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„Nordhessen ist Chefsache“ – Wie nahbar ist der Ministerpräsident beim Bürgergespräch?

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Von: Maja Yüce

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Im Gespräch: (von links) Dr. Carsten Bismarck, Boris Rhein und Karl-Otto Winter. Bismarck und Winter nutzten die Gelegenheit, um Rhein bei seiner Bürgersprechstunde auf die Situation des Hospitals anzusprechen.
Im Gespräch: (von links) Dr. Carsten Bismarck, Boris Rhein und Karl-Otto Winter. Bismarck und Winter nutzten die Gelegenheit, um Rhein bei seiner Bürgersprechstunde auf die Situation des Hospitals anzusprechen. © Peter Zerhau

Die Nordhessen-Tour des hessischen Ministerpräsidenten, Boris Rhein, hat gestartet. Erstes Ziel: Fritzlar.

Fritzlar – Hessens neuer Ministerpräsident Boris Rhein hat sich gestern Fritzlar als erstes Ziel seiner Nordhessen-Tour ausgesucht. Station machte er im Café Hetzler am Marktplatz. Rhein hatte im Vorfeld zum Bürgergespräch geladen. Doch wie nah ist der Ministerpräsident, der aus Südhessen stammt, den Menschen in der nordhessischen Kleinstadt? Ein Schnellcheck seines Besuchs.

Die Vorbereitungen: An den Tischen vor dem Café Hetzler sitzen um die 15 Gäste. Doch nichts deutet darauf hin, dass gleich eine Bürgersprechstunde mit Boris Rhein stattfinden soll. Die erste überhaupt, zu der der Ministerpräsident in seiner Amtszeit eingeladen hat. Keine Flyer, keine Werbeplakate – ein ganz normaler Dienstagnachmittag in Fritzlar. So sieht es auch Florian Hetzler vom gleichnamigen Café. Zehn Torten habe er frisch zubereitet, sagt er. Doch sei das für ihn die Menge eines gewöhnlichen Arbeitstages. Er sei aber gespannt, ob Rhein sich einen der Kuchen schmecken lassen werde, sagt Hetzler.

Boris Rhein hat Fritzlar besucht – mit 20 Minuten Verspätung

Die Ankunft: Für 14 Uhr war der MP, wie Rhein genannt wird, angekündigt. Um 14.23 Uhr spaziert er mit einigen CDU-Begleitern, darunter Sicherheitspersonal, die Kreisvorsitzende Anna-Maria Bischof, Bürgermeister Hartmut Spogat (CDU) und der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Schwarz über den Marktplatz zum Cafés Hetzler.

Warum er in Fritzlar ist? „Weil die Stadt beliebt ist und auch die Bundeskanzlerin schon zwei Mal bei uns war“, sagt Dr. Hans-Gerhard Heil, CDU-Fraktionsvorsitzender in Fritzlar. Das sei doch eine klare Sache. Obwohl Rhein zu spät dran ist und sein Terminplan voll, nimmt er sich Zeit. Er trägt helle Turnschuhe zum perfekt sitzenden Anzug und eine Sonnenbrille. „Kein Wunder, dass er zu spät ist, wenn er in diesem Tempo geht“, unkt einer der Besucher. Rhein hört das nicht. Er begrüßt die Menschen mit Handschlag – stellt sich mit „Boris Rhein“ vor. Den Ministerpräsidenten lässt er weg.

Es war mehr ein Monolog als ein Gespräch mit Bürgern

Die Gespräche: Dr. Carsten Bismarck, medizinischer Geschäftsführer des Fritzlarer Hospitals zum Heiligen Geist und Karl-Otto Winter, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung des Hospitals, nutzen die Gelegenheit und sprechen Rhein auf die Krankenhausfinanzierung an. Der MP bleibt stehen, hört zu und bittet die Männer an einen fürs Bürgergespräch reservierten Tisch. Dort haben es sich schon ein paar CDU-Mitglieder bequem gemacht. Viel Platz für weitere Bürger, die den Minister zum Bürgergespräch treffen wollen, bleibt zwischen ihnen nicht. Bismarck und Winter (der auch CDU-Mitglied ist) gehören zu denen, die den Raum nutzen. Winter erzählt, dass jährlich fast 700 Kinder im Hospital zur Welt kommen. „Finanziell gibt es aber massive Probleme bei der Geburtshilfe“, sagt Bismarck, während ihm Rhein einen Kaffee anbietet. „Es gibt eine Ungleichverteilung“, erklärt Bismarck mit Blick auf eine Förderung für bedarfsnotwendige Krankenhäuser im ländlichen Raum. Das Hospital hatte auf 400 000 Euro gehofft, ging aber erneut leer aus. Rhein wirkt informiert. Sagt, dass er einen Krankenhaus-Gipfel einberufen will, dass ihm das Thema Krankenhausfinanzierung wichtig ist. „Darum kümmere ich mich, das sage ich ihnen zu“, sagt er zu Bismarck.

Dann spricht Rhein über die Vorzüge des ländlichen Raums aber auch davon, dass Verkehrsanbindung, Digitalisierung, kulturelle Angebote und Bildungsangebote stimmen müssten, damit dieser auch attraktiv sei. Es ist jetzt mehr ein Monolog als ein Gespräch mit Bürgern. Überhaupt stellen jetzt vorwiegend CDU-Mitglieder Fragen an ihren MP.

Boris Rhein werde alles tun, um Fritzlar weiter zu unterstützen – unter Berücksichtigung der Kostenentwicklung

Plötzlich steht Rhein auf, um Passanten zu begrüßen: Rolf Hocke aus Wabern, Ehrenpräsident des Hessischen Fußball-Verbandes und seine Frau – man kennt sich.

Dann nutzt Hartmut Spogat die Chance, spricht Rhein gezielt auf die gestiegenen Kosten für die Hessentags-Planungen an. Es sei in aller Interesse, dass es wieder funktionierende Hessentage gebe, versichert Rhein. Und: Er werde alles tun, um Fritzlar weiter zu unterstützen – unter Berücksichtigung der Kostenentwicklung.

Dass Nordhessen im Kabinett der hessischen Landesregierung keinen Vertreter hat, mahnt Christian Seyffarth (CDU) an. „Auch Südhessen können nordhessenfreundliche Politik machen“, kontert Rhein schlagfertig lächelnd. Nordhessen sei für ihn, den Südhessen, Chefsache.

Boris Rhein auf der Durchreise – Er hat zugehört und wirkte nicht gehetzt

Der Abschied: Etwas mehr als eine Stunde nimmt sich Rhein Zeit. Dann bekommt er ein Aufbruch-Signal von Armin Schwarz. Eine kurze Verabschiedung und ein Dank in die Runde gibt es vom Ministerpräsidenten, der den Augenkontakt mit seinen Gesprächspartnern sucht. „Ich nehme meine Hausaufgaben mit“, sagt er zum Schluss. Was er noch mitnimmt? Pralinen von Florian Hetzler. Die überreicht ihm Anna-Maria Bischof – denn für ein Stück Torte blieb keine Zeit.

Die Bürgernähe: Boris Rhein hat sich Zeit genommen, wirkte nicht gehetzt und das, obwohl sein Terminplan voll war – Stationen in Kassel und Hofgeismar standen noch an. Er hat zugehört, wirkte interessiert und zugewandt. Allerdings mangelte es seiner ersten Bürgersprechstunde vor allem an einem: Bürgern, die nicht seiner Partei – der CDU – angehören. (Maja Yüce)

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