Deutschlands höchster Berg

Durch das Höllental Richtung Himmel: Fritzlarer steigt auf Zugspitze

Ein Wanderer erklimmt mit Stöcken und Rucksack einen vereisten Gletscher auf dem Weg zum Gipfel der Zugspitze.
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Auf dem Höllentalferner: Auf dem Weg zum Zugspitz-Gipfel durch das Höllental müssen alle Bergsteiger zunächst den Gletscher überqueren.

Der 70-jährige Fritzlarer Eckhart Schenk und HNA-Redakteurin Daria Neu haben gemeinsam den Gipfel der Zugspitze erklommen. Die Erkenntnis: Deutschlands höchster Berg ist ein Abenteuer.

Fritzlar/Hammersbach – „Ich bin auch Bergsteigerin. Sie können mich ja mal mit auf die Zugspitze nehmen.“ Ja, die große Klappe, sie ist ein steter Begleiter. Dieses eine Mal sorgt sie für das bisher größte Abenteuer meines Lebens. Denn der 70-jährige Eckhart Schenk aus Fritzlar nimmt mich beim Wort. Anfang des Jahres kommt das Angebot: Mit einer Begleitung soll ich im Juli mit ihm über den berühmten Anstieg durch das Höllental auf den Gipfel klettern.

Schenk selbst hat die Zugspitze schon oft erklommen, auch über den Jubiläumsgrat, der nur sehr erfahrenen Alpinisten vorbehalten ist. Er ist der Experte der Wandergruppe, die aus Schenks Schwiegertochter Kristin Schenk, mir und meiner Mutter Kerstin Neu besteht. Fit sind wir alle. Doch reicht es für Deutschlands höchsten Berg? Bald sollten wir erfahren, dass dieser Gipfelsturm ein Grenzerlebnis sein wird.

Höllentalangerhütte

Trotz der Coronakrise ist eine Reservierung auf der Höllentalangerhütte zur Zwischenübernachtung möglich. Und so finden wir uns Mitte Juli tatsächlich in Hammersbach bei Garmisch-Partenkirchen wieder, dem Startpunkt der Tour. Insgesamt liegen 2200 Höhenmeter vor uns. Den Großteil davon gilt es am zweiten Tag zu überwinden – über Felsen, den vereisten Höllentalferner und einen stundenlangen Klettersteig.

„Das Wetter sieht nicht so prickelnd aus“, sagt Schenk. Und das ist noch untertrieben. Es sind Dauerregen, Temperaturen um 0 Grad und Nebel angesagt. Zwei Fritzlarer, die ebenfalls auf der Höllentalangerhütte schlafen, sagen ihre Tour am nächsten Morgen ab. Sie nehmen netterweise die Schlafsäcke mit ins Tal. Denn ohne plausiblen Grund: Wir wollen es nach wie vor versuchen.

Leiter und Brett

„Wir gehen erst mal bis zur Leiter und zum Brett“, erklärt Schenk. Es handelt sich um zwei bekannte Kletterstellen auf dem Weg zur Zugspitze. Am Seil gesichert, geht es dabei teilweise auf Eisenstiften über den Abgrund. Doch ohne Höhenangst – und die ist bei einem solchen Vorhaben ohnehin fehl am Platz – klappt das ohne Probleme.

Klick. Klick. Zwischendurch ist nur das Öffnen der Karabiner zu hören. Sogar der Himmel macht Anstalten aufzureißen. Viele Plaudereien gibt es trotzdem nicht. Ungesagt scheinen wir alle dasselbe zu denken: Wie lange wird das Wetter halten? Die Berge haben schließlich ihre eigenen Regeln.

Gemeinsam auf der Tour: von links Eckhart Schenk, Kristin Schenk, Kerstin Neu und Daria Neu.

Gletscher

Seit Stunden geht es Schritt für Schritt nach oben. Vom gewaltigen Höllentalferner, dem vereisten Gletscher, trennt uns nur noch ein Geröllfeld. „Wenn wir da jetzt drüber gehen, ziehen wir durch.“ Diese Worte euphorisieren und ängstigen zugleich. Alle nicken verhalten. Alle wollen sie nutzen, diese Chance.

Der Weg über den Gletscher ist einsam. Meine Mutter, die sich vor mir mit Steigeisen durch das Schneefeld kämpft, sieht aus wie ein kleiner Punkt in einer weißen Unendlichkeit. Endlich stehen wir an der Randkluft. Sie ist eine der anspruchsvollsten Stellen der Tour, denn der Übergang zwischen Gletscher und Fels ist bereits deutlich abgeschmolzen. „So breit habe ich die Randkluft noch nie gesehen.“ Schenk klettert vor und muss alle drei Frauen mit seinem Seil unterstützen. Der Einstieg raubt uns allen Energie – und vor allem eines: Zeit.

Klettersteig und Gipfel

Vom aufgerissenen Himmel gibt es längst keine Spur mehr. In den Nebel mischt sich Schneeregen. Wir sind durchgefroren. Die Finger teilweise taub. Doch Nachlässigkeit beim Sichern kann tödlich sein. Deswegen hilft nur eines: Weiterklettern, mit den Armen hochziehen, die letzte Kraft in den Beinen nutzen, hoffen, dass die Muskeln nicht dichtmachen.

Mitten im Klettersteig ist eine Seilversicherung aus dem Fels gebrochen. Wieder muss sich Schenk etwas einfallen lassen. „Tritt auf meinen Fuß, ich zieh dich rüber“, sagt der 70-Jährige. Im vergangenen Jahr gab ich ihm zum ersten Mal höflich die Hand, wenige Monate später kralle ich mich nun an seinen Unterarm.

Die Zeit läuft uns durch die unvorhergesehenen Widrigkeiten davon. Es ist nach 17 Uhr. Die letzte Bahn dürfte längst weg sein. Panik? Keine Option auf knapp 3000 Metern. Um uns herum wabert eine weiße, eiskalte Suppe.

Dann endlich – es glitzert golden. Ich habe bereits einige Gipfelkreuze gesehen, doch über keines habe ich mich je mehr gefreut. Und tatsächlich: Die Seilbahn hat gewartet. Meine Mutter schaut den Mann am Eingang an und flüstert ihm erschöpft „Danke“ zu. Ein paar Tränen sind nicht zu verbergen.

Worte für das, was in den vergangenen Stunden passiert ist, finden meine Mutter und ich bis zum nächsten Morgen kaum. Doch ein Spruch auf der Speisekarte am Frühstückstisch passt: „Alle sagten immer, das geht nicht. Dann kam jemand, der das nicht wusste und hat es einfach gemacht.“

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