400 Gutachten zu prüfen

Falsche Ärztin: Verteidigung wirft Richter Befangenheit vor

Eingangsbereich des Hospitals zum Heiligen Geist in Fritzlar
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Hier soll sie fünf Menschen ermordet haben: Die mutmaßlich falsche Ärztin Meike W. war zwischen 2015 und 2018 am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist tätig.

Fünffacher Mord und versuchter Mord in elf Fällen wird Meike S, der falschen Ärztin, zur Last gelegt. Jetzt stellten ihre Verteidiger einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter.

Fritzlar - Fünffacher Mord und versuchter Mord in elf Fällen: Diesen Vorwürfen muss sich Meike S. seit Januar vor dem Kasseler Landgericht stellen. Sie soll sich am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist eine Anstellung als Assistenzärztin erschlichen haben, ohne Ärztin zu sein.

Mit einem schnellen Urteil ist aber auch nach knapp einjähriger Verhandlungsdauer nicht zu rechnen: Die Verteidiger Dr. Sven Schoeller und Thomas Hammer haben nicht nur beantragt, dass rund 400 zusätzliche Operations-Protokolle von Fachleuten begutachtet werden. Sie haben nun auch einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Volker Mütze und die beiden beisitzenden Richter gestellt.

Von 2015 bis 2018 hat die heute 50-Jährige im Fritzlarer Hospital gearbeitet. Bei insgesamt rund 500 Operationen im Hospital soll die Angeklagte als Anästhesistin für die Narkose der Patienten zuständig gewesen sein. Fünf Menschen überlebten dies nicht, weshalb die 50-Jährige wegen Mordes angeklagt wurde. Und nun sollen also auch jene Operationen untersucht werden, die gar nicht Gegenstand des Verfahrens sind, weil niemand zu Schaden kam. Der Mammutaufgabe, die Sachverständigen-Einschätzungen abzugeben, stellen sich seit Mittwoch zwei Professoren des Universitätsklinikums Gießen. Dr. Michael Sander und Dr. Matthias Wolff. Doch kaum hatten die ausgewiesenen Fachleute damit begonnen, den ersten Eingriff – eine Spinalanästhesie bei einer jungen Frau, die wenig später ein gesundes Baby zur Welt brachte – zu bewerten, war damit auch schon wieder Schluss.

Im Namen seiner Mandantin stellte Schoeller den Befangenheitsantrag. Das Gericht habe die Unterlagen nicht so vorbereitet, dass die Verteidigung den Gutachtern folgen könnte.

Die Verteidigung warf dem Gericht „mangelnden Aufklärungswillen“ vor. Es spule nur die Gutachten ab, ohne auf die Erkenntnisse angemessen einzugehen. Vorausgesetzt, die Verhandlung kann überhaupt weiter gehen, kündigte Mütze eine Fortsetzung der Gutachten-Präsentation für den Verhandlungstag am 15. Dezember an.

Falsche Ärztin: 400 Gutachten müssen geprüft werden

Rund 400 Gutachten. Diese schier unglaubliche Zahl von Sachverständigen-Einschätzungen sollen beim Mordprozess gegen die „falsche Ärztin“ Meike S. vor der 6. Strafkammer des Kasseler Landgerichts vorgestellt werden. Dieser sehr umfangreichen Aufgabe stellen sich seit Mittwoch zwei Professoren des Universitätsklinikums Gießen. Dr. Michael Sander und Dr. Matthias Wolff. Beide sind selbst lehrende, forschende und praktizierende Anästhesisten und somit ausgewiesene Fachleute.

Die beiden Mediziner haben sämtliche OP-Protokolle mehrfach durchgearbeitet. Am Verlauf, den von Meike S. verabreichten Narkosemitteln, der Sauerstoffzufuhr und ähnlicher Daten mehr lasse sich beurteilen, ob die Angeklagte, die nie ein Medizinstudium absolviert hatte, Fehler begangen habe. Allerdings liegen die Gutachten über die Operationen mit tödlichem Ausgang oder bei denen Menschen geschädigt wurden, dem Gericht längst vor.

Beim glücklichen Ausgang einer Operation könne das Ergebnis auch einfach nur auf Glück zurückzuführen sein, erläuterte Professor Sander in einer Verhandlungspause. „Das ist wie bei einer Fahrt über eine rote Ampel. Da passiert auch nicht jedes Mal etwas, sondern nur dann, wenn von der anderen Seite ein Auto kommt.“

In ihren Gutachten könnten sie aber auf jeden Fall aufzeigen, ob die gewählte Narkose fachgerecht oder eher ungewöhnlich war, sagte Sander. Dies zu bewerten sei dann Sache des Gerichts.

Prozess um falsche Ärztin: Gericht und Verteidigung uneins

Allerdings kamen die Gutachter am Mittwochmorgen nicht weit mit ihren Bewertungen: Verteidigung und Gericht konnten sich nicht darauf einigen, in welcher Reihenfolge die in großen Papierbergen enthaltenen Operationsberichte vorgestellt werden sollten. Offenbar lagen die Hunderte von Protokollen bei Verteidigung, Gericht und Staatsanwaltschaft in unterschiedlicher Reihenfolge vor. Zudem scheiterte Verteidiger Schoeller mit seinem Antrag, die Anästhesieunterlagen für mehr Übersichtlichkeit per Beamer auf eine Leinwand zu projizieren. Erst passte der offenbar uralte Stecker des Justiz-Beamers nicht an den modernen Laptop des Anwalts. Als das Problem gelöst war, erschien trotzdem kein Dokument auf der Leinwand. Als Richter Mütze darauf bestand, die Operationen in der dem Gericht vorliegenden Reihenfolge begutachten zu lassen, unterbrach Schoeller wieder.

Im Namen seiner Mandantin stellte er dann einen Befangenheitsantrag gegen Mütze und die beiden beisitzenden Richter.

Sollte die Verhandlung am 15. Dezember weitergehen, stünde dann die weitere Gutachter-Präsentation an. Dann soll die dem Gericht vorliegende Reihenfolge angewendet werden. Der Verteidigung bot Mütze an, alle Dokumente noch einmal in gleicher Ausführung zuzustellen.

In diesem Jahr soll nach gegenwärtiger Planung noch am 15. und 22. Dezember verhandelt werden. Im neuen Jahr dann jeweils mittwochs. (Thomas Stier)

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