Interview mit Christof Diefenbach 

"Fehler wäre vermeidbar gewesen": Experte spricht über die Approbation der falschen Ärztin 

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Unterschrift genügt nicht: Bei einer Approbation sind viele Sicherheitsmerkmale relevant. Eine einfache Signatur – wie hier auf dem Symbolbild – reicht nicht. 

Auch Tage später schwebt der Skandal um die falsche Ärztin weiterhin über dem Fritzlarer Hospital. Warum fiel die falsche Approbation nicht auf?

Wie es passieren konnte, dass die gefälschte Approbation über Jahre nicht auffiel, darüber sprach Christof Diefenbach mit uns. Er ist Leiter des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamtes im Gesundheitswesen.

Herr Diefenbach, wie konnte es dazu kommen, dass jahrelang eine falsche Ärztin im Fritzlarer Hospital arbeitete?

Für mich ist das ehrlich gesagt nur sehr schwer nachvollziehbar. Normalerweise ist es ein Leichtes, eine Approbation überprüfen zu lassen. Dazu muss sich das Krankenhaus aber erst einmal an die zuständige Behörde wenden. Im Fall der falschen Ärztin wäre dies Rheinland-Pfalz gewesen, wo die Approbation angeblich erteilt worden sein soll. Ob jemand diese Behörde kontaktiert hat, ist mir nicht bekannt. Falls nicht, würde hier schon ein Fehler liegen.

Das heißt, ein Krankenhaus ist gar nicht dazu verpflichtet, Approbationen überprüfen zu lassen?

Das Krankenhaus ist verpflichtet zu überprüfen, ob die Ärzte eine Approbation haben. Es ist jedoch nicht verpflichtet, die auszustellende Behörde zu kontaktieren, um die Urkunde auf Echtheit überprüfen zu lassen. Der Arbeitgeber entscheidet selbst, in welchen Situationen er das zuständige Amt kontaktiert. Auch in diesem Fall hätte sich das Fritzlarer Hospital jederzeit melden können. Und dann wäre der Fehler aus meiner Sicht vermeidbar gewesen.

Ist das so?

Ja, denn eine Nachfrage bei der zuständigen Approbationsbehörde hätte die Fälschung mit großer Wahrscheinlichkeit aufgedeckt. In Hessen beispielsweise sind mehr als 100.000 Urkunden im Umlauf. In den vergangenen fünf Jahren haben sich nur acht als Fälschung ergeben, sieben davon wurden schon vor Arbeitsbeginn erkannt und uns zur Überprüfung vorgelegt.

Was macht eine echte Approbation aus?

Auch hier kann ich nur für Hessen sprechen. Bei uns sind die Approbationen mit einem erhabenen Siegel versehen. An diesem Siegel, sowie Schrifttypen und Unterschriften können Experten die Echtheit oftmals schon erkennen. Einige Sicherheitsmerkmale sind hingegen nur intern bekannt – eben, um Fälschungen entgegenzuwirken.

Wie läuft eine Prüfung bei Ihnen ab?

In manchen Fällen genügt es, in unserem Verzeichnis nach dem Namen und dem Geburtsdatum zu suchen, um die Echtheit der Urkunde zu überprüfen. Das ist zum Beispiel bei hessischen Medizinstudierenden der Fall. Die reine Überprüfungszeit sind ungefähr fünf Minuten. In komplizierteren Fällen kann die Prüfung schon bis zu einer Stunde dauern. Aber selbst das ist gemessen an den vermeidbaren Folgen ein Leichtes.

Und was passiert, wenn Sie eine Fälschung entdeckt haben?

Erst einmal melden wir uns selbstverständlich beim Arbeitgeber, der uns um die Prüfung gebeten hat. Und anschließend erstatten wir Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Urkundenfälschung ist schließlich ein Straftatbestand. Uns als Behörde wird also unterstellt, wir hätten eine Approbation erteilt. Dagegen müssen wir uns wehren.

Sind die Krankenhäuser dazu verpflichtet, die Öffentlichkeit über die Tätigkeit einer falschen Ärztin zu informieren?

Nein, zumindest gibt es keine Verpflichtung laut Bundesärzteordnung.

Wer muss Ihrer Meinung nach in dem Fall Fritzlar die Verantwortung übernehmen?

Diese Frage muss die zuständige Staatsanwaltschaft klären, alles andere ist Mutmaßung. Warum das Krankenhaus die Approbation nicht bereits vorher hat prüfen lassen, das kann ich nicht sagen. Es ist eben wichtig, überhaupt erst einmal in der Lage zu sein, Zweifel aufkommen zu lassen. Eine andere Möglichkeit ist es, pauschal einfach alle Approbationen prüfen zu lassen, bevor der Arbeitsvertrag unterschrieben wird.

Wie versuchen Sie als Behörde, möglichst viele Fehler zu vermeiden?

Das Sicherheitsniveau ist in Hessen bereits sehr hoch, wir denken jedoch regelmäßig über die Einführung neuer technischer Sicherheitsmerkmale nach. Aber wie gesagt: Wenn sich beim Arbeitgeber keine Zweifel regen, kann eine Behörde noch so gut prüfen – wenn sich niemand an uns wendet, können wir nichts tun.

Fall der falschen Ärztin sorgt bundesweit für Empörung

Dass eine falsche Ärztin für vier Todesfälle am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist gesorgt haben soll, sorgt bundesweit für Empörung. Viele Menschen beschäftigte vor allem die Frage, wie die mangelnde Kompetenz einer Anästhesistin nicht auffallen konnte. Die 48-Jährige hatte sich selbst angezeigt - mittlerweile sind bei der Polizei zahlreiche Hinweise eingegangen.

Update vom 08.11.2019: Nach dem Skandal um die falsche Ärztin am Hospital in Fritzlar werden neue Vorwürfe laut: Ein OP-Fehler soll eine Frau zum Pflegefall gemacht haben.

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