INTERVIEW  Oberst Sönke Schmuck aus Fritzlar über den neuen Freiwilligendienst Heimatschutz

„Bundeswehr heißt immer, Teil einer Gemeinschaft zu sein“

Drei Soldaten  sind vor dem Kampfhubschrauber Tiger in der Fritzlarer Kaserne Georg Friedrich Kaserne zu sehen
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Der Alltag von Soldaten ist vielseitig: Nicht nur am Kampfhubschrauber Tiger, wie hier auf dem Bild.

Fritzlar – Ein neues Konzept soll junge Menschen ermutigen, sich freiwillig bei der Bundeswehr für den Heimat- schutz einzusetzen. Der sogenannte Freiwilligendienst, vorrangig eine Idee von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, wird allerdings kritisch diskutiert. Oberst Sönke Schmuck, Kommandeur des Kampfhubschrauberregiments 36 in Fritzlar, erklärt, wie er diese neue Initiative sieht.

Herr Schmuck, zunächst sollen 1000 junge Männer und Frauen für einen freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz gewonnen werden. Was halten Sie davon?
Grundsätzlich halte ich viel von diesem Vorstoß der Ministerin. Wir leben in einem tollen Land. Das haben wir jetzt in der Coronakrise erst wieder festgestellt. Deswegen sage ich: Dem Land etwas zurückzugeben und seinen Beitrag zu leisten, dass es so bleibt, ist richtig und wichtig. Da mache ich keinen Unterschied, ob es sich um einen Dienst als Soldat, Feuerwehrmann oder bei den Samaritern handelt Ob die Ausgestaltung des neuen Freiwilligendienstes unter den derzeitigen Rahmenbedingungen den erhofften Effekt bringen wird, bleibt abzuwarten. Ich persönlich finde es auch immer noch sehr bedauerlich, dass die Wehrpflicht und der Ersatzdienst abgeschafft wurden..
Warum?
Viele Familien waren über die Wehrpflicht direkt mit der Bundeswehr verbunden und hatten so auch an der sicherheitspolitischen Lage um uns herum Interesse. Man merkt leider, dass dies jetzt deutlich in den Hintergrund getreten ist. Für die Bundeswehr hatte es den eindeutigen Vorteil, dass man viel leichter junge Leute überzeugen konnte, sich als Zeit- und Berufssoldaten zu verpflichten. Viele Familien waren über die Wehrpflicht direkt mit der Bundeswehr verbunden und hatten so auch an der sicherheitspolitischen Lage um uns herum Interesse. Man merkt leider, dass dies jetzt deutlich in den Hintergrund getreten ist. Für die Bundeswehr hatte es den eindeutigen Vorteil, dass man viel leichter junge Leute überzeugen konnte, sich als Zeit- und Berufssoldaten zu verpflichten. Ein weiterer immenser Vorteil der Wehrpflicht war, gerade in Krisenlagen auf einen großen Pool von Reservisten aus allen Bereichen zurückgreifen zu können. Mit dem neuen Konzept will Frau Kramp-Karrenbauer vermutlich klar machen: Wir müssen etwas tun, um dem Trend des Auseinanderdriftens zwischen Gesellschaft und Bundeswehr entgegenzuwirken.
Junge Menschen sollen in der Nähe ihres Wohnortes und nicht im Ausland eingesetzt werden. Überzeugt das?
Wir nehmen zwar ohnehin viel Rücksicht auf die Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf. Aber ich hoffe schon, dass dieses Konzept einige auch aus diesen Gründen überzeugt. Außerdem erscheint mir der Freiwilligendienst im Heimatschutz nicht schlecht vergütet. Auch das sehe ich positiv, sollte aber nicht als alleiniger Anreiz herhalten. Ich finde, jeder, der sich für das Land engagiert, sollte das auch entsprechend vergütet bekommen.
Meinen Sie, viele sind nur des Geldes wegen bei der Bundeswehr?
In einigen Fällen sicherlich, aber das Feedback der Freiwilligen, wenn sie dann erst einmal bei uns angekommen sind, ist ein anderes. Wir haben sehr viele Anträge auf Weiterverpflichtung von jungen Soldaten, die eigentlich nur eine Zeit überbrücken wollten. Und auch auf Wiedereinstellung von Kameraden, die als Soldat auf Zeit ausgeschieden waren und jetzt wegen der Kameradschaft in die Truppe zurückkommen. Bei den Soldaten ist man Teil einer Gemeinschaft, an dieser Stelle sollte Konkurrenzdenken nicht diese große Rolle spielen. Jeder, der sich bei der Bundeswehr einbringt, wird von dieser Gemeinschaft – dem Team – mitgetragen.
Gerade Jüngeren ist ein selbstbestimmtes, individuelles Leben aber sehr wichtig. Ein Begriff wie beispielsweise „dienen“ findet dort gar keinen Platz.
In meiner Generation war das Wort „dienen“ ein Standardbegriff. Man dient einem Zweck, einem Auftrag – diesem Land. Da gab es früher auch weniger Diskussionen. Oft rückt in den Hintergrund, unter welchen guten Bedingungen wir hier politisch und wirtschaftlich leben. Man muss doch mal ganz ehrlich sagen: So gut, wie es uns geht, sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, diesem Land in irgendeiner Form zu dienen. Ich denke, gerade in der Coronakrise ist das auch vielen jungen Menschen bewusst geworden. Sie stellen sich die Frage: Ist alles so selbstverständlich, wie wir es für selbstverständlich gehalten haben – das Geld, die Freiheit, der Urlaub überall?
Wie stehen Sie zu den Vorwürfen, das Freiwilligenjahr solle bloß andere Probleme der Bundeswehr kaschieren?
Das sind immer die Standardvorwürfe, die kommen, wenn etwas auf den Weg gebracht wird. Ich habe unsere Ministerin zwar noch nicht persönlich kennengelernt, aber sie wirkt auf mich nicht wie ein Mensch, der den schnellen Öffentlichkeitseffekt erhaschen will. Ich nehme sie als jemanden wahr, der sich die Sorgen und Nöte der Soldaten anhört und auf Probleme eingeht. Jetzt ein Thema aufzubringen, nur um von anderen Problemen der Bundeswehr abzulenken – das hat sie nicht nötig. (Daria Neu)

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