„Ein gewaltiges Zeichen“

Papst ruft zur Aufnahme von Flüchtlingen in katholischen Gemeinden auf

Schwalm-Eder. Papst Franziskus hat katholische Gemeinden in Europa dazu aufgerufen, Wohnungen und Häuser für Flüchtlinge bereitzustellen.

Der Papst rief angesichts der Flüchtlingskrise in Europa alle Pfarreien, religiöse Gemeinschaften, Klöster und Heiligtümer auf, eine Familie aufzunehmen. Die Bischöfe sollten ihre Diözesen dazu drängen. Ein Appell, der von den katholischen Gemeinden im Landkreis nicht ohne weiteres umzusetzen ist, denn es fehlt vor allem kirchlicher Wohnraum. Wir haben uns in einigen katholischen Gemeinden umgehört:

Fritzlar und Wabern 

„Das ist ein sehr positives Signal und ein gewaltiges Zeichen“, sagt Fritzlars Stadtpfarrer Jörg-Stefan Schütz. Allerdings gebe es in den Gemeinden Fritzlar, Ungedanken und Wabern noch keine konkreten Planungen. Man werde darüber mit den Pfarrgemeinde- und dem Verwaltungsrat beraten. Denn man müsse die Menschen auch würdig unterbringen, und dabei gelte es, einige Faktoren zu bedenken.

Wichtig sei aber auch, dass man es schafft, Menschen jeder Religion willkommen zu heißen, ohne ihnen das Gefühl zu geben, dass sie in das katholische Boot gezogen werden. „Wir wollen begleiten und Geborgenheit geben und nicht abwerben“, so Schütz.

Die Kirche habe zwar in Fritzlar Immobilien, wie etwa das Gebäude, in dem der Kindergarten St. Joseph untergebracht war, doch müsste dort erstmal im Millionen-Bereich investiert werden. „Das können wir nicht.“

Gudensberg 

„Es ist eine gute Idee“, sagt Simon Graef, Pfarrer in Gudensberg. Er sehe eine Möglichkeit auf privater Ebene, allerdings müssten das die Menschen selbst entscheiden. „Das kann man niemandem aufzwingen“, sagt Graef.

Jedoch sei die Stimmung in der katholischen Gemeinde in Gudensberg so, dass man Flüchtlinge willkommen heiße. „Viele aus unserer Gemeinde haben selbst eine Flüchtlingsvergangenheit“, sagt Graef. Deshalb könne er sich vorstellen, dass die Bereitschaft zur privaten Aufnahme da sei. Die Kirchengemeinde selbst habe in Gudensberg keine leer stehenden Räume, in denen man Flüchtlinge würdig unterbringen könne. „In unserem Gemeindehaus gibt es nicht die entsprechenden sanitären Anlagen.“

Homberg und Borken 

„Ich glaube, dass der Appell des Papstes helfen kann, ich fürchte aber, dass nicht alle auf ihn hören werden“, sagt Pfarrer Stefan Ott, der für Homberg und Borken zuständig ist. Die Pfarrei habe keine freien Räume, man könne ja auch nicht irgend einen Raum zur Verfügung stellen. „Die Menschen sollen sich willkommen fühlen und auch etwas bleiben können“, so Ott. Viele Gemeindemitglieder hätten selbst einen Migrationshintergrund und lebten meist nicht in großen Eigenheimen, da sei es nicht einfach, zusätzlichen Platz zur Verfügung zu stellen.

Neuental, Jesberg und Bad Zwesten 

Pfarrer Reinhold Lambert begrüßt den Vorstoß von Papst Franziskus. „Gastfreundschaft ist ein Ausdruck der Nächstenliebe“, sagt der Geistliche. Er sehe die Kirche in der Pflicht, offen für die Nöte in der Welt zu sein. In seiner Gemeinde könne er Flüchtlingen keine Unterkunft geben. „Wir haben keinen Raum“, erklärte er. Stattdessen wolle sich Lambert anders einbringen. Beim Fest der Begegnung in Bad Zwesten will er fragen, wie er helfen kann.

Gensungen

Pfarrer Gerhard Braun „Die große Stärke des Vorschlags von Papst Franziskus’ ist, dass er auf eine kleine Ebene heruntergebrochen ist“, sagt Gerhard Braun, Pfarrer der Gensunger Gemeinde Mariae Namen. Natürlich sollten Gemeinden überlegen, ob sie nicht Platz haben, eine Familie unterzubringen. Der gute Wille dürfte aber nicht zu einem schlechten Ergebnis führen. Auch im Kleinen müsste er gut koordiniert sein. „Wenn jede Gemeinde eine Familie aufnimmt, werden wir zwar nicht die Flüchtlingsproblematik lösen, haben aber viel getan“, sagt Braun. Er werde den Vorschlag in der Predigt ansprechen und so in die Gemeinde tragen und im Pfarrgemeinderat beraten.

Warum nur katholische Gemeinden? Wir haben auch den evangelischen Dekan des Kirchenkreises Melsungen gefragt

Ev. Kirchenkreis Melsungen, Norbert Mecke 

„Der Vorschlag von Papst Franziskus nimmt Überlegungen auf, die es auch in der evangelischen Kirche gibt. Wer sich derzeit die Frage stellt, was Jesus wohl jetzt tun würde, muss nicht lange nach Antworten suchen: Türen öffnen“, sagt der evangelische Dekan Norbert Mecke. Allerdings bestimmt gut bedacht. Es muss schließlich auch hinter solchen Türen vorhanden sein, was man braucht: unter sanitären Gesichtspunkten, im Hinblick auf die nötigen Mitarbeiter und auf die, die Gemeindehäuser aktuell nutzen, und nicht zuletzt im Blick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen. Die Landeskirche prüfe, ein Freizeitheim zum Teil für die Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Im Kirchenkreis wird erfreulich viel getan. Und doch: „Das Papstvotum kitzelt mit der Frage unmissverständlich heraus: Da ist noch Luft nach oben.“

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