Vierter Prozesstag am Landgericht Kassel

Falsche Ärztin: Ehemaliger Mitarbeiter des Fritzlarer Hospitals erhebt Vorwürfe vor Gericht

Im Gespräch miteinander sind die beiden Verteidiger der mutmaßlich falschen Ärztin von links Thomas Hammer und Dr. Sven Schoeller.
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Im Gespräch miteinander sind die beiden Verteidiger der mutmaßlich falschen Ärztin von links Thomas Hammer und Dr. Sven Schoeller.

Am vierten Prozesstag gegen die falsche Ärztin aus Fritzlar hat ein früherer Kollege ausgesagt - und der erhebt schere Vorwürfe.

Fritzlar/Kassel - Es war ein langer vierter Prozesstag vor dem Landgericht Kassel, der zum Schluss noch einmal versprach, spannend zu werden: Zwei Stunden lang wurde ein ehemaliger Mitarbeiter des Pflegepersonals vernommen, der mit der mutmaßlichen falschen Ärztin Meike S. im Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist zusammengearbeitet haben soll.

Meike S. war von 2015 bis 2018 im Hospital tätig und soll für den Tod von fünf Menschen verantwortlich sein, weitere sieben sollen Schaden durch die Behandlung davon getragen haben. Fragen und Antworten dazu.

Was macht den Zeugen so interessant?

Der Befragte ist ein ehemaliger Mitarbeiter des Pflegepersonals. Er soll einige Jahre mit Meike S. in der Anesthäsie im Fritzlarer Hospital zusammengearbeitet haben. In welchem Zeitraum, konnte er vor Gericht nicht mehr sagen: „Auf einmal war sie in der Anästhesie.“ Er war unter anderem für die Vor- und Nachbereitung der Narkose zuständig. „Ich habe viel mit ihr zusammengearbeitet“, sagte er. Mehr als zehn Operationen seien es gewesen.

Wie steht der Zeuge zu Meike S.?

Der Pflegemitarbeiter beschreibt Meike S. als „nett, freundlich, witzig“. Menschlich sei es „schön“ gewesen, mit ihr zu arbeiten. Fachlich aber schwierig. „Sie war immer sehr aufgeregt. Ihre Hände zitterten ständig“, so der Zeuge. Sie habe ihn häufig gebeten, ihre Aufgaben zu übernehmen. „Und dann habe ich eben gemacht.“

Hin und wieder habe sie so stark gezittert, dass sie Nadeln nicht platzieren konnte. „Das haben wir alle gesehen.“ Irgendwann hätte niemand aus dem Team mehr Bereitschaftsdienste mit der heute 50-Jährigen übernehmen wollen. Irgendwann ärgerte der Zeuge sich nach eigenen Aussagen täglich über die mutmaßlich falsche Ärztin: „Es war immer wie eine Bombe, die explodieren kann.“ Sie habe sich jedoch immer bedankt, wenn sie Hilfe erhalten habe.

Hat er sich bei der Klinikleitung beschwert?

Es gab zwar ein Qualitätsmanagement, über das Mitarbeiter anonym Beschwerden beim Hospital einreichen konnten. Der Pflegemitarbeiter habe das aber nie genutzt. Auch Meike S. selbst habe er nie auf ihr Zittern angesprochen. „Sie war der falsche Adressat für meinen Unmut“, sagte der Zeuge auf Nachfrage von Gutachter Georg Stolpmann. „Ich wollte sie nicht verletzen.“

Den Vorgesetzten habe er aber davon erzählt, dass er die Anästhesieärztin nicht als kompetent ansehe. Nach eigenen Angaben hat der ehemalige Pflegemitarbeiter bei der damaligen Chefin der Anästhesie, dem damaligen Chefarzt der Anästhesie und dem medizinischen Geschäftsführer seinen Verdacht anklingen lassen – ob beim Händewaschen oder bei Treffen auf dem Krankenhausflur.

Wie hat die Geschäftsleitung darauf reagiert?

Laut Zeuge gar nicht. Wie häufig er sich bei Chefarzt und Geschäftsführung beschwert habe, wollte Verteidiger Dr. Sven Schoeller wissen: Den Chefarzt wohl nicht mehr als zehn Mal, die Geschäftsführung beim Hände waschen zwei bis drei Mal, schätzte der Zeuge. Der Chefarzt habe immer wieder gesagt, es herrsche Ärztemangel, man müsse Meike S. Zeit geben. „Aber das was nicht stimmt, konnte jeder sehen.“

Gibt es Vorwürfe dem Hospital gegenüber?

Die personelle Ausstattung sei „ganz schlecht“ gewesen, so der ehemalige Pfleger. Als Assistenzärztin hätte Meike S. einige Wochen im Klinikalltag mitlaufen müssen. Sie sei jedoch nicht richtig eingearbeitet worden. Es habe darüber hinaus eine starke Fluktuation geherrscht. „Man konnte ja kaum drei Säle besetzen.“ In der Zeit, in der Meike S. am Hospital tätig war, habe es fünf bis sechs Honorarkräfte gegeben. Um die Ausbildung habe man sich kaum gekümmert. Zudem sei es in Kliniken die Regel, dass Fachärzte bei Einleiten einer Narkose im OP anwesend sind. In Fritzlar habe der Anästhesist den Facharzt informiert. Sei dieser im Haus gewesen, habe das Team mit der Narkose beginnen dürfen. Der Facharzt sei dann dazugekommen, sagte der Mann aus.

Wie hat Meike S. reagiert?

Sie schüttelte immer wieder den Kopf, meistens schaute sie auf ihr Notizbuch. Hin und wieder blickte sie durch den Saal. Als der Zeuge sagte, sie habe das Narkosemittel Propofol nicht aufziehen können, wurde sie emotional: „Das stimmt nicht!“, sagte sie zu ihrem Verteidiger. (Chantal Müller)

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