Interview

Fritzlarerin demonstrierte gegen Coronaregeln: „Gesunde Vorsicht reicht“

Ist mit den geltenden Corona-Maßnahmen teilweise unzufrieden: Birgit Schmidt aus Fritzlar.
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Ist mit den geltenden Corona-Maßnahmen teilweise unzufrieden: Birgit Schmidt aus Fritzlar.

Die einen haben Angst vor der Ausbreitung des Coronavirus, die anderen halten die Regeln für übertrieben. Interview mit einer Fritzlarerin, die in Berlin demonstrierte.

Harmonisch und friedlich – so beschreibt Birgit Schmidt aus Fritzlar die Demonstration gegen die geltenden Corona-Maßnahmen in Berlin. Die Sozialpädagogin war selbst Ende August in der Hauptstadt, um ihren Unmut über die aktuellen Regeln kundzutun. Welchen Umgang Schmidt mit der Krise, die alle seit Monaten in Atem hält, empfiehlt, hat sie uns im Interview erzählt.

Frau Schmidt, gibt es die Coronakrise Ihrer Meinung nach?
Das Coronavirus lässt sich nicht leugnen, das steht fest. Ob man wirklich von einer Krise sprechen kann, das kann ich nicht beurteilen. Wenn man ein bisschen herumrecherchiert, erfährt man aber, dass es das Virus offenbar schon seit vielen Jahren gibt. Im März, als das Ganze aktuell war und viele Menschen schwer erkrankt sind, steckten wir sicherlich in einer Krise. Man konnte nicht abschätzen, wie sich die Lage entwickelt. Demnach kann ich verstehen, dass damals besondere Vorsicht geboten war.
Und jetzt nicht mehr?
Ich bin dagegen, dass die Menschen in Angst und Schrecken versetzt werden. Daher habe ich auch in Berlin demonstriert. Man wird seitens der Medien und der Regierung nicht differenziert aufgeklärt. Derzeit beispielsweise wird wieder gesagt: Die Fallzahlen steigen. Es wird aber nicht kommuniziert, dass das auch mit vermehrten Tests zu tun haben kann. Ich möchte gern mal wissen: Wie viele von den Infizierten sind denn wirklich schwer erkrankt? Wenn man dem glaubt, was man so googlen kann, soll das Virus ja nicht so schlimm sein. Ob die Lage tatsächlich so gefährlich ist, wie sie dargestellt wird, bezweifel ich.
Die Virologen widersprechen aber der Annahme, das Virus sei nicht so schlimm, ganz vehement.
Es gibt aber auch andere Meinungen. Letztens zum Beispiel sagte der Mediziner Hendrik Streeck in einem Artikel, man müsse einfach mal ein bisschen runterfahren und sachlicher an die Sache herangehen. (Anmerkung der Redaktion: Streeck ist Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Universität Bonn und bekam heftige Kritik, nachdem er in einem Interview in der Welt am Sonntag einen Corona-Strategiewechsel gefordert hatte.)
Haben Sie einen konkreten Vorschlag, wie die Regierung und die Medien angemessen mit dem Thema Coronavirus umgehen sollten?
Mit ganz normaler sachlicher Aufklärung. Viele Menschen aber haben Panik. Ein Beispiel: Kürzlich hat eine Frau im Supermarkt aus Versehen meinen Einkaufswagen genommen. Als sie das gemerkt hat, nahm sie ganz erschrocken die Hände vom Wagen, als würden plötzlich lauter Coronaviren an ihrer Hand kleben. Früher hätte man darüber einen Witz gemacht, da wäre das kein Problem gewesen. Man merkt bei den Menschen: Da ist tiefe Angst im Spiel. Eine gesunde Vorsicht reicht vollkommen.
Wie stehen Sie zu den geltenden Regeln, wie dem Abstandhalten und dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes?
Abstand finde ich wichtig. Ich glaube sogar, dass dieser sicherer ist als der Mund-Nasen-Schutz. Ich gehe auch nicht davon aus, dass jeder, der mit den Aerosolen in Berührung kommt, gleich krank wird. Man hat schließlich auch noch ein eigenes Immunsystem.
In Berlin wurde der Abstand aber an vielen Stellen nicht eingehalten. Haben Sie sich unwohl gefühlt?
Nein, dort, wo ich mich aufgehalten habe, wurde der Abstand überall gut eingehalten. An den Orten, an denen es nicht so war, wurde sofort darauf hingewiesen. Die Polizisten haben sogar 1,50-Meter-Abstandschnüre verteilt. Andere haben sich mit Malkreide Kästen gezeichnet.
Wie stehen Sie zu den Menschen, die die Abstandsregeln boykottieren?
Ich finde, das muss jeder selbst wissen und mit seinem Gewissen und seinen moralischen Vorstellungen in Einklang bringen. Ich handele so, wie es für mich richtig ist.
Können Sie nachvollziehen, dass Menschen, die bereits schwer am Virus erkrankt sind, überhaupt kein Verständnis für Gegner der Coronaregeln haben?
Ich kann schon verstehen, dass Menschen mit schweren Krankheitsverläufen sowas nicht nachvollziehen können. Die hatten womöglich Todesangst und das ist ein traumatisches Erlebnis. Aber wenn ich eine schwere Influenza hatte, würde ich den Leuten ja auch nichts vorwerfen, die trotzdem in einen Bus mit 50 Personen steigen und nach Kassel fahren. Ich finde, das muss jeder selber wissen, denn die Risiken sind bekannt.
Stellen Sie die Influenza und das Coronavirus auf eine Stufe?
Ich persönlich ja.
Glauben Sie nicht, dass die besonders strengen Regeln in Deutschland dafür gesorgt haben, dass die Situation beherrschbar geblieben ist?
Das kann keiner beurteilen. Das ist nach dem Motto „hätte hätte Fahrradkette“. Schweden beispielsweise ist ja ganz anders mit der Ausbreitung des Virus umgegangen, dort gab es keinen kompletten Lockdown.Nun hat das Land auch viele Todesfälle zu beklagen, aber schlauer ist man eben immer erst hinterher.
Auch Reichsbürger und Rechtsextreme waren in Berlin Teil der Demo. Wie haben Sie das empfunden?
Wir haben in Berlin durchaus einige Reichsbürger gesehen. Ich würde aber nicht sagen, dass jeder Reichsbürger auch gleichzeitig ein Rechtsradikaler ist. Die Nachricht, dass einige Menschen den Reichstag stürmen wollen, hat uns nur übers Handy erreicht. Dort, wo wir standen, herrschte eine total harmonische und multikulturelle Atmosphäre. Ich verwerfe jegliche radikale Haltungen – egal in welche Richtung. Deswegen finde ich es auch wichtig, dass die Demo in Berlin nicht als Nazi-Demo dargestellt wird. Wir haben uns für Frieden und Demokratie eingesetzt.

Waberner Ärzte warnen vor Leichtsinn

Die Zahl der Menschen, die sich mit dem Coronavirus infizieren steigt stetig. Täglich stecken sich derzeit allein in Deutschland mehr als 2000 Personen an, heißt es unter anderem in der Übersicht des Robert-Koch-Institutes. Diese Entwicklung macht auch Dr. Mathias Noll und Dr. Philipp Klapsing, zwei Waberner Allgemeinmedizinern, große Sorgen.

„Es ist unbestritten, dass die Zahlen im Moment wieder deutlich steigen“, sagt Klapsing. Noll ergänzt: „Weltweit gesehen gab es sogar noch nie so viele Infizierte wie zu diesem Zeitpunkt.“ Im ländlichen Raum möge einem die Situation halbwegs komfortabel vorkommen. Die Lage sei im Vergleich zum März jedoch nur scheinbar nicht schlimm, sagt Klapsing. „Derzeit sind eben viele jüngere Patienten an Covid-19 erkrankt.“ Bekanntermaßen sei die Sterblichkeitsrate unter Jüngeren geringer als bei Älteren, dies sei jedoch kein Grund zur Entwarnung.

Das Virus sei immer noch zu wenig erforscht, als dass abzusehen wäre: Bleibt das so? „Wissenschaftlich bewiesen ist hingegen die Wirksamkeit der geltenden Coronaregeln“, betont Klapsing. Das heiße: Abstandhalten, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, regelmäßiges Händewaschen und das Vermeiden von Händeschütteln. „Alles andere ist Glaubenssache.“ Wer sich nicht an die Maßnahmen halte, riskiere eine Infektion. Und das könne der Allgemeinmediziner nicht nachvollziehen.

Mediziner: Wirksamkeit der Anti-Corona-Maßnahmen ist wissenschaftlich erwiesen

Ob insgesamt zu viel getestet werde, sei schwierig zu beantworten, finden beide Ärzte. Klapsing sagt aber: „Es gilt auch die Ängste der Menschen zu berücksichtigen.“ Dabei denke er zum Beispiel an das regelmäßige Testen von Lehrern. Einige hätten Angst gehabt, dass gerade Kinder – ähnlich wie bei anderen Krankheiten, die umgehen – häufig Träger des Coronavirus sein könnten. „Mittlerweile kristallisiert sich heraus, dass wohl doch eher Erwachsene Covid-19 weiterverbreiten.“

Arzt Dr. Mathias Noll.

Vielleicht seien einige Regeln innerhalb seiner Hausarztpraxis sehr streng gewesen, sagt Noll. „Wir haben aber dafür auch keinen einzigen Covid-19-Fall in der Praxis gehabt.“ Vorsicht sei aber nach wie vor geboten. Von Angst sprechen beide Ärzte jedoch nicht. „Man wird souveräner im Umgang mit der Krise“, sagt Klapsing. Außerdem sei jetzt mehr Schutzkleidung verfügbar.

Arzt Dr. Philipp Klapsing.

„Für viele Menschen scheint diese diffuse Gefahr schlimm zu sein“, vermutet Klapsing. Das führe dazu, dass sich einige gegen die geltenden Regeln auflehnen.

Die Waberner Ärzte sind in einer Gemeinschaftspraxis tätig. Klapsing führte bis August die Covid-19-Schwerpunktpraxis im Kulturbahnhof. Derzeit gibt es im Landkreis eine solche Praxis nur in Gensungen. Noch sei aber nicht klar, ob der Waberner Standort reaktiviert wird, wenn die Fallzahlen weiter steigen.

Von Daria Neu

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