Die Frauen sollten sich "ernsthaft bemühen, andere zu retten"

Club der Jungfrauen: Fritzlarerinnen forschen zu einem Verein mit Tradition

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Die Forscherinnen: von links Marie-Luise Matthäi, Margit Vogt, und Stefanie Mnich.

Am Anfang war das Gerücht. Als Stefanie Mnich davon hörte, war ihr Forschergeist geweckt. Gibt es in Fritzlar wirklich einen Jungfrauenverein, der sich freitags in einer Gaststätte trifft?

Immer in der Woche, in der in der Altstadt die Gelben Säcke abgeholt werden? An dem Stammtisch-Gerücht war nichts dran, an dem Jungfrauenverein hingegen schon.

„Ich wusste, dass es in Fritzlar einst eine sehr große Zahl an Vereinen gab“, sagt Mnich, Leiterin des Museums Hochzeitshaus. Aber von einem Jungfrauenverein hatte sie nichts gehört. Sie recherchierte und wurde in der Dombibliothek fündig. Einen ersten Hinweis fand sie beim Franziskanermönch Philipp Dux in seiner „Stoffsammlung zu einer Geschichte und Beschreibung der Stadt Fritzlar“ von 1896.

Darin beschreibt Dux die Reihenfolge des Fronleichnamszuges in der Domstadt. „Den Beschluss bildeten die Frauen und Jungfrauen, welche außer ihren Fahnen auch Statuen der Gottesmutter auf Tragbahren mit sich führten.“

Weitere Hinweise entdeckte Mnich im Pfarrarchiv. Demnach gab es in Fritzlar sogar zwei Jungfrauenkongregationen. Den ersten Antrag zur Gründung beim Bistum Fulda stellte die Ursulinenschule am 2. Juli 1888 – und erhielt postwendend eine Absage. Der offizielle Grund: Dem Pfarrer sollten keine weiteren Aufgaben auferlegt werden.

„Vielleicht wollte das Bistum nicht, dass Frauen sich organisieren“, vermutet Mnich. Ein Jahr später die erneute Anfrage. Mit Erfolg. Das Bischöfliche Generalvikariat stimmte zu.

32 Jahre später, am 29. Juli 1921, gründete die Gemeinde St. Petri ihre eigene Jungfrauenkongregation. Ihr gehörte einst auch Marie-Luise Matthäi aus Fritzlar an. „Wir sind automatisch zu der Jungfrauenkongregation gekommen“, berichtet sie. Das war für katholische Mädchen in Fritzlar selbstverständlich.

Fronleichnamsprozession in Fritzlar um 1955: Unser historisches Foto zeigt Marie-Luise Matthäi (links) mit der Fahne der Jungfrauenkongregation. 

Die Mädchen trafen sich alle vier Wochen – vor allem, um zu beten. Bei den Fronleichnamsprozessionen war Matthäi auch dabei. Sie trug – wie alle Mitglieder – eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock. „Das gehörte sich so.“

Einblicke in das Vereinsleben gibt ein Heft, das Margit Vogt, Leiterin der Dombibliothek, entdeckt hat. Es enthält handschriftliche Protokolle. Sie belegen, dass sich der Verein der Domgemeinde noch in den 1990er-Jahren getroffen hat. Er traf sich „bei schönem Wetter an der Mariengrotte“ und im Lioba-Haus zum „frohen Zusammensein“. „So machen wir es noch solange es unsere Gesundheit zulässt und freuen uns bei jeder Begegnung“, heißt es weiter. Es ist der letzte Eintrag vom 22. Februar 1995.

Marie-Luise Matthäi hat den Jungfrauenverein übrigens schon 1963 verlassen: In dem Jahr heiratete sie ihren Mann Alfred.

Das waren die Ziele der Jungfrauenvereine

Die Jungfrauenvereine sind religiöse Vereinigungen. In der Einheitssatzung aus dem Jahr 1930 sind ihr Wesen und ihre Ziele festgelegt. 

Die Mitglieder sollen eine „besonders innige Andacht, Ehrfurcht und kindliche Liebe zur Seligsten Jungfrau Maria“ pflegen. 

Die vereinigten Gläubigen sollen außerdem zu "wahrhaft guten Christen herangebildet werden, die aufrichtig bestrebt sind, sich in ihrem Stande zu heiligen“.

Die Frauen sollen sich ernsthaft bemühen, "soweit ihre soziale Stellung ihnen das gestattet, auch andere zu retten und zu heiligen und die Kirche Jesu Christi gegen die Angriffe glaubensfeindlicher Menschen zu verteidigen".

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