Prozess: Mutter soll Baby Ersatzdroge gegeben haben

Gudensberg/Kassel. Die Angeklagte möchte ihre Unschuld beteuern. Die Frau im Glitzer-T-Shirt will loswerden, dass sie ihrem Kind nichts angetan hat. Dass sie ihre drei Monate alte Tochter nicht mit der Ersatzdroge Polamidon vergiftet hat.

Dass sie den Säugling nicht, wie die Staatsanwaltschaft meint, mit dem Heroin-Substitutionsmittel ruhigstellen wollte.

Doch zunächst ist sie zu ängstlichem Schweigen verdammt an diesem Dienstag im Kasseler Landgericht. Denn bevor die 29-Jährige sich zum Anklagevorwurf der gefährlichen Körperverletzung erklären darf, muss Richter Jürgen Stanoschek erst einmal auf den Tisch schlagen. Nicht im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich. „So was habe ich ja noch nie erlebt“, schreit der sonst so gelassene Strafkammervorsitzende und haut mit der Faust auf den Richtertisch. Die Angeklagte zuckt erschreckt zusammen, doch gemeint ist nicht sie – sondern einer ihrer Verteidiger. Der eigens aus Berlin angereiste Anwalt nämlich will partout nicht einsehen, dass die 29-Jährige gar nicht von ihm vertreten sein will. Und lässt in seinem Unmut niemanden außer sich selbst zu Wort kommen.

Nicht einmal den Richter lässt er ausreden – und beschwert sich bitter über das „aggressive Auftreten“ und den „schlechten Stil“ aller anderen im Saal. Erst mit einer Stunde Verspätung (und dann ohne den Berliner Juristen) kann der Prozess beginnen.

Und endlich darf die Angeklagte sprechen. „Überglücklich“, sagt die drogenabhängige Frau, sei sie über die Geburt ihrer kleinen Tochter gewesen. „Ich hab meinen Lebenstraum verwirklicht, ich war so stolz auf mich“, erzählt die 29-Jährige unter Tränen. „Und dann hat es nicht einmal einen Tag gehalten.“

An einem Freitag im September 2011 war sie zusammen mit ihrem ebenfalls suchtkranken Lebensgefährten und dem Baby nach Gudensberg gezogen. Sie hatten gerade eine Drogentherapie in Frankfurt abgeschlossen und wollten in ein neues Leben starten. Doch schon in der ersten Nacht brach alles zusammen: Das Paar rief den Notarzt, weil das Baby nicht mehr atmete. Im Krankenhaus konnte das kleine Mädchen gerettet werden, in seinem Urin wurde aber eine hohe Dosis Polamidon festgestellt. Seitdem lebt das Kind in einer Pflegefamilie.

Die Angeklagte will dem Säugling jedoch nur Milch, Tee und Wasser gegeben haben. Und woher kam dann das Gift? Vielleicht, vermutet die 29-Jährige, sei die Ersatzdroge bei der Zubereitung in die Fläschchen geraten: Möglicherweise habe sie in der Spülküche der Therapieeinrichtung unbemerkt eine verunreinigte Tasse benutzt. „Der Schrank mit den Tassen ist für alle frei zugänglich.“

Nach Ostern wird weiter verhandelt. Das Urteil ist für Mitte April geplant. (jft)

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