1. Startseite
  2. Lokales
  3. Fritzlar-Homberg

In Borken geht eine Ära zu Ende: Das Lädchen ist Geschichte

Erstellt:

Von: Claudia Brandau

Kommentare

Zeigte viel Einsatz: Werner Krell (rechts) stand mehr als neun Jahre der Genossenschaft vor, die hinter dem Kleinengliser Lädchen für alles stand. Samstag macht der Betrieb, in dem Roman Temirgaliev arbeitete, dicht.
Zeigte viel Einsatz: Werner Krell (rechts) stand mehr als neun Jahre der Genossenschaft vor, die hinter dem Kleinengliser Lädchen für alles stand. Samstag macht der Betrieb, in dem Roman Temirgaliev arbeitete, dicht. © Claudia Brandau

Mehr als neun Jahre hat das Kleinengliser „Lädchen für alles“ die Menschen mit Lebensmitteln und Getränken versorgt. Am Samstag wird es geschlossen.

Kleinenglis – Die Defizite waren zu hoch, um es weiterzuführen. Werner Krell macht keinen Hehl aus seiner Enttäuschung: Wenn am Samstag (10. Dezember) das Kleinengliser „Lädchen für alles“ um 12.30 Uhr seine Türen zum allerletzten Mal schließt, geht für ihn eine fast zehnjährige, wichtige Ära zu Ende.

Eine, in die er unendlich viel Zeit, Arbeit, Nerven und Herzblut investiert hat: Über neun Jahre lang, von Beginn an, stand Krell der Genossenschaft vor, die den Nahversorger in der Ortsmitte initiiert, gegründet, eingerichtet, gemanagt, am Laufen gehalten hat. Bis jetzt.

Und auch, wenn der Starthilfe Ausbildungsverbund als Betreiber des Lädchens die Kündigung schon vor Monaten ausgesprochen hatte, ändert das nichts an der Tatsache, dass es Werner Krell schmerzt, dass das Projekt, das 2013 mit so viel Elan und Energie gestartet wurde, nun gescheitert ist. Damit steht er nicht allein da: „Auch wir sind selbst sehr traurig über diese Entwicklung“, sagt Alexander Nonn, der als Tegut-Bezirksleiter in der Vergangenheit für das Lädchen verantwortlich gewesen war.

Schwalm-Eder Kreis: Schließung in Broken ist unvermeidlich gewesen

Doch die Schließung sei für den Starthilfe Ausbildungsverbund Schwalm-Eder, der in Kleinenglis als Bildungsträger und Marktbetreiber tätig war, unvermeidlich gewesen: „Das Lädchen wird schlicht aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen – es konnte nicht mehr kostendeckend betrieben werden“, so Alexander Nonn.

Der Ausbildungsverbund als gemeinnütziger Verein könne keine Defizite mehr ausgleichen: „Diese Entscheidung bedauern wir sehr, akzeptieren sie aber selbstverständlich.“ Das muss auch die Genossenschaft, deren mehr als 300 Mitglieder seit 2013 geschlossen hinter dem Lädchen standen.

Borken zieht nicht mit: Die Enttäuschung ist groß

Die Entscheidung zu akzeptieren, ist die eine Sache. Die andere aber ist es, mit der Enttäuschung klar zukommen, sagt Krell: „Die Tatsache, dass unterm Strich das Dorf nicht mitgezogen hat, die geht mir richtig an die Nieren.“ Der Umsatz habe vorne und hinten nicht gereicht. „Nur in den Ausverkaufstagen, da war der Laden voller Menschen und somit die Regale schnell leer.“

So wie damals, in Coronazeiten: Da habe man das Toilettenpapier schon fast vor den Käufern beschützen müssen, die es den Mitarbeitern beim Einräumen in die Regale aus den Händen rissen. „In der Pandemie hat der Laden gebrummt, da sahen die Zahlen richtig gut aus: Doch als die Lockerungen kamen, alle wieder in den Discountern einkauften, ging der Umsatz in den Keller.“

„Lädchen für alles“ im Schwalm-Eder Kreis: Bis zum Ende war man in Broken zuversichtlich

Dennoch sei er zuversichtlich geblieben, habe festgehalten am Gedanken, dass an das Lädchen mit seinen 4500 Artikel des täglichen Gebrauchs als örtlicher Versorger wichtig und gefragt sei. Selbst noch im Mai, als der Starthilfe Ausbildungsverband mitteilte, dass er zum Jahresende die Marktführerschaft aufgebe, habe er nicht ans Ende geglaubt: „Ich habe wirklich gedacht, dass es sich lohnt, zu kämpfen.“

Heute tragen die Kunden die letzten Waren raus: Mitarbeiter Sven Meyer vor den Regalen, die in den letzten Tagen leer gekauft wurden.
Die Kunden tragen die letzten Waren raus: Mitarbeiter Sven Meyer vor den Regalen, die in den letzten Tagen leer gekauft wurden. © Claudia Brandau

Und so suchte die Genossenschaft nach einem potenziellen anderen Betreiber – und fand einen. Doch als der die Bücher und Zahlen eingesehen hatte, habe er abgewunken: „Das war wie ein Schlag in die Magengrube“, sagt Krell.

Borken: Räumung des Ladens steht an

Zeit, sich davon zu erholen, bleibt nicht: Wenn die Tür Samstagmittag hinter dem letzten Kunden zugeht, beginnt eine Arbeit, die wohl niemand aus der Genossenschaft je hatte übernehmen wollen: Der Laden muss ausgeräumt werden. Tegut wird die Kasse und Technik abholen, im Januar müssen die Räume so hergerichtet werden, dass sie dem Vermieter übergeben werden können. Das erfolgt in Eigenleistung – die Motivation wird aber, anders als bei den Arbeiten vor der Eröffnung 2013 – eher gedämpft sein.

Krell will dann seinen Mitstreitern auch noch mal Danke sagen. Dank gelte auch jenen drei Unternehmen, die mithalfen, das Lädchen am Laufen zu halten: Fenster-Möller und Alessandro Schmidt vom Malerbetrieb Fürst aus Kleinenglis und der VR Bank Bad Salzungen Schmalkalden: „Wenn wir von allen Seiten soviel Unterstützung wie von diesen Firmen und der Bank gehabt hätten, lägen die Dinge heute wohl anders.“

Dass alle der – in Hochzeiten bis zu sechs – Mitarbeitenden des Lädchens neue Jobs gefunden haben, wie Tegut mitteilt, mag ein Trost für viele sein. Aber bestimmt nicht für alle.

Ortsvorsteher von Kleinenglis: „Das ist ein herber Verlust fürs Dorf“

Ortsvorsteher Dennis Döring bezeichnet die Schließung als einen herben Verlust für Kleinenglis: „Jetzt gibt es weder einen Laden, noch einen Bäcker oder Metzger.“ Der letzte Fleischer im Ort habe wegen Personalmangels aufgeben müssen und damit ein großes Loch in die Nahversorgungskette gerissen.

Döring bedauert die Schließung in vielerlei Hinsicht: „Das Lädchen war für viele Kleinengliser auch eine wichtige Anlaufstelle, um sich auszutauschen.“ Die Genossenschaft habe zusammen mit dem Ortsbeirat versucht, mit Flyern und Aktionen den Umsatz zu steigern und das Lädchen am Leben zu erhalten – doch vergeblich.

Unterstützung aus Borken: Am Ende hat es nicht gereicht

Auch die Stadt Borken habe die Genossenschaft unterstützt, habe das Lädchen sowohl mit organisatorischer als auch finanzieller Hilfe versucht, das Lädchen zu retten. „Aber der Konkurrenzdruck der großen Märkte war einfach zu groß“, sagt Dennis Döring: „Man kann in einem solch kleinen Geschäft eben nicht dasselbe Angebot wie in einem großen Markt machen.“

Zudem müssten viele Menschen gerade stark aufs Geld schauen: „Die vielen Krisen haben die Lage des Lädchens nicht gerade verbessert.“ Er kritisiert am Ende die Informationspolitik des Starthilfe Ausbildungsverbundes. „Es gab einfach keinerlei Infos für die ehrenamtlichen Akteure“, sagt Döring. (Claudia Brandau)

Zuletzt wurde die erste Freiraumstationen in Borken eröffnet.

Auch interessant

Kommentare