandlungsbetten von Infizierten benötigt würden, sofern die Krankenhauskapazitäten nicht ausreichen würden. Dabei spielt das ehemalige Krankenhaus in Homberg keine Rolle. Der Aufwand wäre viel zu groß“, so Becker.

Welche Einrichtungen im Landkreis kämen infrage?

„Da wird nicht in Kreisgrenzen gedacht. Wenn die Häuser der Grund- und Regelversorgung nicht ausreichen, wäre es denkbar, Rehakliniken zu nutzen“, so Becker.

Von Maya Yüce

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