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Konjunktur trotz Krise stabil: Handwerksbetriebe haben Aufträge, spüren aber Kriegsfolgen

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Von: Christina Zapf

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Frank Smasal, Geschäftsführer der Firma Klawa-Anlagenbau, mit Sitz in Gudensberg. Derzeit beschäftigt der Betrieb rund 30 Mitarbeiter.
Frank Smasal, Geschäftsführer der Firma Klawa-Anlagenbau, mit Sitz in Gudensberg. Derzeit beschäftigt der Betrieb rund 30 Mitarbeiter. © Christina Zapf

„Dem Handwerk geht es relativ gut“, sagt Frank Dittmar, Präsident der Handwerkskammer Kassel (HWK) gestern beim Pressegespräch in Gudensberg.

„Dem Handwerk geht es relativ gut“, sagt Frank Dittmar, Präsident der Handwerkskammer Kassel (HWK) gestern beim Pressegespräch in Gudensberg. Die Konjunktur im nord-, ost- und mittelhessischen Handwerk sei überraschend stabil. Und das trotz des Krieges in der Ukraine, hoher Energiekosten, Lieferengpässen, Rohstoffknappheiten sowie den Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Auch wenn die Lage des Handwerks insgesamt gut sei, ergebe der Blick auf die einzelnen Gewerbegruppen ein differenziertes Bild. „Das gesamte Bauhaupt- und Ausbaugewerbe bleibt mit einer sehr guten Auslastung und hohen Orderquoten die Konjunkturlokomotive“, sagt der Präsident der Handwerkskammer.

Handwerk: Sorgenkinder im personenbezogenen Dienstleistungsgewerbe

Sorgenkinder seien die Betriebe im personenbezogenen Dienstleistungsgewerbe – vor allem Friseure und Kosmetiker. Viele ihrer Kunden hätten seit Beginn der Pandemie ihr Verhalten geändert – sie gingen beispielsweise seltener zum Friseur. Eine Änderung des neuen Verhaltens sei so schnell nicht zu erwarten, sodass die Branche der personenbezogenen Dienstleistungen wohl noch eine Weile die Corona-Folgen spüren werde, so Dittmar.

Auch die Nahrungsmittelhandwerke, vor allem Bäcker, leiden unter den aktuell schwierigen Bedingungen mit stark steigenden Preisen für Strom und Weizen. Im Kfz-Gewerbe hingegen gebe es Lieferengpässe. So fehlen laut Dittmar unter anderem Kabelbäume, die vorwiegend aus der Ukraine bezogen werden.

Handwerk: Preissteigerungen und Lieferengpässe machen Unternehmen zu schaffen

Frank Smasal, Geschäftsführer der Firma Klawa-Anlagenbau in Gudensberg mit rund 30 Mitarbeitern, berichtet über eine gute Auftragslage, allerdings gebe es derzeit viele unsichere Faktoren, beispielsweise die unabsehbare Entwicklung des steigenden Stahlpreises aufgrund von Rohstoffknappheit und Lieferschwierigkeiten bei Maschinenteilen.

„Die Stabilität ist verloren gegangen und damit keine Planbarkeit mehr vorhanden“, sagt er. Werde Klawa nicht pünktlich beliefert, könne der Betrieb auch nicht wie vorgesehen ausliefern und habe somit keine Sicherheit, wann er das Geld für seine Ware bekomme.

Handwerk: Schwalm-Eder-Kreis ist gut durch Corona-Pandemie gekommen

Die Konjunktur im Handwerk ist trotz aktuell vieler unsicherer Faktoren stabil, das ist die Bilanz von Frank Dittmar, Präsident der Handwerkskammer Kassel (HWK) mit Blick auf das Einzugsgebiet. Auch Wolfgang Scholz, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Schwalm-Eder sagte beim Pressegespräch: „Im Schwalm-Eder-Kreis ist das Handwerk gut durch die Corona-Zeit gekommen.“

Viele Menschen hätten, da sie in den vergangenen zwei Jahren nicht verreisten, ihr Eigenheim verschönern lassen. Auch Kommunen und der Gewerbebau investierten. Das alles sorgte bei den Handwerkern für Aufträge. Scholz schätzt, dass dieser Trend auch 2022 noch recht konstant bleibt. Allerdings sei im Herbst eine Abschwächung zu erwarten.

Die Gründe dafür sieht er in der steigenden Inflation und steigenden Zinsen. Steigende Preise und Lieferengpässe könnten dafür sorgen, dass es 2023 kaum Wirtschaftswachstum in Deutschland und der EU geben wird.

Handwerk: Lieferengpässe bedeuten Ende von just-in-time-Mentalität

Scholz fürchtet: „Die Sonnentage sind vorbei.“ Die aktuellen Veränderungen werden sich seiner Meinung nach unterschiedlich auf die Handwerksbranchen auswirken. Die Aufgabe der Kreishandwerkerschaft, der 19 Innungen angehören, sei es, die Betriebe darauf vorzubereiten.

Die aktuellen Lieferengpässe in vielen Bereichen zeigten: Die Zeiten von just-in-time – die Lieferung erfolgt exakt zu dem vom Abnehmer gewünschten Zeitpunkt – sind vorbei. Es sei wieder sinnvoll, Teile zu lagern. Beispielsweise muss ein Dachdecker-Betrieb aktuell laut Dittmar Kurzarbeit anmelden, obwohl er volle Auftragsbücher habe. Es fehle jedoch sowohl an Ziegeln als auch an Abdichtband.

Handwerk: Enorme Preissteigerungen werden teilweise an Kunden weitergegeben

Die enormen Preissteigerungen von beispielsweise bis zu 40 Prozent bei Edelstahl, mit denen Unternehmen derzeit konfrontiert werden, setzten diese mächtig unter Druck, so Dr. Matthias Joseph von der Handwerkskammer Kassel. Besonders dramatisch ist die Lage im Baugewerbe. Die Kostensteigerungen müssten die Betriebe zwangsläufig anteilig an die Kunden weitergegeben, so Scholz. „Die Unternehmen können nicht alles kompensieren“, sagt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.

Laut Dittmar gibt es nicht nur einen Fachkräftemangel, sondern gar einen Arbeitskräftemangel. Und: „Es fehlt auch an Auszubildenden.“ Um das zu ändern, müsse das Sozialprestige des Handwerks verbessert werden.

Er fordert eine Gleichsetzung mit der akademischen Ausbildung und ist davon überzeugt: „Die Gewinner der Zukunft werden die sein, die die Facharbeiter haben“, sagt Dittmar. Es müsse alles dafür getan werden, junge Menschen davon zu überzeugen, einen Ausbildungsberuf zu wählen. Die Arbeit in einem Handwerksbetrieb sei vielfältig, zufriedenstellend und man könne auch gut verdienen. (Christina Zapf)

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