Verhaltenstipps vom Experten

Nach Kölner Übergriffen: So können Frauen sich schützen

Den Täter überraschen: Experte Steffen Heinemann bringt HNA-Redakteurin Maja Yüce bei, wie man sich im Notfall aus einer ungewollten und bedrängenden Situation befreien kann. Fotos: Zerhau

An Silvester wurden zahlreiche Frauen Opfer sexueller Übergriffe. Wir sprachen mit dem Selbstverteidigungsexperten Steffen Heinemann aus Besse darüber, wie sich Frauen schützen können.

Fritzlar. Es sind nur drei Worte die klar machen, worum es geht: „Täter suchen Opfer“, sagt Steffen Heinemann. Der Selbstverteidigungsexperte rät deshalb, dass Frauen möglichst selbstbewusst auftreten sollten.

Was kann ich als Frau tun, um nicht wie ein Opfer zu wirken?

Das hat viel mit der Körperhaltung zu tun. Selbstbewusstes Auftreten hilft. Ein unsicherer Blick ist ein Opfersignal. Man muss von Beginn an Grenzen setzen und sollte sich zum Beispiel im Karneval nicht einfach anfassen lassen. Es ist auch besser, mit Freundinnen unterwegs zu sein als alleine. Frauen haben eine sehr gute Intuition, darauf sollten sie achten.

Was macht man, wenn man das Gefühl hat, dass jemand zu nahe kommt?

Ganz konkret: Mit ausgestreckten Armen ein Stopp-Signal geben und mit lautem Stopp-Ruf deutlich machen, das Grenzen überschritten werden. Das ist in jeder Sprache verständlich und überrascht die Angreifer.

Es kann auch helfen, Menschen in der Nähe ganz direkt und nicht allgemein um Hilfe zu bitten: „Sie in der blauen Jacke, helfen Sie mir bitte.“

Was halten Sie von der viel beschriebenen Armlänge Abstand?

Eine Armlänge ist in der Selbstverteidigung viel zu wenig. Dann kann man nicht mehr gut reagieren. Besser sind da zwei Erwachsenenschritte Abstand. Also etwa 80 Zentimeter. Alles darunter ist der Nahbereich. In den lässt man nur Familie und Freunde.

Wie sollte man sich verhalten, wenn man von einem oder gleich mehreren Tätern angegriffen wird?

Früher hieß es, man sollte sich nicht wehren, um zu überleben. Heute weiß man, dass das falsch ist. Wer laut wird und sich nicht alles gefallen lässt, hat bessere Chancen, das belegt die Statistik ganz eindeutig. Wenn man aber gleich von mehreren Männern bedrängt wird, dann hilft nur eines: laufen - zu Notinseln.

Was sind denn zum Beispiel solche Notinseln?

Restaurants, Kneipen, Geschäfte oder Tankstellen sind Notinseln. Dort kann man Schutz suchen. Tankstellen sind zudem Videoüberwacht, so dass man zugleich Beweismaterial bekommt.

Und wenn die Flucht nicht gelingt sollte man schreien und schlagen?

!Es geht darum, erst gar nicht in diese Situation zu kommen. Jeder vermiedene Kampf ist ein gewonnener Kampf. Aber wenn gar nichts mehr hilft, sollte man alles einsetzen, was man hat. Ein Tipp: Der Genitalbereich des Mannes ist zum Beispiel eine sehr empfindliche Stelle. Überhaupt geht es darum, den Angreifer zu überraschen.

Wie kann einer Frau eine solcher Überraschungsmoment gelingen?

Hilfreich ist es, eklig zu werden: popeln, pupsen, spucken. Das schreckt ab. Ebenso nützlich ist es, peinliche Situationen herzustellen, wenn sich jemand in einer Menschenmenge an einer Frau reibt, könnte sie rufen: „Will noch jemand? Der Herr reibt gerade seinen Penis an mir.“ Täter nutzen es aus, wenn man ruhig ist.

Es gibt aber auch Situationen, aus denen es kein Entkommen gibt...

Das stimmt leider. Man könnte den Täter beißen. Bisswunden sind sehr lange sichtbar und ein Beweismittel. Allerdings besteht auch die Gefahr der Ansteckung. Wer seinen Peiniger kratzt, hat anschließend Hautschuppen unter den Nägeln, mit denen Täter überführt werden können. Es ist besser etwas entgegenzusetzen. Viele Opfer treibt eine Frage um: „Was wäre geschehen, hätte ich mich mit allen Mitteln gewehrt?“

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