Interview mit Lydia Benecke 

Falsche Ärztin im Hospital: Kriminalpsychologin spricht über extreme  Hochstapler

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Analysiert die Psychologie des weiblichen Bösen: Lydia Benecke. 

Die falsche Ärztin, die auch im Fritzlarer Hospital gearbeitet hat, betrog über Jahre. Wieso ein Mensch dazu fähig ist, erklärt Kriminalpsychologin Lydia Benecke.

Wie kann man über Jahre andere täuschen? Diese Frage stellt man sich unweigerlich im Fall der falschen Ärztin Meike W., die am Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar von 2015 bis 2018 gearbeitet und für den Tod von vier Menschen verantwortlich sein soll. 

Betrüger, die sich im Beruf für etwas ausgeben, was sie nicht sind, sind keine Einzelfälle. Gerade der Arztberuf ist wegen seines hohen Ansehens ein besonders attraktives Ziel für sie. Darüber, was einen Menschen zum Hochstapler macht, sprachen wir mit Kriminalpsychologin Lydia Benecke, sie hat kriminalpsychologische Bücher geschrieben.

Frau Benecke, wie schätzen Sie ein solches Betrüger-Profil ein?

Erfolgreiche Betrüger haben oft zwei Eigenschaften, sie sind mutig beim Lügen und tendenziell größenwahnsinnig. Sie gehen davon aus, dass alle anderen dümmer sind als sie. Das paaren sie mit selbstsicherem, charmantem und offensivem Auftreten. Allein das hält viele Menschen zurück, diese Person zu prüfen und die Lüge zu erkennen.

Was führt Menschen dazu, sich für etwas auszugeben, was sie nicht sind?

Die Ziele sind Aufmerksamkeit und Bewunderung, manchmal auch Anerkennung für besondere Leistungen. Menschen, die zu einem extremen Betrug fähig sind, haben die Fähigkeit, anderen etwas vorgaukeln zu können. Oft steckt dahinter, dass sich ihr Bild von der eigenen Lebensplanung nicht mit der Realität deckt. 

Es ist ihnen auf ehrlichem Weg nicht möglich, sich die Position zu erarbeiten, die sie im Leben gerne hätten. Zwischen dem was sie haben und dem, was sie wollen, klafft also eine zu große Lücke. Dann fängt es mit kleinen Lügen an, mit denen sie zunehmend erfolgreicher werden.

Und dieser erste Betrugserfolg treibt sie dann zu weiteren Taten an?

Es geht dann Schritt für Schritt weiter. Sie stellen fest, wie einfach es ist, zu betrügen. Wenn jemand zum Beispiel angibt, frisch nach dem Studium als Arzt anzufangen und alle nötigen Zulassungen vorlegt, dann denken erfahrene Kollegen, dass die Person zwar eine gute wissenschaftliche Ausbildung hat, aber in der Praxis noch unerfahren sei. Das macht es noch schwieriger, den Betrüger zu enttarnen. 

Das System ist einfach nicht vorbereitet auf eine solche Dreistigkeit und das nutzen die Täter aus. Sie erfinden weiter Geschichten und Unterlagen. Oft sind sie sozial engagiert, also augenscheinlich gute Menschen. Mit jedem weiteren geglückten Betrug wächst das Selbstbewusstsein des Betrügers.

Man muss also vor allem gut schauspielern können?

Schon, aber oft verstehen Betrüger selbst gar nicht so recht, warum ihr Betrug funktioniert. Sie reflektieren nicht, was dazu führt.

Wenn ein anderer Mensch dadurch in Gefahr gerät, überschreitet man dann eine weitere Grenze?

Die meisten Täter glauben von sich, sie seien keine schlechten Menschen. Ihr Gehirn gaukelt ihnen vor, dass für das, was sie tun, gute Gründe vorliegen. Es verteidigt sie selbstwertdienlich und somit kommen erst gar keine Selbstzweifel auf. 

Sie argumentieren eher so: Es wäre erst gar nicht soweit gekommen, wenn andere eingeschritten wären. Oder: Anderen hätte es auch passieren können. Oder: Sie seien nicht richtig angewiesen worden. Sie gestehen sich die verheerenden Folgen ihres Betruges nicht ein.

Welche Möglichkeiten gibt es, Betrüger zu entlarven?

Das ist sehr schwierig. Es gibt meistens nur Indizien und keine hundertprozentige Sicherheit. Grundsätzlich gilt: Wenn jemand im Beruf behauptet, eine bestimmte Qualifikation zu haben, die Qualität der Arbeit aber zu denken gibt, dann ist ein guter Moment, um nachzuhaken. Natürlich möchte niemand der Denunziant sein, aber im allerschlimmsten Fall kann das tödlich für andere Menschen ausgehen.

Wie im Fall der falschen Ärztin, die für den Tod von vier Menschen verantwortlich sein soll...

Eine Studie aus dem Jahr 2014 hat gezeigt, dass es in Deutschland nur bei 7,3 von einer Million Narkosen zu einem schweren Zwischenfall kommt. Sollten tatsächlich vier Todesfälle durch einen tatsächlichen oder vermeintlichen Anästhesisten verursacht worden sein, so wäre dies statistisch zumindest auffällig.

Welchen wesentlichen Unterschied gibt es zwischen betrügerischen Männern und Frauen?

Tendenziell nutzen Frauen häufiger die Rollen „Helferin“ oder „Hilfesuchende“ oder eine Mischung aus beiden. Sie manipulieren besonders stark emotional, indem sie als sozial engagiert und/oder in manchen Bereichen auch hilfsbedürftig auftreten und bei anderen daher sowohl den Eindruck erwecken, vertrauenswürdig als auch unterstützungswürdig zu sein.

Man redet oft über die Täter. Doch macht es für die Angehörigen einen Unterschied, weshalb ein Mensch gestorben ist?

Für Angehörige ist es schlimmer, wenn sie wissen, dass ein anderer Mensch schuld ist und nicht etwa ein Zufall wie eine Naturkatastrophe. Menschen haben auch mehr Angst vor Gewaltverbrechen als vor einem Autounfall. Das ist irrational, weil viel mehr Menschen im Straßenverkehr sterben oder schwer verletzt werden. 

Aber auch das rührt teils daher, dass es für Menschen emotional schlimmer zu verkraften ist, wenn ein anderer Mensch die Entscheidung trifft oder zumindest bewusst in Kauf nimmt, jemanden schwer zu verletzen oder zu töten. Dann ist es kein zufälliger Unglücksfall, sondern hängt mit egoistischen Motiven eines Verursachers zusammen.

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