Nach Überfall auf Kiosk: Arrest als Warnschuss

Fritzlar. Zwei junge Männer sind vom Amtsgericht Fritzlar zu Jugendarrest beziehungsweise einer Geldstrafe verurteilt worden. Sie hatten einen Kiosk überfallen.

„Denn sie wissen nicht, was sie tun“, zitiert der Anwalt aus der Bibel. Doch mit Blick auf die beiden Angeklagten wird er wohl eher den Film mit dem rebellischen James Dean gemeint haben.

Die Jungs, anders können sie kaum benannt werden, waren zur Tatzeit 18 Jahre alt. Eine Reifeverzögerung sei nicht auszuschließen, meint die Vertreterin der Jugendhilfe. Im März 2015 lebten beide gemeinsam in einer Kasseler Wohnung. Geld war knapp. Dazu kamen Schulden.

Mit Softair-Pistole gedroht

Spontan fuhren sie zu einem Kiosk im Märchenviertel. Während der eine auf dem Spielplatz(!) wartete, betrat der andere mit Sturmhaube, Sonnenbrille und Softair-Pistole den kleinen Verkaufsraum. Gerade wollte eine Kundin leere Flaschen abgeben. Der Täter stellte sich daneben, fuchtelte mit der echt wirkenden Waffe herum und sagte: „Geld her.“ Er bekam 300 Euro. Dann griff er selbst in die Kasse, um auch noch die Münzen einzusacken. Nachdem die beiden ein Stück die Straße entlanggegangen waren, wollten sie nachsehen, wie viel nun eigentlich in der Geldtüte steckte.

Doch noch schneller kam die Polizei. Rucksack, Geld, Handy - alles wurde in Hektik links und rechts in die Büsche geworfen. Die Polizei sammelte Jungs und Dinge ein. Das Geld wurde nicht gefunden.

Von Beginn an waren die Täter geständig. Inzwischen haben sie die Summe erstattet. Der Kassiererin schrieben sie Entschuldigungsbriefe. Die als Zeugin geladene Frau konnte auch nicht im Gerichtssaal die mündlichen Entschuldigungen annehmen.

Die Kundin, die ebenfalls als Zeugin geladen war, erläuterte das Geschehen nach dem Überfall. Sie hatte die Kioskbesitzerin in den Arm genommen, da sie im Schock am ganzen Körper zu zittern begann. Seitdem kann sie abends nicht mehr arbeiten und muss von ihrem Mann abgelöst werden. Die Kundin jedoch geht auf die beiden Täter zu und schüttelt ihnen die Hand. Ihr ungewöhnlich tolerantes Verhalten rührt die Anwesenden.

Die Täter sind dem Jugendamt seit längerer Zeit bekannt. Sie wuchsen als Scheidungskinder auf. Der Jugendrichter wundert sich, weshalb die Eltern nicht anwesend sind. Dieses Desinteresse komme leider immer wieder vor und verdeutliche prekäre familiäre Verhältnisse.

Die Angeklagten zeigten sich geständig und reuig. Einer arbeitet inzwischen. Er muss deshalb 600 Euro an die Geschädigte zahlen.

Der Haupttäter lernt auf einer Berufsschule. Als Warnschuss wird er in den kommenden Ferien in den Jugendarrest gehen und zudem 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten. Die Entscheidung über die Verhängung einer Jugendstrafe wird auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Von Michael Meinicke

Rubriklistenbild: © dpa

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