Fritzlarerin schreibt Brief an Bundeskanzlerin

Fritzlar. Autorin Katja Schneidt schimpfte in einem viel beachteten Facebook-Kommentar gegen den sich in Flüchtlingsfragen engagierenden Til Schweiger. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben.

In dem Werk kommen über 50 Menschen mit ihren Sorgen und Vorurteilen zu Wort.

Angst vor Flüchtlingen, vor dem Fremden, vor der Zukunft: Dieses diffuse Empfinden, ein Gefühl der Unsicherheit, das verschiedene Gründe hat, veranlasste Katja Schneidt, Autorin mehrerer kulturkritischer Bücher dazu, ein Buch zu verfassen, in dem sie und über 50 Menschen zu Wort kommen, die der Bundesregierung ihre ganz persönliche Geschichte erzählen und Fragen stellen. Anja Gurke, die aus Fritzlar stammt und seit einem Jahr bei Celle lebt, kommt in dem Buch „Hallo Frau Bundeskanzlerin...hätten Sie mal eine Minute“, auch zu Wort.

„Wenn man die Diskussion bezüglich der Flüchtlingssituation in Deutschland in den sozialen Netzwerken und den Medien verfolgt, könnte man dem Irrglauben erliegen, dass es in Deutschland plötzlich nur noch zwei Sorten Menschen zu geben scheint.“ Rechtsradikale und Weltverbesserer. Dabei sei es Angst, die die Menschen in zwei Lager aufspalte, schreibt Katja Schneidt in ihrem Buch.

Auch Anja Gurke hat Angst, das macht sie in ihrem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel deutlich: „Ich bin eine von denjenigen, die Angst haben. Wir bekommen vorgebetet, Deutschland wäre so ein reiches Land. Der Kuchen sei groß genug - man fordert von uns zu teilen.“

Kaputte Holzstühle 

Doch genau damit scheint Anja Gurke ein Problem zu haben. So berichtet sie, dass sie als Mutter fassungslos war, als sie einst gebeten wurde, Preise für eine Tombola zu sammeln und Kuchen zu backen, weil man Geld nach Afrika spenden wollte. „Ich scheine der größte Egoist auf Gottes Erden zu sein, dass ich dies nicht wollte. Unsere Kindern haben sich an den alten und kaputten Holzstühlen die Hände und Beine verletzt“, sagt Gurke. „Und mein egoistisches Hirn hatte Wahnvorstellungen von einer Tombola, deren Erlös für eine neue Bestuhlung genommen wird.“ Man habe ihr dann erklärt, dass die Kinder in Afrika hungern, schreibt sie mit der Anmerkung, dass ihr das „irgendein Gutmensch“ erklärt habe.

Anja Gurke ist dankbar, dass sie in einem sicheren Land wohnt und sagt zugleich: „Ich möchte gefragt werden, ob ich mit so einer großen Menge an Flüchtlingen - die ja gar nicht alle bedroht sind - leben kann. Und man soll mir erklären, warum so angebliche kluge Köpfe in der Partei es nicht schaffen, andere Lösungen zu finden.“ Sehr deutlich wird, dass Anja Gurke Zukunftsängste plagen. Sie fühle sich aber mit ihrer Sorge allein gelassen und von der Politik unverstanden.

Das steigert sich hin bis zur Angst vor Übergriffen sowie der Sorge vor Enteignung, wie sie schreibt. Doch gegen Ausländer habe sie nichts, betont Gurke im HNA-Gespräch. Vorurteile treffen auf Unsicherheit, eine gefährliche Mischung und doch nur ein Beispiel von vielen.

Diffuse Angst 

Diese diffuse Angst greift die Autorin Katja Schneidt auf und kritisiert die mangelnde Transparenz und das Leugnen von Problemen.

Sie bemängelt, dass die Bundesregierung das Bild vermittele, in blinden Aktionismus zu verfallen und den Überblick über die Flüchtlingssituation verloren zu haben. Stattdessen würden über Nacht Zeltstädte aus dem Boden gestampft. In einem fortschrittlichen und liberalen Staat müsse eine Diskussion über ein solch sensibles Thema möglich sein, so Schneidt, die dafür selbst insgesamt wenig  sensible Worte wählt.

Idee zum Buch 

Autorin Katja Schneidt (Gefangen in Deutschland) entwickelte die Idee zu dem Buch nach einer Facebook-Meldung von Schauspieler Til Schweiger, der sich für Flüchtlinge stark machte. Daraufhin antwortete Schneidt dem Schauspieler öffentlich und erhielt innerhalb weniger Tage tausende Zuschriften. Schneidt betont, Fremdenhass zu verurteilen. 15 Prozent des Gewinns aus dem Verkauf des eBooks gehen an eine Einrichtung, die Flüchtlingskinder betreut, weitere 15 Prozent gehen an den Verein „Arche“.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.