Interview

Experte gibt Tipps wie Stadt- und Ortskerne belebt werden können

Sieben Städte und Gemeinden im Schwalm-Eder-Kreis erhalten insgesamt rund 1,6 Millionen Euro aus dem Landesprogramm „Zukunft Innenstadt“. Je 250 000 Euro gehen an Borken, Melsungen, Malsfeld, Oberaula, Schwalmstadt. Homberg, dessen Marktplatz hier zu sehen ist, bekommt 110 000 Euro.
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Sieben Städte und Gemeinden im Schwalm-Eder-Kreis erhalten insgesamt rund 1,6 Millionen Euro aus dem Landesprogramm „Zukunft Innenstadt“. Je 250 000 Euro gehen an Borken, Melsungen, Malsfeld, Oberaula, Schwalmstadt. Homberg, dessen Marktplatz hier zu sehen ist, bekommt 110 000 Euro.

Fast jede Kommune kämpft für die Erhaltung eines lebendigen Stadt- oder Ortskerns. Ein Interview mit Stadtplanungs-Professor Uwe Altrock von der Universität Kassel.

Fritzlar-Homberg – Fast jede Kommune kämpft für die Erhaltung eines lebendigen Stadt- oder Ortskerns. Welche Möglichkeiten es gibt und an welchen Stellen es hakt, darüber haben wir mit Stadtplanungs-Professor Uwe Altrock von der Universität Kassel gesprochen.

Was hat sich bewährt bei Kommunen, die ihren Stadt- oder Ortskern beleben wollen?

Es gibt vielfältige Möglichkeiten und neue Entwicklungen, um den Leerstand in Innenstädten und Ortskernen zu bekämpfen. Eine Vitalisierungsstrategie versucht, neuen Einzelhandel im Ortskern anzusiedeln. Man darf jedoch nicht glauben, dass die Vermarktung leer stehender Flächen die alte Wirklichkeit wiederherstellen kann.

Stattdessen sollte das Wohnen in den Zentren eine stärkere Rolle spielen. Dabei gilt es, für leer stehende Gebäude ein interessantes Um- oder Nachnutzungskonzept auszuarbeiten und so neuen, attraktiven Wohnraum zu schaffen – für Singles, Senioren und Familien. Daraus ergibt sich ein revitalisierender und stabilisierender Effekt.

Gibt es noch weitere Möglichkeiten?

Es ist wichtig, auch das Wohnumfeld zu berücksichtigen. Die Schaffung privater Freiflächen und die Sanierung von alten Gebäuden für attraktives Wohnen im Altbau steigern ebenfalls die Attraktivität der Zentren. Auch eine Verkehrsberuhigung und eine Aufwertung des öffentlichen Raums machen Ortskerne und Innenstädte attraktiver.

Was können Städte und Einzelhandel selbst zur Vitalisierung von Orts- und Stadtkernen beitragen?

Da gibt es verschiedene Managementansätze. Beispielsweise ein einheitliches Erscheinungsbild, verkaufsoffene Sonntage und die gemeinsame Koordinierung von Öffnungszeiten der Geschäfte. Alle haben zum Beispiel am Samstagnachmittag offen – was nicht überall selbstverständlich ist.

Handel und Stadt können bei der Servicefreundlichkeit einiges machen. Dazu zählt auch die Unterstützung von kleinen Läden, damit sie ins Internet kommen und so ein weiteres Standbein haben.

Gibt es Kommunen, die als gute Beispiele dienen können?

Nagold, eine Stadt in Baden-Württemberg, etwa 50 Kilometer südwestlich von Stuttgart. Sie bildet ein Mittelzentrum für die umliegenden Gemeinden. In Nagold wurden einige der Managementansätze umgesetzt. Beispielsweise auch einheitliche Sonnenschirme und ein Schaufensterkonzept.

Bad Wildungen hingegen ist ein gutes Beispiel für die Koexistenz unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer. Dazu wurde der Verbindungsbereich zwischen Altstadt und den Kureinrichtungen verkehrsberuhigt und umgestaltet.

Ein gutes Beispiel für die Umnutzung von Gebäuden findet sich in Wolfhagen. Dort wurde beispielsweise das ehemalige Amtsgericht zu einer Senioreneinrichtung umgebaut. In Bamberg in Bayern ist hingegen ein gutes Nebeneinander von Einzelhandel, Gastronomie und Wohnen gelungen. So konnte die Vitalität der Innenstadt gesichert werden. Auffällig ist: Die Obergeschosse über den Verkaufsräumen stehen nicht leer.

Wo hakt es bei den Stadt- und Ortskernen?

Kleinere Stadtkerne befinden sich an der Schwelle, wo der Einzelhandel an Bedeutung für das Zentrum verliert. Wird jedoch versucht, an dessen verlorene Bedeutung anzuknüpfen, kämpft man häufig einen verlorenen Kampf.

Die Lösung besteht in der Schaffung einer neuen, komplexen, vielschichtigen Struktur für das Zentrum. Ein weiteres Problem: Innenstädte und Ortskerne haben oft eine kleinteilige Eigentümerstruktur. Vielen Eigentümern, besonders älteren, fehlt die Lust zu investieren und zu renovieren.

Gut ist, wenn Stadt und Eigentümer zusammenkommen und Blockkonzepte erstellen. Dann gibt es weniger leer stehende Nebengebäude, es können an einer Stelle Parkplätze geschaffen werden und anderswo attraktive Freiflächen.

Wenn hingegen jeder vor sich hin wurstelt, bleiben die kleinen privaten Hofbereiche häufig sehr unattraktiv. Solche Konzepte zu erstellen ist ein Kraftakt, aber gleichzeitig nötig, um Zentren langfristig umzugestalten.

Welche Rolle spielen die Bürger und ihr Einkaufsverhalten?

Bürger und Bürgerinnen sowie ihre Bedürfnisse sind wichtig für die Belebung der Ortskerne und Stadtzentren. Dennoch darf man sich keiner Illusion hingeben. Die Leute werden weiterhin auch zu Aldi gehen und nicht nur im Feinkostladen im Ortskern einkaufen.

Einkaufen in Verbindung mit dem Erlebnis von Kultur und Gastronomie ist nötig, um Menschen in die Innenstadt zu locken. Leute müssen heute nicht mehr in die Innenstadt – das Ziel der Planung sollte sein, dass sie dorthin wollen.

Wie sinnvoll sind Förderprogramme und Bürgerbeteiligungsprozesse für die Umgestaltung von Zentren?

Mit Förderprogrammen wie „Lebendige Zentren“ lässt sich einiges bewirken, das zeigen die Erfahrungen. Ansonsten ist es wichtig, die Bürger und Bürgerinnen mit ihren Bedürfnissen einzubeziehen. Ihre Wünsche und Vorschläge sollten aber durch hinzugezogene Fachleute gestalterisch kompetent umgesetzt werden. Sinnvoll ist auch, die Eigentümer von Immobilien im Zentrum in die Planungen einzubinden.

Auf diese Weise wurde etwa in Mindelheim in Bayern die Durchgangsstraße in der Innenstadt in einen Shared Space (gemeinsam genutzten Verkehrsraum) umgewandelt. Das bedeutet, Autos sind nicht komplett aus diesem Bereich verbannt, müssen sich aber unterordnen. Es gibt keine Gehwege und Autofahrer müssen langsam fahren.

Zusammenfassend lässt sich also sagen:

Für die Belebung der Innenstädte und Ortskerne sollte man nicht allein auf den Einzelhandel setzen, sondern auch auf Nutzungsvielfalt und attraktive öffentliche und private Freiräume achten. Der Einzelhandel ist nicht mehr überall die Leitnutzung. Gastronomie und Wohnen haben an Bedeutung gewonnen. (Christina Zapf)

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