Fille schließt die Türe zu

78-jähriger Friseur in Homberg hört nach 50 Jahren auf

Lebt für das Friseurhandwerk: Fritz Göbel hat seine Kunden 50 Jahre lang betreut. Hier kümmert er sich um die Frisur von Sohn Michael Göbel in seinem Salon an der Webergasse.
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Lebt für das Friseurhandwerk: Fritz Göbel hat seine Kunden 50 Jahre lang betreut. Hier kümmert er sich um die Frisur von Sohn Michael Göbel in seinem Salon an der Webergasse.

Am 21. August hat der 78-jährige Friseurmeister Fritz „Fille“ Göbel seinen letzten Arbeitstag. Nach auf den Tag genau 50 Jahren. 

Während es aus dem kleinen Radio in der Ecke fröhlich dudelt, muss Fritz „Fille“ Göbel seinen Kunden gar nicht erst fragen, was es denn heute sein darf. Er setzt den Rasierapparat an und legt einfach los. Zum Abschluss gibt’s noch einen Plausch über die Wurst vom Metzger, ein paar gute Wünsche und schon ist wieder nur das Dudeln des Radios zu hören. „Oben bin ich mit der Maschine reingekommen. Da ist ein bisschen mehr abgeschnitten“, neckt Göbel seinen Kunden.

So kennen und so lieben wohl viele Homberger den Friseurmeister. Am heutigen 21. August hört der 78-Jährige auf. Nach auf den Tag genau 50 Jahren. So wie Göbel, der nach dem Spitznamen seines Vaters Philipp ausschließlich als „Fille“ bekannt ist, seinen Laden an der Untergasse 1970 eröffnete, schließt er den kleinen Raum, der sich heute an der Webergasse befindet.

„Fille" Göbel ist Friseur seit 50 Jahren

Nach all den Jahren, einem Umzug und vielen Kunden, die kamen und gingen, ist die Einrichtung immer geblieben. Seit dem 21. August 1970. Da stehen zwei schwere Friseurstühle und zwei Waschtische mit massiven Holzschubladen. In der kleinen Theke hat der 78-Jährige alte Scheren, Schleifpapiere und Rasiermesser ausgelegt. „Das ist noch Qualität“, sagt er über sein Inventar und lacht.

Seit 50 Jahren erfüllt der Friseurmeister die Wünsche seiner Kunden alleine, fährt zu einigen nach Hause und bot früher sogar Haarschnitte im Caßdorfer DGH und der Gaststätte Fink in Sipperhausen an. In jungen Jahren half er am Wochenende zusätzlich als Kellner aus. „Das war schon alles verrückt.“ Nur einmal musste Sohn Michael seinen Vater über einen längeren Zeitraum vertreten. Das war im vergangenen Jahr, als Göbel einen Schlaganfall hatte.

Die Kunden schütten bei Friseurmeister „Fille" ihr Herz aus

Obwohl der 78-Jährige Metzger werden wollte, hat er die Entscheidung, für das Friseur-Handwerk nie bereut. „Meine Arbeit und das Reden helfen gegen Demenz“, sagt Göbel, bei dem schon viele Kunden ihr Herz ausgeschüttet haben. „Ich habe 50 Jahre nur mit Menschen zu tun gehabt“, erzählt er. Während der Coronakrise habe er bemerkt, wie es ist, wenn nichts zu tun sei und er selbst auch nichts unternehmen könne, so Göbel. Umso erfreuter war er, als es endlich weitergehen konnte in seinem kleinen Salon an der Webergasse. „Aber abends war ich schon ganz schön k.o.“, gibt er zu.

So manchen hat Göbel bis ins Erwachsen- und Seniorenalter begleitet, zu seinen ältesten Kunden zählt ein 95-Jähriger. „Ich bin fast mit jedem Kunden per Du“, erzählt er. „Das bleibt nicht aus, wenn man sie über Jahrzehnte begleitet.“ Wer reinkommt, kommt dran: Anmeldungen hat es in dem Salon mit dem 70er-Jahre-Flair noch nie gegeben. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Fritz „Fille“ Göbel Anekdote um Anekdote aneinanderreiht – ganz sicher auch über den heutigen Tag hinaus.

Von Chantal Müller

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