Fall sorgt bundesweit für Empörung

Falsche Ärztin: Wie konnte die mangelnde Kompetenz nicht auffallen? Interview mit einem Anästhesie-Arzt

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Ständige Überwachung: Bei der Arbeit eines Anästhesisten zählen vor allem die Erfahrung und die Fähigkeit, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. 

Dass eine falsche Ärztin für vier Todesfälle am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist gesorgt haben soll, sorgt bundesweit für Empörung.

Viele Menschen beschäftigte vor allem die Frage, wie die mangelnde Kompetenz einer Anästhesistin nicht auffallen konnte. Dr. Ulrich Skubella, der über Jahrzehnte als Narkosearzt im Fritzlarer Krankenhaus tätig war, sprach mit uns über seine Arbeit und die damit verbundenen täglichen Herausforderungen.

Herr Dr. Skubella, was ist die größte Herausforderung eines Anästhesisten?

Einerseits ist es die Technik, die ein Anästhesist beherrschen muss. Das Intubieren, das Legen der Zugänge, das Einführen der Kehlkopfmaske sind da nur einige Beispiele. Das wirklich Schwierige ist aber, dass der Arzt zu jedem Zeitpunkt auf Unvorhergesehenes vorbereitet sein und umgehend darauf reagieren muss. Mit der Erfahrung kommt das Gefühl für die Steuerung der Narkose.

Erklären Sie das mal näher.

Es ist so: Eine Anästhesie funktioniert durch das Zusammenspiel aus Schlafen und Schmerzausschaltung. Das sind die zwei Zügel, die der Arzt in der Hand hält. Und dieses Zusammenspiel muss man permanent im Auge behalten. Ist die Narkose tief genug? Oder ist das Schmerzempfinden des Patienten noch nicht ausreichend ausgeschaltet? Das ist eine ständige Abwägungssache.

Wie erlernt ein junger Anästhesist die notwendigen Fähigkeiten?

Ganz klar durch Üben unter Anleitung. Anfangs braucht jeder junge Arzt ganz engen Kontakt zu einem erfahrenen Kollegen. Dieser muss immer in Rufweite sein. Außerdem ist zur ständigen Überwachung des Patienten neben den Ärzten ja auch immer eine Narkoseschwester im OP. In den letzten Jahren ist eine Fülle an technischen Überwachungsmöglichkeiten hinzugekommen.

Eine Narkose ist wie das Steuern eines Flugzeuges - in der Krise muss man Ruhe bewahren

Wie lange haben Sie gebraucht, um sich ganz selbstständig an eine Narkose zu trauen?

Es hat bestimmt ein Jahr gedauert, bis ich mich ganz allein an eine Anästhesie herangetraut habe. Eine Narkose zu verabreichen, ist wie das Steuern eines Flugzeuges. Man kann noch so viele technische Fähigkeiten erlernt haben – wenn ein Gewitter aufzieht, muss der Pilot sofort reagieren. Da gilt es vor allem, Ruhe zu bewahren – egal, in welcher Situation.

Welche Fehler können durch mangelnde Erfahrung passieren?

Da wäre beispielsweise die fehlerhafte Intubation. In diesem Fall wird der Tubus nicht in die Luft-, sondern in die Speiseröhre eingeführt – ein absolut tödlicher Fehler. Eine falsche Dosierung, besonders eine Überdosierung, der vielen Narkosemittel kann auch zu Katastrophen führen.

Wie konnten Sie über Jahre damit leben, ständig das Leben von Patienten in Ihren Händen zu halten?

Ein Anästhesist trägt eine große Verantwortung, die selbstverständlich mit Druck verbunden ist. Eine solide Ausbildung und ein Fundus an Erfahrungen sind schon mal eine gute Basis. Außerdem bin ich in meinem Beruf immer selbstkritisch geblieben. Das ist ebenfalls wichtig. Ich war mir des Risikos jeden Tag bewusst. Leichtfertig darf ein Anästhesist mit keiner Situation umgehen.

Kennen Sie denn das Gefühl von Panik im Job?

Es gab schon Minuten, da war mein Puls auf 120.

Können Sie sich vorstellen, dass die falsche Ärztin im Fritzlarer Hospital zunächst tatsächlich nicht aufgefallen ist?

Ja, das kann ich mir vorstellen. Sie ist schließlich als Anfängerin eingestiegen. Dass einige Kollegen nicht sofort skeptisch geworden sind, kann ich nachvollziehen.

Was empört Sie persönlich an dem Fall?

Dass die gefälschte Approbation selbst in der Landesärztekammer nicht aufgefallen ist, das ist schon ein dicker Hund. Mehr Transparenz für alle, das ist nun enorm wichtig.

Zahlreiche Hinweise zur falschen Ärztin liegen der Polizei vor

Der Fall der 48-Jährigen mutmaßlich falschen Ärztin hat bundesweit für Aufsehen gesorgt: Mittlerweile sind bereits 26 Hinweise bei der Polizei eingegangen. Die 48-Jährige hatte sich selbst angezeigt.

Update vom 07.11.2019: "Für mich ist das ehrlich gesagt nur sehr schwer nachvollziehbar", sagt Christof Diefenbach, Leiter des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamtes im Gesundheitswesen. Der Fall der falschen Ärztin am Fritzlarer Hospital schlägt weiterhin hohe Wellen.

Update vom 08.11.2019: Nach dem Skandal um diefalsche Ärztin am Hospital in Fritzlar macht die Klinik weiter Schlagzeilen: Ein OP-Fehler soll eine Frau zum Pflegefall gemacht haben.

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