Ärzte sollen Kompresse vergessen haben

Neuer Skandal im Fritzlarer Hospital? Frau nach Operation Pflegefall

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Kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus: Das Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar

Erst der Skandal um die falsche Ärztin, jetzt wird ein neuer Vorwurf gegen des Fritzlarer Hospital laut: Ein Fehler bei einer OP soll einer Frau zum Pflegefall gemacht haben.

Die Aufregung um die falsche Ärztin ist noch nicht abgeklungen – da wird ein neuer Vorwurf gegen das Fritzlarer Hospital laut. Eine 76-jährige Fritzlarerin soll aufgrund ärztlichen Versagens seit 2016 ein Pflegefall sein. Der Vorwurf ist vor Gericht: Bei einer Operation vor drei Jahren soll eine Kompresse im Bauchraum der Frau vergessen worden sein.

Gerhard Meyer aus Gudensberg ist Rechtsanwalt und Experte für Medizinrecht. Er vertritt die Frau und schildert in einem Schreiben den Fall: Schon Anfang 2016 habe die Fritzlarerin unter Beschwerden im Bauchbereich gelitten. Ende Januar sei sie daher operiert worden – und zwar mit „katastrophalen Folgen“.

Nach zahlreichen Operationen wurde eine vergessene Kompresse entdeckt

Aufgrund anhaltender Schmerzen folgen zahlreiche weitere Operationen – unter anderem im Universitätsklinikum Marburg-Gießen. Ohne Erfolg. Mit krampfartigen Schmerzen und Problemen beim Wasserlassen habe sich die Frau im November 2016 erneut in stationäre Behandlung gegeben, diesmal in die Agaplesion Kliniken Kassel. Dort wurde eine vier mal drei Zentimeter große Kompresse im Körper gefunden.

Frau hat ein Jahr lang gelitten

„Die Klägerin hat ein Jahr lang gelitten, bis die Kompresse gefunden wurde“, berichtet der Rechtsanwalt. Die Leidensgeschichte dauert bis heute an, die Fritzlarerin wurde inzwischen zum Pflegefall und in die Pflegestufe 3 eingestuft. Ein Gutachten, das im April 2018 vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse der 76-Jährigen in Auftrag gegeben worden war, lasse keinen Zweifel daran, dass im Fritzlarer Krankenhaus der Fehler passiert sei, sagt Meyer.

Den Antrag auf Prozesskostenhilfe mit beabsichtigter Klage stellte er im März 2019 beim Landgericht Kassel, die Prozesskostenhilfe wurde bewilligt – für Meyer ein Indiz, dass die Erfolgsaussichten für die Klägerin gut sind. Der Anwalt sieht indes die Hauptverantwortung für ein fehlendes Schuldanerkenntnis des Hospitals zum Heiligen Geist bei der Haftplichtversicherung, der Krankenhausleitung seien die Hände gebunden. Laut Klageschrift geht es um einen Streitwert von 88 471 Euro, davon Schmerzensgeld in Höhe von 75.000 Euro.

Das sagt das Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar zu den Vorwürfen

„Die Frau war bei uns Patientin“, sagt Dr. Sven Ricks, kaufmännischer Geschäftsführer. „Aber: Das Krankenhaus bestreitet die Vorwürfe vollständig.“ Man arbeite mit standardisierten Sicherheitsmaßnahmen: Kompressen mit Röntgenstreifen, die beim CT (bildgebendes Verfahren in der Radiologie) sichtbar sind und Zählprotokolle bei Operationen. Das Risiko eines solchen Fehlers sei so größtmöglich beherrschbar.

Tochter der Patientin kritisiert das Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar

Sabine Müller kann es noch immer nicht fassen. „Die vergangenen Jahre meines Lebens habe ich mir anders vorgestellt“, sagt sie. Dabei starrt sie vor sich. Die Strapazen der vergangenen Jahre sind ihr anzusehen. Müller kümmert sich um ihre 76-jährige Mutter Regina K., die seit 2016 ein schwerer Pflegefall ist. 

Die 55-Jährige macht das Fritzlarer Hospital für ihr Schicksal verantwortlich. Bei einer Operation sei eine Kompresse im Bauch ihrer Mutter vergessen worden. Uns hat Müller erzählt, welchen Kampf sie und ihre Familie auf sich nehmen mussten. 

Täglicher Blick aufs Krankenhaus: Sabine Müller sieht das Fritzlarer Hospital links neben dem Gesundheitszentrum von ihrem Balkon aus. Ihm wirft sie vor, für die schwere Krankheit ihrer Mutter verantwortlich zu sein.

Die Krankheitsgeschichte von Regina K. beginnt schon vor der mutmaßlich fehlerhaften Operation im Januar 2016. Wegen Darmverwachsungen muss ihr ein künstlicher Ausgang gelegt werden. „Allein das hat für meine Mutter viele Strapazen mit sich gebracht.“ Trotzdem war sich Müller sicher, im Fritzlarer Hospital sei die 76-Jährige gut aufgehoben. 

Doch es kommt anders als gedacht. Der künstliche Ausgang bricht, ein Netz soll den Bruch halten. „Und dann fing der Horror an“, erzählt die 55-jährige Tochter. Regina K. hat starke Schmerzen, es folgen zahlreiche Operationen, die Bauchdecke ist komplett offen. „Einen ganzen Monat lang lag meine Mutter auf der Intensivstation in Fritzlar.“ 

Erst viele Monate später erfahren Müller und ihre Schwester, die in Osnabrück lebt und sich ebenfalls starke Sorgen machte, dass eine vergessene Kompresse die dramatischen Folgen verursachte. „An einem Tag hatte meine Mutter solche Schmerzen, dass wir den Notarzt gerufen haben“, so Müller. Zufällig ging es in die Agaplesion-Diakonie-Klinik in Kassel. „Dort wurde die Kompresse gefunden.“ 

Tochter ist fassungslos und verzweifelt

Doch die fatalen Folgen waren nicht aufzuhalten. Eine Harnblasenfistel sorgt dafür, dass Regina K. bis heute vollständig inkontinent ist. „Die Ärzte sagten, eine Operation an der Fistel würde meine Mutter nicht mehr überleben.“ Müller ist fassungslos, enttäuscht, zeitweise war sie verzweifelt, aber heute ist sie vor allem eines: wütend. 

Da war die Welt noch in Ordnung: Regina K. auf einer ihrer geliebten Reisen an die See.

Jeden Tag blickt Regina K.s Tochter auf den Krankenhauskomplex, er ist von ihrem Balkon aus genau zu sehen. Für sie steht fest: „Meine Familie und ich, wir werden keinen Fuß mehr in das Fritzlarer Hospital setzen.“ Müller wirkt erschöpft. „Ich musste meine Arbeitszeit reduzieren. Meine Familie habe ich kaum gesehen.“ Häufig habe sie sogar bei ihrer Mutter geschlafen, um sie zu betreuen. 

Hoffnung auf Gerechtigkeit vor Gericht

Mit Unterstützung ihres Rechtsanwalts hofft die 55-Jährige vor Gericht auf Gerechtigkeit, ein erstes Gutachten bestätigt sie darin. An dem dramatischen Schicksal ihrer Mutter, die zeitweise „mit starken Schmerzmitteln völlig zugedröhnt war“, ändert dies jedoch gar nichts. „Früher ist meine Mutter gern gereist, am liebsten an die See“, sagt Müller. Nun könne sie nur schwerlich ein paar Schritte gehen. 

Regina K. selbst erinnere sich kaum an die furchtbare Tortur, die hinter ihr liegt. Unter Schmerzmitteln habe sie sich oft den Tod gewünscht, erinnert sich Müller. „Wenn ich sie nach einem Wunsch frage, antwortet sie immer: Nichts.“ Und obwohl diese Antwort schwer auszuhalten sei, hat Müller volles Verständnis: „Ihr altes Leben bekommt sie niemals wieder.“

Damit gerät das Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar binnen weniger Tage gleich zweimal in die Schlagzelen: Erst vergangene Woche wurde aufgedeckt, dass hier Meike W. als falsche Ärztin beschäftigt war. Mittlerweile sind zahlreiche Hinweise von Opfern und Kollegen eingegangen - die 48-jährige W. hatte sich kurz vor Entdeckung selbst angezeigt*.

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. 

Von Maja Yüce, Daria Neu und Ulrike Lange-Michael

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Kommentare

moorhuhnschubser
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Zitat: aus dem Artikel.. Aufgrund anhaltender Schmerzen folgen zahlreiche weitere Operationen – unter anderem im Universitätsklinikum Marburg-Gießen.
Früher hätte man bei solchen Artikel tiefer recherchiert und evtl (er)klären können, warum bei Zahlreichen (?) OPs keiner die Kompresse fand , und wodurch man ausschließt, dass die Kompresse nicht von einer diesen Zahlreichen (?) OPs stammt.
Und ganz so wunschlos scheint Frau Regina K. bei 75000€ Schmerzengeld dann aber doch nicht zu sein...

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