Eine Frage der Beziehung - Stephanie Wehse und Steffi Hoffmann über Vertrauen und Respekt in der Jugendarbeit

Kickern gehört auch dazu, aber hinter Jugendarbeit steckt mehr als das: Stephanie Wehse (links), Jugendpflegerin in Knüllwald, und Steffi Hoffmann, Jugendbildungsreferentin Nordhessen. Foto:  Thiery

Schwalm-Eder. In vielen Gemeinden gibt es in diesen Wochen wieder Ferienspiele. Was steckt hinter der Idee, außer Kindern und Jugendlichen eine nette Freizeitbeschäftigung bei Ausflügen, Schwimmbadtagen und Diskoabenden zu bieten? Wir sprachen darüber mit der Knüllwälder Jugendpflegerin Stephanie Wehse und der Jugendbildungsreferentin Steffi Hoffmann.

„Jugendarbeit ist Beziehungsarbeit“ heißt es unter Pädagogen. Was steckt dahinter?

Wehse: Es ist schon beinahe egal, welches Angebot man den Jugendlichen macht: Die Beziehung zwischen Jugendpfleger und Jugendlichen muss stimmen, dann passt auch die Jugendarbeit.

Und wie schafft man das?

Wehse: Man muss junge Leute ernst nehmen. Auch wenn sie manches Mal Dinge aufs Tapet bringen, mit denen man selbst vielleicht nicht einverstanden ist. Es ist wichtig zuzuhören. Dann kann man auch schon mal sagen. „Das habe ich gehört, aber ich sehe das folgendermaßen“.

Hoffmann: Man sollte nicht von vorn herein „Nein“ sagen, selbst dann nicht, wenn die Vorschläge unrealistisch sind. Ein junges Mädchen hatte als Berufswunsch „Diskothekenbesitzerin“ genannt. Wir haben ein Praktikum in einer Disko vorgeschlagen. Sie hat schnell gemerkt, dass das für sie nicht funktioniert.

Aber es gibt auch konstruktive Ideen. Daraus ist etwa der Felsberger Mädchentreff entstanden. Das war ein Vorschlag der Mädchen selbst, die gern ohne die Jungen was machen wollten.

Was ist der Unterschied zur Erziehung im Elternhaus?

Wehse: Wir sind ein Zwischending, eine Art Berufsjugendliche, sage ich immer. Für die jungen Leute gehören wir in deren Welt, sind einer von ihnen, aber trotzdem eine Autoritätsperson. So können wir Wissen, Werte und Normen auf eine andere Art vermitteln als Eltern und Schule. Wir können Jugendliche damit ins Erwachsenwerden begleiten und den Ablöseprozess von den Eltern positiv fördern.

Wie?

Hoffmann: Wir ermutigen sie dazu, selbstständig zu werden, eine eigene Meinung zu haben und diese vernünftig zu vertreten. Dazu braucht es eben dieses Vertrauen, die Beziehung. Bei Mutter und Vater gehen sie oft in Opposition, eben weil sie in der Ablösephase sind.

Wie wichtig ist denn Ihre Vorbildfunktion dabei?

Wehse: Auch wenn man ein Stück dazu gehört, die Sprache der Jugendlichen spricht, wirken Respekt und Vorbildfunktion automatisch, fast nebenbei. Daher würde ich zum Beispiel nie in Gegenwart der Jugendlichen Alkohol trinken, das wäre unprofessionell.

Welche Rolle spielen die anderen Beziehungen, die in der Gruppe, dabei?

Hoffmann: Wir vermitteln demokratische Grundwerte, das funktioniert über das Miteinander, über Rücksichtnahme und das Aushandeln von Kompromissen. Dazu gehört es auch, Konflikte auszutragen und Grundlagen des Miteinanders zu erlernen - sich nicht zu beschimpfen, sondern den anderen anzuerkennen wie er ist.

Wehse: Zum Erwachsenwerden gehört auch eine gute Organisation. Wie fülle ich freie Stunden und wie kann für mich oder für die ganze Gruppe sorgen? Dazu gehören Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. Dazu gehört auch, etwas für die anderen zu tun, was vielleicht nicht so schön ist.

Damit lernen sie aber auch, sich etwas zu zutrauen.

Wehse: Genau. Bei unseren Städteausflügen ermutige ich die Jugendlichen, das Programm mit zu bestimmen. Sie studieren U-Bahn-Fahrpläne und unternehmen eigenständig etwas in der Stadt. Dabei ist es wichtig, dass sie sich an vereinbarte Zeiten halten, dabei bin ich noch nie enttäuscht worden.

Wie wird denn gute Jugendarbeit eigentlich gemessen?

Hoffmann: Das ist ein Problem. Jugendarbeit ist schlecht messbar. Wir können spüren, wie es den Jugendlichen geht, ob sie sich wohl fühlen, ob sie nach einem Ausflug zufrieden sind. Für Außenstehende ist das nicht so sichtbar.

Wehse: Für mich ist das Vertrauen ein Maßstab. Wenn sie mich um Rat fragen oder aber auch, wenn ich weiß, dass ich ihnen vertrauen kann, wenn ich merke, sie benehmen sich ordentlich, etwa bei Ausflügen.

Von Christine Thiery

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