Über einen Fiat Simca 8 Sport 

Auf der Spur der roten Schönheit: Peter Wieden aus Fritzlar hat eine Auto-Biografie geschrieben

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Ein unerwarteter Erfolg: „Ich hatte Tränen in den Augen vor Freude über diesen Preis“, sagt Peter Wieden (im Bild mit seiner Frau Hanni Baier-Wieden) über den Gewinn des 1. Preises beim bedeutendsten Concours Deutschlands auf Schloss Dyck im Jahr 2014. 

Ein altes Auto bietet mehr als reine Technik: Es erzählt Zeit- und Kulturgeschichte. Peter Wieden aus Fritzlar hat begonnen, eine Auto-Biografie zu schreiben.

Als er einmal in Fahrt war, gab es kein Halten mehr. Der elegante rote Sportwagen Baujahr 1938, der in seiner Fritzlarer Garage steht, faszinierte den Oldtimer-Sammler Peter Wieden nicht nur wegen seiner Schönheit, sondern auch wegen seiner außergewöhnlichen Geschichte.

„Und wegen der Geschichten, die sich mit diesem Auto verbinden“, erzählt er. Denn Wieden erforscht diese ganz spezielle Auto-Biografie seit geraumer Zeit – und ist nach wie vor fasziniert von dem, was er bislang durch akribische Recherche erfuhr über den „Simca Huit“ (acht).

Sie ist eine Zeitzeugin: Peter Wieden traf die 91-jährige Maria Juilhard, geborene Locatelli, in Frankreich.

2010 war es, als der frühere Verleger und Eigentümer des Wartberg-Verlages sein Interesse an besonderen alten Autos entdeckte. Nach und nach entwickelte sich dieses Interesse zu einer Leidenschaft. Dabei ist es nicht nur die Technik, die ihn besonders reizt, sondern die Dinge, die ein solches Auto erzählen kann – wenn man denn intensiv forscht.

Seidenstraße bis Shanghai 

Zu seinen Schätzchen gehört zum Beispiel auch der Alfa Romeo Spider, den Marcello Mastroianni seiner Filmpartnerin Anita Ekberg schenkte in den 50er-Jahren – und mit dem das Ehepaar Wieden zusammen mit einer Gruppe Oldtimerfahrern die Seidenstraße von Istanbul bis Schanghai bewältigte.

Den roten Fiat Simca 8 Sport erwarb Peter Wieden im Jahr 2012. Der Wagen stand damals am Chiemsee, hatte schon etliche Vorbesitzer und war restauriert worden. „Ich wollte mit diesem schönen Sportwagen Rallyes fahren, nette Leute treffen, schöne Landschaften erleben“, sagt der Fritzlarer.

Erster Preis schon 1948: Der Rennwagen ist Sieger beim 1. Concours d‘Élégance in Paris in seiner Kategorie.

Das tat er dann auch, gewann zum Beispiel die Großglockner-Rallye und nahm 2014 an der traditionsreichen „Mille Miglia“ in Italien teil. „Dafür werden nur ganz besondere Autos zugelassen“, erzählt Wieden.

Das Besondere an dem Sportwagen 

Was ist denn eigentlich das „ganz Besondere“ an diesem über 80 Jahre alten Sportwagen? Zunächst das Augenfällige: „Er wurde nur drei Mal gebaut“, sagt Wieden. Und das Exemplar, das ihm gehört, ist zudem der Prototyp – das erste Auto dieses Modells. 

Außerdem besteht die Karosserie zum großen Teil aus Aluminium, was für die 30er-Jahre wirklich selten war. „Dieses Auto hat bestimmt viel erlebt und kann Geschichten erzählen“, dachte er sich.

Also begab sich der Fritzlarer auf Spurensuche, entwickelte fast kriminalistische Akribie. Inzwischen füllen die Informationen aus nationalen und internationalen Archiven, Zeitungen und Gesprächen mehrere Aktenordner.

Unterwegs in Europa auf der Spur des Simca: Peter und Hanni Wieden trafen auf ihren Reisen viele Menschen und auf Orte, die mit ihrem Auto auf die eine oder andere Weise zu tun hatten. Die rot gekennzeichneten Fahrten fanden erst dieses Jahr statt.

Sehr ertragreich war ein Besuch in der Französischen Nationalbibliothek in Paris: Dort fand er viele Hinweise, alte Fotos und Berichte über den Simca und seinen Konstrukteur. 

Dabei handelte es sich um einen jungen Franzosen namens Marcel Grolleau, der ab 1927 als Holzarbeiter auf dem Schloss Candé bei Tours arbeitete. Das Schloss gehörte dem Selfmade-Milliardär Charles Bedaux, der in den USA mit einem System zur Arbeitszeiterfassung reich geworden war.

Rechte Hand des Schlossherren

Grolleau lernte den Schlossherrn kennen, wurde zu seiner rechten Hand. Bedaux wollte in der besseren Gesellschaft eine Rolle spielen, wie Peter Wieden heraus fand, und plante den Bau eines eigenen Rennwagens. Er beauftragte Grolleau, der sich dafür versierte Designer und Konstrukteure holte. So entstand schließlich der Prototyp, der 1938 vorgestellt wurde – der Simca Huit, der heute in Fritzlar steht.

Schloss Candé bei Tours: Der Millionär Charles Bedaux, für den Marcel Grolleau arbeitete, lebte dort.

Wegen des 2. Weltkrieges ab 1939 wurde das Auto zunächst eingemottet. Charles Bedaux, der der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt wurde, beging nach Kriegsende Selbstmord, Marcel Grolleau, der wohl im Widerstand mitgearbeitet hatte, wurde Chef der französischen Bedaux-Werke.

Auf Basis des ersten Modells entstand dann in Kooperation mit Fiat der Rennwagen, der schließlich 1948 in Paris den Wettbewerb „Concours d´élégance“ gewinnen konnte.

Viele Informationen zusammengetragen 

Immer mehr Informationen kamen bei Peter Wieden zusammen: Er und seine Frau machten sich auf den Weg, die weitere Geschichte vor Ort zu erforschen. Sie waren in Frankreich an verschiedenen Orten, fuhren bis nach Marokko und Sizilien, wo teils illustre Eigentümer des besonderen Autos lebten, trafen auf Schloss Candé die heute 91-jährige Maria Juilhard, die Charles Bedaux noch 

gekannt hatte.

Konstrukteur des Simca Huit: Marcel Grolleau.

Zuletzt waren sie im italienischen Bergamo, wo die Holzarbeiter herkamen, die mit Grolleau am Schloss gearbeitet hatten. Und sie trafen Nachfahren von Marcel Grolleau, der 1905 in der Nähe von Schloss Mirambeau nördlich von Bordeaux geboren wurde.

Ob die Geschichte damit endet? Wer weiß. Peter Wieden forscht weiter.

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