Diese Tat hat Spuren hinterlassen

Karnevalisten in Fritzlar-Homberg über die Amokfahrt von Volkmarsen

Dass aufgrund der Corona-Pandemie keine Umzüge stattfanden, lässt ein Jahr länger Zeit für die Aufarbeitung der Amokfahrt. 
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Dass aufgrund der Corona-Pandemie keine Umzüge stattfanden, lässt ein Jahr länger Zeit für die Aufarbeitung der Amokfahrt. 

Ein Jahr nach der Amokfahrt von Volkmarsen, bei der am Rosenmontag 154 Menschen körperlich und seelisch verletzt wurden, fragen sich auch viele Karnevalisten im Kreisteil Fritzlar-Homberg noch nach dem Warum.

Fritzlar-Homberg/Volkmarsen - Die Folgen der grausamen Tat sind sowohl in der Karnevalshochburg Fritzlar, wo der größte nordhessische Rosenmontagszug stattfindet, als auch in Edermünde zu spüren – auch dort gibt es einen Umzug. Beide Orte sind in der fünften Jahreszeit traditionell in närrischer Hand.

Die Amokfahrt

Schon vor vielen anderen Teilnehmern des Fritzlarer Rosenmontagszuges hat der Präsident der Fritzlarer Stadtnarren, Andreas Salzmann, von der Amokfahrt in Volkmarsen gehört. „Wir waren noch beim ersten Durchgang in Fritzlar“, sagt er. Da habe er von einem befreundeten Karnevalsverein, der in Volkmarsen vor Ort war, davon erfahren. „Doch da wusste man noch nicht genau, ob es sich um ein Unglück oder einen Anschlag handelte“, erinnert er sich.

„Es hieß, ein Auto sei in die Zuschauermenge gefahren.“ Bald darauf folgte auch die Information durch die Zugführer in Fritzlar, dass der Umzug gestoppt und aufgelöst werden sollte. Pascal Prior, Zugleiter der Eddernarren, erinnert sich ebenfalls noch genau an den Moment, als ihn die Nachricht über den Fritzlarer Polizeichef erreichte. „Den Rosenmontagsausschuss habe ich dann sofort informiert, allen anderen gegenüber musste ich mich erst noch bedeckt halten.“ Die Gerüchteküche habe aber bereits gebrodelt.

„Wir haben von der Amokfahrt in Volkmarsen erst nach unserem eigenen Umzug erfahren“, sagt Rainer Kilian Vorsitzender der Karnevalsgemeinschaft 1965 Holzhausen/Hahn. Das habe daran gelegen, dass der Rosenmontagsumzug nur von der Feuerwehr begleitet wird und nicht wie in Fritzlar von der Polizei.

Die Reaktionen

„Wir haben den Karnevalisten in Volkmarsen über unseren Verband unsere Anteilnahme ausgedrückt“, sagt Andreas Salzmann. Darüber hinaus habe man sich bei den Stadtnarren auch viele Gedanken über die Sicherheit bei solchen Großveranstaltungen wie dem Rosenmontagszug gemacht. „Wir wollen uns aber nicht verrückt machen lassen“, sagt Salzmann. Allerdings sei den Karnevalisten auch klar, dass eine solche Tat auch trotz aller Sicherungsmaßnahmen nicht zu verhindern sei. „Wenn wir uns aber von diesem Gedanken beherrschen lassen, dann können wir kaum noch Spaß und Freude haben.“

Natürlich sei einem kurz nach der Tat sofort der Gedanke in den Kopf gekommen: „Was ist, wenn hier bei uns das Gleiche passiert?“, sagt Pascal Prior. „Hoffnung hat uns gegeben, dass der Fritzlarer Rosenmontagsumzug immer sehr gut vom Autoverkehr abgeschirmt ist.“ Theoretisch sei eine solche Tat aber schließlich nirgendwo ausgeschlossen.

„Wir haben jedes Jahr Befürchtungen, dass etwas passieren könnte – dass jemand vom Wagen fällt oder ein Zuschauer von Wurfmaterial getroffen wird“, sagt Kilian. Er sei immer wieder froh, wenn nach dem Umzug alle unversehrt seien.

Die Folgen

„Für uns Teilnehmer des Rosenmontagszuges in Fritzlar werden die Folgen nach Volkmarsen auch sichtbar sein“, sagt Andreas Salzmann. Mehr Polizeipräsenz und zusätzliche Absperrungen nennt er als Beispiel. „Wir machen weiter und werden wieder teilnehmen, wenn nach der Coronazeit wieder Umzüge möglich sind“, sagt er. „Machen wir das nicht, haben solche Täter ihr Ziel erreicht.“

Zugleiter Pascal Prior stimmt Salzmann zu: „In Sachen Sicherheit wird es noch schärfere Regeln geben.“ Zu überlegen sei, zusätzlich die Parkplätze in der Domstadt zu sperren, damit auch wirklich kein einziges Auto einen Weg zum Umzug finden könne. „Ich denke heute auf jeden Fall an die Amokfahrt vor einem Jahr“, sagt Prior. Sie habe bei allen Vereinen Spuren hinterlassen.

Die Gedanken von Kilian sind bei der Volkmarser Karnevalsgesellschaft (VKG). Diese müsse das schreckliche Ereignis verarbeiten „So etwas bleibt lange haften“, sagt Kilian. Wie der Rosenmontagsumzug 2022 ablaufen werde, hänge auch von eventuellen Auflagen des Regierungspräsidiums in Kassel ab. Für Vereine wie die KGH stelle sich dabei die Frage: „Wer trägt die Kosten?“, sagt Kilian, der sich nicht sicher ist, ob 2022 Karneval in gewohnter Form wieder möglich sein wird. (Maja Yüce, Daria Neu und Christina Zapf)

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