430 Lkw täglich

Grifte kämpft weiter für Tempo 30 - Hessen Mobil macht wenig Hoffnung

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Lärm-Verstärker: Sandra und Bernd Benthin vor dem Tunnel über dem Pilgerbach, der unter der Guxhagener Straße entlang führt und das Poltern von Lastwagen zusätzlich verstärkt.

Das Geschirr klappert in den Schränken, kein Bild hängt gerade an der Wand, nachts scheppert es so laut, dass man kerzengerade im Bett sitzt. Die Rede ist vom lärmgeplagten Edermünder Ortsteil Grifte.

Seit zwei Jahren steigen die Verkehrszahlen wieder stark, täglich donnern im Schnitt 430 schwere Lastwagen über die Guxhagener Straße. Dabei gilt in der Ortsdurchfahrt seit 2008 eigentlich ein Durchfahrtsverbot für Lkw. Eine Bürgerversammlung mit Landrat Winfried Becker und Vertretern von Hessen Mobil sollte den gewünschten Fortschritt bringen, zurück bleibt bei vielen aber das Gefühl der Enttäuschung, wieder vertröstet worden zu sein. Bürgermeister Thomas Petrich kritisierte, dass das Regierungspräsidium als wesentlicher Entscheider nicht an solchen Versammlungen teilnimmt.

Das Ziel

Die Verkehrsbelastung gehe weit über das erträgliche Maß hinaus, sagte er vor rund 100 Gästen. Deshalb hatte das Parlament bereits im vergangenen Jahr einstimmig eine Resolution beschlossen: Bis zur Sanierung der geschädigten Straße sollte Tempo 30 her. Ursache für den starken Verkehr ist die Sanierung der Bergshäuser Brücke an der A 44. Viele Lastwagenfahrer kürzen die offizielle Umleitung ab und nehmen stattdessen die Strecke über die Ortsdurchfahrt, um zur A 7 zu gelangen.

Das Problem

In der Ortsdurchfahrt sorgen vor allem zwei Besonderheiten für eine Verstärkung des Lärms. Die Guxhagener Straße weist starke Dehnungsfugen auf, die beim Darüberfahren für lautes Scheppern sorgen. Außerdem befindet sich unter der gesamten Straße ein Tunnel über dem Pilgerbach, der wie ein Resonanzkörper den Lärm noch verstärkt. Die Entscheidung, Tempo 30 einzuführen, liegt beim Landkreis. Doch dafür ist die Zustimmung des Regierungspräsidiums notwendig, die wiederum zuerst eine Lärmschutzberechnung von Hessen Mobil erfordert.

Die Berechnung

Dabei stehen Mitarbeiter nicht etwa mit einem Dezibelmessgerät an der Straße. Mit einem Computer werden alle möglichen Verkehrsszenarien für das Gelände erstellt. Es wird berechnet, bei welchen Häusern eine Überschreitung der Grenzwerte der Fall ist. „Wir loten dabei alles aus, was im gesetzlichen Rahmen möglich ist“, sagte Anita Feder-Krantz von Hessen Mobil. Um Tempo 30 zu erreichen, ist aus der Sicht des Regierungspräsidiums folgendes entscheidend: An wie vielen Häusern werden Grenzwerte überschritten und wie viele würden von einer Geschwindigkeitsreduzierung spürbar profitieren?

Das Ergebnis der komplexen Berechnungen rief verständnisloses Kopfschütteln hervor. In Grifte treffe das nur auf drei Häuser zu – wohl zu wenig für Tempo 30. „Das Berechnungsmodell stimmt nicht mit der Realität vor Ort überein, weil weder die Dehnungsfugen noch der Tunnel berücksichtigt werden“, lautete die Kritik.

Der Antrag

Eine Nachricht wurde trotzdem mit donnerndem Applaus kommentiert. Landrat Becker wird trotz der ernüchternden Ergebnisse einen Antrag beim Regierungspräsidium auf eine Ausnahme stellen, um Tempo 30 zu erwirken. Zeitgleich werde man Minister Tarek Al-Wazir in einem Schreiben dazu auffordern, sicherzustellen, dass das Regierungspräsidium dem auch zustimmt, sagte Bürgermeister Petrich.

Kontrollen sind Glückssache: Anwohner klagen über Lkw-Lärm

Seit Jahrzehnten plagt permanenter Auto- und Schwerverkehr die Anwohner in der Ortsdurchfahrt Grifte. Bei vielen sitzt der Frust und Unmut tief: „Wir fühlen uns nicht ernst genommen von der Politik“, kritisieren Grifter. Hinzu komme, dass viele Brummifahrer die Straße als Rennstrecke sehen, berichten Einwohner. „Viele rasen hier mit 70 km/h durch, vor allem nachts.“ 

Das Durchfahrtsverbot für Lastwagen gilt bis 2020, doch immer noch gebe es viele Ausnahmegenehmigungen, sagte Stephan Wassmuth vom Ordnungsamt. Diese erteilt das Regierungspräsidium. Die Gemeinde könne zwar jeweils eine Stellungnahme dazu abgeben, doch das habe keine Wirkung auf die Entscheidung, erklärte Bürgermeister Thomas Petrich. So donnern laut Zahlen der Gemeinde immer noch täglich 432 schwere Lastwagen über die Guxhagener Straße. 

Nicht jeder ist für Lkw-Kontrollen ausgebildet

Das Problem liegt darin, die zu erwischen, die keine Genehmigung haben. Der Leiter des Ordnungsbehördenbezirks, Frank Werner, stellte beispielhaft eine Messung der stationären Blitzeranlage bei der Ernst-Reuter-Schule vor. Diese erfasst bei speziellen Messungen in einem Zeitraum von 48 Stunden alle Fahrzeuge, die schneller als 10 km/h fahren. Das Ergebnis: 325 Mal löste die Kamera aus, davon 102 Lastwagen ohne eine Genehmigung. Doch jeder wird in einem Verfahren noch mal angehört, ob er einen plausiblen Grund hatte, durchzufahren. Dies sei beispielsweise bei Zulieferern der Fall. Aber die Bewohner sind sich sicher: „Viele Lastwagen fahren hier durch, sogar bis zum Ratio.“ 

Auch Bußgelder in Höhe von 20 Euro bringen nicht die gewünschte Abschreckung, sagte Polizeihauptkommissar Dirk Daniel. Polizeikontrollen finden zwar in unregelmäßigen Abständen statt, bringen aber wenig Ausbeute, erklärte er. „Wir können nicht wie eine stationäre Anlage 24 Stunden am Tag dort stehen, sondern nur eine begrenzte Zeit.“ Außerdem sei nicht jeder speziell für die zeitaufwendigen LKW-Kontrollen ausgebildet. Bei den vielen Ausnahmegenehmigungen sei es reine Glückssache, diejenigen ohne herauszufiltern.

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