Fiese Fasern sind die größte Gefahr

Bundeswehrübung: Zivile Retter und Regiment müssen bei Absturz zusammenarbeiten

Alles unter realistischen Bedingungen: Es ist zwar nur eine Übung – die Rettung der Piloten aus dem Cockpit muss jedoch genauso ernst ablaufen, als wäre der Absturz wirklich passiert.
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Alles unter realistischen Bedingungen: Es ist zwar nur eine Übung – die Rettung der Piloten aus dem Cockpit muss jedoch genauso ernst ablaufen, als wäre der Absturz wirklich passiert.

Der Tiger ist das Aushängeschild der Fritzlarer Bundeswehr. Dass er abstürzt, möchte sich niemand vorstellen. Dennoch muss man für den Ernstfall gewappnet sein. Daher gab es eine unangekündigte Übung.

Fritzlar – Ein Tiger-Hubschrauber ist abgestürzt – mit dieser Nachricht wird die Rettungs-crew des Fritzlarer Kampfhubschrauberregiments am Montagnachmittag um 16.45 Uhr alarmiert. Nein. Das Horrorszenario ist zum Glück nicht wirklich passiert. Es handelt sich nur um eine Übung. Doch die muss unter ganz realen Bedingungen ablaufen. Denn wenn mal wirklich ein Kampfhubschrauber abstürzt, Feuer fängt und Verletzte im Cockpit festsitzen, zählt jeder Handgriff, zählt jede Sekunde.

Sie spielen am Montagnachmittag die Opfer: Hauptgefreiter Jan Niklas Pohl (links) und Stabsgefreiter Nuri Kip.

„Heute geht es vor allem um die gute und enge Zusammenarbeit mit den zivilen Rettungsdiensten“, erklärt der Kommandeur des Regiments, Oberst Sönke Schmuck. Nur einzelne Eingeweihte der Freiwilligen Feuerwehr, der örtlichen Rettungsdienste sowie der Crew der Bundeswehr selbst wissen Bescheid. Die meisten der rund 100 Beteiligten denken, sie werden von einem echten Alarm erreicht. Es dauert nur wenige Minuten, da rasen die ersten großen Fahrzeuge auf den Schießplatz nahe der Kalbsburg – dort, wo das vermeintliche Unglück passiert sein soll.

Blick aus 30 Metern Höhe: Die Rettungsfahrzeuge treffen bereits wenige Minuten nach Alarmierung auf dem Schießplatz nahe der Kalbsburg ein.

Auf dem Gelände angekommen, wird spätestens jedem deutlich, dass „nur“ geübt wird. Das tut dem routinierten Eingriff jedoch keinen Abbruch. Zügig, aber bedacht, beginnen die Retter mit ihrer Arbeit. Zunächst sind es nur die Kräfte der Bundeswehr. „Im echten Fall wäre es auch so, dass erst vor Ort festgestellt wird, ob zivile Verstärkung benötigt wird“, erklärt Schmuck. Das Übungsszenario am Montagnachmittag: Auch das Nebengebäude hat durch den Absturz des Tigers Feuer gefangen. Es ist das Signal für die Fritzlarer Feuerwehr.

In voller Schutzausrüstung wird kontrolliert, in welcher Verfassung der Verletzte ist.

Während sie sich um die brennende Scheune kümmern – für die Atmosphäre sorgt Disco-Rauch –, versuchen die Rettungskräfte am Tiger vorsichtig, aber ohne Zeit zu verlieren, die Piloten in Sicherheit zu bringen. Hauptgefreiter Jan Niklas Pohl und Stabsgefreiter Nuri Kip spielen die Opfer. Beim Heraustragen aus dem Hubschrauber lassen sie sich hängen wie nasse Säcke – klar, es muss realistisch bleiben.

Was beim Tiger-Absturz das Besondere und gleichzeitig auch das Gefährlichste für die Rettungskräfte ist, wird schnell deutlich. Denn alle sind mit hochmodernen Atemschutzgeräten und Schutzanzügen ausgestattet. „Fiese Fasern – das ist das zentrale Stichwort“, erklärt Uwe Sauer. Er ist Fachkraft für Arbeitssicherheit bei der Bundeswehr. Geht ein Kampfhubschrauber wie der Tiger in Flammen auf, werden etwa 5 Mikrometer kleine Faserpartikel freigesetzt, die die Lunge und die Haut ebenso belasten können wie beispielsweise Asbest. „Deswegen ist es ganz wichtig, nicht sofort ohne Sinn und Verstand zur Unfallstelle zu hetzen, sondern sich in jedem Fall zuvor ausreichend zu schützen“, betont Sauer. Das gelte sowohl für die zivilen Kräfte als auch für die Kameraden der Bundeswehr. Ob ausgetretenes Kerosin, schädliche Dämpfe oder viele weitere Gefahrenquellen – nichts sei vergleichbar mit der tückischen Gefahr der fiesen Fasern.

Aufgrund dessen tragen die Retter die zwei Opfer anschließend auch sofort weit weg von der Unfallstelle. Nach ersten Hilfsmaßnahmen und dem Kliniktransport steht dann für die Rettungskräfte die umgehende Dekontaminierung an. Dafür wird eine Art Becken aufgebaut. Dann kommen Fahrzeuge wie Tankwagen oder Kranwagen ins Spiel. Ein Kranwagen wird benötigt, wenn man den Tiger wieder aufrichten muss.

Insgesamt hat der komplette Einsatz ab dem Alarmierungszeitpunkt eine knappe Stunde gedauert. Der Zeitraum, den die Fritzlarer Feuerwehr ab Alarmierung nicht überschreiten darf, liegt bei 15 Minuten. Flugsicherheitsstabsoffizier Rüdiger Wiederhold, der Einsatzleiter des Regiments, zeigt sich nach der Übung zufrieden. Als er den Helm abnimmt, stehen ihm die Schweißperlen auf der Stirn. Ein solcher Einsatz ist nämlich nicht nur mental, sondern auch körperlich extrem anstrengend. (Daria Neu)

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