Interview: "Bin gegen Weichspülen"

SPD-Landtagsabgeordneter Günter Rudolph spricht über Perspektiven auf dem Land 

+
Günter Rudolph in seiner Heimat Edermünde Haldorf. Dort trat er mit 16 Jahren in die SPD ein.

Seit seiner Jugend bestimmt Politik sein Leben, heute ist er Parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer der SPD im Landtag. Wir haben mit Günter Rudolph über das Tief seiner Partei gesprochen und warum er keine Lust hat, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen.

Herr Rudolph, die SPD ist seit Längerem auf dem absteigenden Ast. Zieht Sie das auch runter?

Ich bin nicht immer damit einverstanden, was die Partei beschließt. Aber die SPD ist die älteste demokratische Partei Deutschlands und hat in schwierigen Zeiten, im Ersten und Zweiten Weltkrieg, am Wiederaufbau Deutschlands mitgearbeitet. Darauf können wir stolz sein.

Sie sind mit 16 in die Kommunalpolitik eingestiegen. Wie haben Sie Politik damals erlebt?

Die Diskussionen waren sehr polarisierend. Es war eine spannende Zeit. Ich habe das geteilte Deutschland mit der Grenze miterlebt, ich kenne noch Stacheldraht und das Europa zu Zeiten des Kalten Krieges. Wir leben in Deutschland seit 1945 in Frieden. Das ist eine Errungenschaft, die man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen darf, etwa mit Nationalismus.

Wenn Sie sich die politische Landschaft angucken, machen Sie sich Sorgen?

Ja. Wir müssen aufpassen. Natürlich macht man in einer Demokratie auch Fehler. Aber wenn Populisten, derzeit insbesondere von der rechten Seite, sagen, dass Altparteien an allem Schuld sind, dann ist das ein fatales Signal. Populisten neigen zu einfachen Antworten und suchen Sündenböcke in der Gesellschaft. Leider gelingt es nicht, Leute davon abzuhalten, die AfD zu wählen. Deshalb müssen wir diejenigen sein, die Antworten auf Fragen und Ängste geben.

Nach mehreren Wahldebakeln: Was muss die SPD tun, um wieder eine Volkspartei zu werden?

Die SPD hat immerhin nach wie vor über 400 000 Mitglieder. Ich will, dass die Sozialdemokraten stärker werden und wieder Regierungsverantwortung in Hessen übernehmen, dann kann man auch gestalten. Dazu muss eine Partei natürlich von sich selbst überzeugt sein. Wer das nicht ist, kann auch keine anderen überzeugen. Solange ich politisch wirken kann, werde ich daran arbeiten.

Wie sieht es denn bei Ihnen persönlich aus? Schon Nachfolgerpläne für die nächste Wahlperiode?

Meine Philosophie: Solange ich den Job wahrnehme, mache ich den mit voller Energie, volle Pulle sozusagen. Natürlich muss die Gesundheit mitspielen und man muss noch ein Ziel vor Augen haben. Aber die Frage nach dem Ruhestand stellt sich für mich nicht.

Welche Ziele wollen Sie noch erreichen?

Dass der ländliche Raum eine Perspektive bekommt: bezahlbares Wohnen, Kita-Plätze, Einkaufsmöglichkeiten und schnelles Internet. Der ländliche Raum darf nicht abgehangen werden. Dort wohnen weniger Menschen, sie haben aber auch ein Recht auf vernünftige Lebensbedingungen.

Was kann man auf kommunaler Ebene erreichen, was im Landtag nicht geht?

Man kann kleine Dinge auf den Weg bringen und die Lebenssituation von Menschen verbessern. Außerdem gibt der Kontakt zu den Mitgliedern eine gewisse Bodenhaftung. So weiß man immer, wo der Schuh drückt. Wenn ich als Kommunalpolitiker feststelle: Die Kosten der Gemeinde werden immer mehr, während in Wiesbaden gesagt wird, dass alles kein Problem sei. Dann klaffen Realität und Wirklichkeit auseinander. Wiesbaden ist dann weit weg vom Lebensalltag.

Sie sind dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ist das immer klug?

Ich habe keine Lust, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, seine Folgen abzuwägen. Man muss glaubwürdig rüberkommen und wissen, wie man die Leute erreicht.

Das muss auch das Ziel für die SPD sein. Die Leute sollen wieder einen klaren Unterschied zu anderen Parteien erkennen. Deshalb: klare Ansagen. Ich bin gegen das Weichspülen und „wir haben uns alle lieb“.

Sie sind im Edermünder Parlament, im Kreistag und im Landtag. Bestimmt Politik von morgens bis abends Ihr Leben?

Nein, das wäre schlimm. Man muss auch sehen, dass es neben der Politik noch etwas anderes gibt. Im Sommer bin ich zum Beispiel oft mit dem Fahrrad unterwegs. Mit meiner Partnerin haben wir schon viele Touren gemacht. Der Weserradweg steht noch auf unserer Agenda.

Zur Person

Günter Rudolph (63) wurde in Haldorf geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung zum gehobenen Verwaltungsdienst und arbeitete bei der Stadt Kassel. Mit 16 trat er in die SPD ein. Seit 1977 sitzt er im Gemeindeparlament Edermünde, seit 1982 ist er SPD-Fraktionsvorsitzender. Seit 1997 sitzt er für die SPD im Kreistag und ist seit 2002 Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion. 1995 wurde Rudolph in den Hessischen Landtag gewählt. Rudolph ist liiert mit Hiltrud Wall. Das Paar pendelt zwischen Haldorf und Wiesbaden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.