Wissenschaft schützen

„Dunkelziffer extrem hoch“: Debora Weber-Wulff über „falsche Ärztin“, Plagiate und Schaden für Wissenschaft

Prof. Dr. Debora Weber-Wulff sitzt mit gefalteten Händen an einem Tisch vor einem Laptop und schaut zur Seite
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Sie ist Deutschlands bekannteste Plagiatsjägerin: Prof. Dr. Debora Weber-Wulff ist Professorin für Medieninformatik an der HTW Berlin.

Debora Weber-Wulff ist Plagiatsjägerin. Sie ist auch auf den Fall Meike S. aufmerksam geworden.

Schwalm-Eder – Ihr Ziel ist es, Plagiate aufzuspüren und die Wissenschaft zu schützen: Debora Weber-Wulff gilt als die deutsche Plagiatsjägerin schlechthin. Auch mit der Doktorarbeit von Meike S., die als falsche Ärztin am Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar gearbeitet hat und die für den Tod von fünf Menschen verantwortlich sein soll, hat sich die ehrenamtlich arbeitende Gruppe von VroniPlag-Wikis beschäftigt - wir sprachen mit ihr.

Wie wurden Sie auf die Doktorarbeit von Meike S. aufmerksam?
Im November 2019 berichtete Ihre Zeitung über den Fall, das hat mich neugierig gemacht, weil ich mich grundsätzlich für Plagiat interessiere. Schnell konnte man feststellen, dass es viele flächige Übernahmen gibt.
Bedeutet das, dass ganze Absätze abgeschrieben wurden?
Es wurde aus mehreren Quellen, sogar aus Wikipedia, flächig übernommen. Komplette Absätze von bis zu zwölf Zeilen wurden wörtlich übernommen. Nahtlos – ohne das Nennen der Quellen.
Wie ordnen Sie die Arbeit von Meike S., die damals noch Meike W. hieß, im Vergleich mit anderen Plagiaten ein?
Es liegt keine besondere Dreistigkeit vor, der Verdacht auf Plagiate ließ sich schnell bestätigen. Solche Fälle gibt es leider sehr oft. Bislang wurden 22 Fragmente dokumentiert und es gibt eine lange Liste von weiteren Quellen, aber die Prüfung ist noch nicht weiter geführt worden. 
Wann wird das soweit sein?
Man kann eigentlich nie abschließend sagen, wie viel insgesamt plagiiert wurde. Denn man kann nur feststellen, wie viele Quellen man gefunden hat. Es könnte noch weitere geben, die man aber noch nicht entdeckt hat.
Meike S., die als falsche Ärztin in Fritzlar gearbeitet hat, hat ihren Doktortitel an der Uni Kassel im Bereich Naturwissenschaften erworben. Worum ging es in der Arbeit?
Es ist natürlich keine medizinische Arbeit. Es geht um Biologie, um Biomarker und die Entstehung von Krebs. Konkret um Milz-, Darm- und Prostatakrebs.
Der Anwalt von Meike S. hat Widerspruch gegen die Aberkennung des Doktortitels durch die Uni Kassel eingelegt. Welche Erfahrungen haben Sie mit solchen Widersprüchen?
Die Rechtssprechung ist sehr oft sehr dicht bei den Universitäten. Allerdings vermute ich, dass der Fall sich durch den Widerspruch jetzt noch Jahre hinziehen könnte.
Ist es schwierig, Plagiate zu entdecken?
Ganz oft ist es das nicht. Man findet meist schon etwas durch einfache Internetrecherche. Viele Studenten bedienen sich bei Wikipedia oder anderen wissenschaftlichen Onlinetexten und auch bei Zeitungsartikeln. 
Warum fällt so eine offensichtliche Übernahme von Inhalten bei der Prüfung an den Unis nicht auf?
Die Universitäten haben schlicht keine Ressourcen. Wenn es gut läuft, ist eine Ombudsperson ein ehemaliger Professor, der sich etwas Zeit für die Recherche nehmen kann. Andernfalls müsste die Recherche von den Mitarbeitern in ihrer freien Zeit stattfinden. Naja und was hinzukommt: Die Professoren müssten die Doktorarbeiten auch ganz lesen. Wäre das so, würde mehr auffallen, davon bin ich überzeugt. 
Wenn VroniPlag Wiki einem Plagiat auf die Spur gekommen ist, informieren Sie dann die Uni?
Wenn etwas gefunden wurde und die Qualitätssicherung abgeschlossen ist, werden die Universitäten informiert. VroniPlag Wiki arbeitet aber nicht aktiv mit ihnen zusammen.
Wie viele Dokumentationen über Plagiate gibt es von VroniPlag Wiki?
Bisher wurden 210 Dokumentationen mit Namensnennung veröffentlicht.
Wieviele Dokumentationen davon betreffen die Uni Kassel?
Zwei Dissertationen der Universität Kassel sind dabei.
Es ist bekannt, dass man Plagiate entdecken kann. Warum wird noch immer so viel geschummelt?
Die Dunkelziffer ist extrem hoch und es passiert auch nicht wirklich viel, wenn man plagiiert. Es gibt kein Strafverfahren. Jemandem den Doktortitel zu entziehen, ist ein Verwaltungsvorgang. Und der kann sich lange hinziehen. Mich ärgert vor allem der Schaden an der Wissenschaft, der durch die Plagiate entsteht. Mein Fokus ist auf die Werke, nicht die Personen gerichtet.
Den Titel zu entziehen, wird aber sehr wohl als Strafe verstanden.
Klar, weil es eine Herabsetzung ist. Der Doktortitel wird in Deutschland ja als Adelstitel des Bürgertums empfunden. Manche wechseln nach einem Entzug des Titels ihren Namen – etwa durch Heirat. 
Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren an den Universitäten in Sachen Aufklärung getan?
Bislang gibt es nur kleine Schritte. Es wurden Softwareprogramme zur Aufdeckung von Plagiaten angeschafft, die aber nur teilweise funktionieren. Es gibt Seminare über die gute wissenschaftliche Praxis. Aber das reicht lange nicht aus.
Allein die Softwareprogramme erkennen die Übereinstimmung nicht, wenn jemand eine Quellenangabe von „Island und Grönland“ auf „Grönland und Island“ abändert, ist das für die Software nicht dieselbe Zeichenreihe. 
Verliert man als Plagiatsjägerin manchmal auch den Glauben an die gute wissenschaftliche Praxis?
Manchmal schon, vor allem, wenn sich über Jahre nur sehr wenig bewegt und manche Universitäten auf meine Hinweise nicht reagieren. Das kommt vor und das macht mich ärgerlich. Denn es gibt kaum energische Beschäftigung mit Plagiaten in Deutschland. Und wenn uns das schon nicht bei Plagiaten gelingt, wie will man dann erst Ghostwriter entdecken?
Gibt es Fachbereiche, bei denen in den Doktorarbeiten häufig kopiert wird?
Das kann man nicht sagen, weil man nicht weiß, wie viele Plagiate es gibt. Grundsätzlich gilt aber: Plagiate in Doktorarbeiten sind längst keine Singularitäten mehr. Alle Fachbereiche sind betroffen. 26 Prozent aller Doktortitel in Deutschland gibt es in der Medizin. 
Schon seit der Schulzeit müsste klar sein, dass man nicht abschreiben sollte. Sind es denn immer bewusste Plagiate?
Manchmal liegt es auch an der Unkenntnis der Studierenden darüber, wie gute wissenschaftliche Praxis gelebt wird. Wie zitiert man richtig, wann muss man eine Fußnote setzen – so etwas muss an den Universitäten eingeübt werden, auch wenn man glauben könnte, dass das jeder wissen müsste.
Nicht zuletzt gibt es darüber auch viele Bücher, die muss man nur lesen. Und es muss auch klar sein, dass ein Text nicht zum eigenen Text wird, wenn man ihn etwas umschreibt. 
Sie wurden für Ihre Arbeit angefeindet. Warum machen Sie weiter?
Anfangs wurden wir mehr angefeindet. Aber mittlerweile ist auch vielen klar, dass VroniPlag Wiki gute Arbeit macht und der Wissenschaft damit hilft.

Zur Person:

Prof. Dr. Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatik an der HTW Berlin und seit zehn Jahren bei VroniPlag Wiki aktiv. Mehr Informationen will sie nicht über sich preisgeben: Bei Plagiatsfällen sei es egal, wer die Person sei, die darauf hinweist; zentral sei, was man in einer Gegenüberstellung belegen und sehen könne, nämlich Hochschulschrift und Quelle, und welcher Art in Qualität und Quantität die Missachtung wissenschaftlicher Standards ist, hat die Gruppe mitgeteilt. (Maja Yüce)

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