Frieden ist noch nicht in Sicht

Die Bundeswehr zieht demnächst aus Afghanistan ab: Erinnerungen an eine Reise nach Kabul

Die Bundeswehr zieht aus Afghanistan ab: Niemand weiß, ob die Fluggeräte ausreichen, um fristgerecht aus Afghanistan alle Waffen und Materialien abzutransportieren. Die
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Die Bundeswehr zieht aus Afghanistan ab: Niemand weiß, ob die Fluggeräte ausreichen, um fristgerecht aus Afghanistan alle Waffen und Materialien abzutransportieren.

Die Redakteure Olaf Dellit und Claudia Brandau waren 2003 mit Soldaten aus Fritzlar in dem von Krieg und Terror erschütterten Afghanistan. Ein Rückblick.

Kabul/Fritzlar – Es war damals ein für uns surreales Szenario: In der Lagebesprechung im Camp Warehouse in Kabul hieß es, dass mit Sprengstoff beladene Taxen unterwegs seien. Aber: Jedes zweite oder dritte Auto in der afghanischen Hauptstadt war ein Taxi. Als vor dem Feldlager der Bundeswehr ein mit bärtigen Männern besetzter Wagen stoppte, wurden die Wachen nervös. Damals ist nichts passiert, aber diese Szene kam mir in den Sinn, als das Ende des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr bekannt gegeben wurde.

Im Juni 2003 war ich zusammen mit meiner Kollegin Claudia Brandau für die HNA in Kabul, um über Fritzlarer Soldaten zu berichten, die dort im Einsatz waren. Nur wenige Tage zuvor waren vier deutsche Soldaten bei einem Bombenanschlag auf einen Bus getötet worden. Wir überlegten damals, ob wir trotzdem dorthin fliegen sollten und entschieden uns dafür. Viele Soldaten haben diese Wahl nicht.

Bundeswehr in Afghanistan: Respekt vor Leistung der Soldaten

Ich muss gestehen, dass ich immer eine gewisse Skepsis gegenüber dem Militär hatte. Ich hatte mich gegen den Wehr- und für den Zivildienst entschieden: Für mich die richtige Entscheidung. Aber die Reise nach Kabul hat mich Respekt vor Soldaten gelehrt, die dort ihren Dienst erfüllten – den manche sogar mit dem Leben bezahlen mussten.

Wir haben damals ein wenig miterlebt, wie sich das Leben in einem Militärlager anfühlt, in dem man jederzeit mit Raketen von oben und Autobomben von draußen rechnen muss. Wir rasten im Konvoi mit dem damaligen Kommandeur Werner Freers durch Kabul, die Geschwindigkeit – auf den Straßen voller Schlaglöcher ein echtes Kunststück – sollte davor schützen, dass sich ein Attentäter in den Konvoi drängte.

Ich habe eine gewisse Vorstellung davon, wie Familien sich fühlen, deren Männer (seltener Frauen) monatelang am Hindukusch stationiert sind und die den Anruf mit einer schlechten Nachricht fürchten. Was, frage ich mich, mögen sie jetzt denken? Und was die Soldaten selbst?

Bundeswehr in Afghanistan: Raketenangriffe und Spielzeug-Laster

Viele dürften vor allem froh sein, dass sie sich nicht der Gefahr in Afghanistan mehr aussetzen müssen – wohl wissend, dass andere Auslandseinsätze kaum weniger gefährlich sind. Aber der Abzug bedeutet eben auch, dass das, was zweifellos erreicht wurde, nun in Gefahr ist. Wir lernten damals den Dolmetscher Naqibullah (im Bundeswehrdeutsch „Sprachmittler“) kennen, der uns durch Kabul fuhr. Erst nach einiger Zeit bemerkten wir, dass eines seiner Beine eine Prothese war.

Er erzählte uns vom Raketenangriff auf sein Haus, bei dem er schwer verwundet worden war und von seiner Frau, die unter den Taliban nicht als Lehrerin arbeiten durfte. Für Naqibullah und seine Familie war der Angriff der US-Truppen auf Kabul eine Befreiung gewesen.

Wenn man jetzt hört, dass die afghanische Regierung in vorauseilendem Gehorsam vorübergehend angeordnet hatte, dass Mädchen und Frauen ab zwölf Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit singen dürfen, ahnt man Schlimmes. Der Einsatz in Afghanistan war von Anfang an mit Fehlern behaftet. Wir besuchten damals ein Haus für Halbwaisen und ich werde nie vergessen, wie ein Kind sich einen der gespendeten Spielzeug-Laster schnappte, an sich drückte und nicht mehr loslassen wollte.

Waffen sind allgegenwärtig: Diese Jungs zeigten stolz ihre Spielzeugpistole.

Bundeswehr in Afghanistan: Zivile Aktionen wurden vernachlässigt

Mit solchen humanitären Aktionen hätte man mehr erreichen können im so genannten Kampf um die Herzen und Köpfe der Afghanen – doch der zivile Teil wurde sträflich vernachlässigt. Man kann mit Waffen manchmal einen Krieg stoppen, Frieden kann man mit ihnen nicht erreichen. Bei unserer Reise kamen wir auch am Kabuler Stadion vorbei, in das die Taliban die Afghanen geradezu zwangen. Die aber sahen dort keine Fußballspiele, sondern Hinrichtungen von Menschen, die gegen die unmenschlichen Regeln der Taliban verstoßen hatten.

Wenn die westlichen Truppen nun Afghanistan verlassen, könnte sich die Geschichte wiederholen. Es wäre eine Niederlage für die afghanischen Männer, für die Kinder und Frauen, die doch einfach nur in Frieden leben wollen. Und es muss die Soldaten schmerzen, die ihr Leben am Hindukusch riskiert haben; und noch mehr die Familien, die dort Angehörige verloren haben.

Eine zerstörte Stadt: Unwahrscheinlich, dass Kabul bald wieder in seiner alten Pracht erstrahlt.

Bundeswehr in Afghanistan: Oberstabsfeldwebel aus Fritzlar blick auf Einsatz zurück

Diese Monate am Hindukusch möchte Peter Schlitt aus Obergrenzebach auf keinen Fall Leben missen: Ein halbes Jahr lang war der damalige Oberstabsfeldwebel 2003 mit seinen Kameraden aus der Fritzlarer Georg-Friedrich-Kaserne in Kabul stationiert, hat dort seinen 52. Geburtstag gefeiert.

Ziel der internationalen Mission, zu der die Fritzlarer gehörten, war es, die politische Lage im Land zu stabilisieren: Der Staat Afghanistan, die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt sollten das zerstörte Land in einem sicheren Umfeld aufbauen können. Ein Plan, der nicht aufgegangen ist – die Taliban rückten nach, ungezählte Terroranschläge und Selbstmordattentate erschütterten Land und Menschen. 

Auch Fritzlarer Soldaten waren 2003 für ein halbes Jahr in Kabul: Vorn von links Peter Schlitt, Kai Kersten und Timo Hubenthal. Hinten von links Jens Roeske, Thorsten Kerth, Frank Schulze, Steven Kubisch, Bernd Sauer, Michael Zimprich, Hans-Kurt Völker, Andreas Reich, Ulrich Schröder.

Bundeswehr in Afghanistan: Hoffnung auf Sicherheit im Land hat sich nicht erfüllt

An die Monate dort erinnert sich der heute 70-Jährige als aufregende Zeit. Die Fahrten raus aus dem zerstörten Kabul auf die Dörfer, die Begegnungen mit Menschen, die in einer solch anderen, bedrohlichen Welt lebten und doch so herzlich gewesen seien, die Bemühungen zum Aufbau einer Mädchenschule, die die Taliban zerstört hatten: Diese Zeit habe sein Denken verändert, ihm bewusst gemacht, welch gutes Leben die Menschen in Deutschland führten.

18 Jahre nach seinem Einsatz dort zieht die Bundeswehr nun die Truppen ab. „Wir haben damals versucht, Stabilität in die Lage zubringen“, sagt Peter Schlitt heute. „Es ist so unendlich schade, dass sich die Hoffnung auf Sicherheit im Land nicht erfüllt hat. Aber es braucht wohl deutlich mehr Zeit und auch mehr als nur eine Generation, um eine Demokratie aufzubauen.“ (Olaf Dellit und Claudia Brandau)

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