Archäologischer Fund an Gießener Straße 

Baustopp: Fritzlarer Firma stößt beim Baggern auf alten Gewölbekeller 

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Mit einem Spachtel bearbeitet Achim Boie vom Institut für Bauforschung in Marburg die Steine des Gewölbekellers. Er untersucht den archäologischen Fund. 

Drei Mehrfamilienhäuser sollen auf dem ehemaligen Gleichmann-Gelände an der Gießener Straße in Fritzlar entstehen. Doch seit einigen Tagen heißt es für die Baupartner: Baustopp.

Denn beim Baggern sind die Arbeiter auf etwas Hartes gestoßen, das sich nach und nach als etwa 30 Meter langer Gewölbekeller entpuppt hat.

Für große Verwunderung habe der archäologische Fund allerdings nicht gesorgt, sagt Diplom-Ingenieur Enrikos Tsiropoulos von der Baufirma. „In einer Stadt wie Fritzlar müssen wir immer mit solchen alten Entdeckungen rechnen.“ Baustopps dieser Art würden in den Zeitplan eingerechnet.

Vor etwa einem halben Jahr hat die Firma mit dem Abbruch begonnen, seit zwei Monaten ist das Team mit den Erdarbeiten beschäftigt. Schon von Beginn an ist auch Achim Boie vom Marburger Institut für Bauforschung zwischen den Baggern unterwegs. Wo die anderen Arbeiter Zwangspause einlegen müssen, geht es für Boie erst richtig los: „Jeder Archäologe freut sich über einen solchen Fund.“

Beim Baggern ist die Firma Baupartner Fritzlar um Architekt Enrikos Tsiropoulos auf einen alten Gewölbekeller gestoßen. Auf der Zeichnung ist zu sehen, wie eines der geplanten Mehrfamilienhäuser aussieht, das bald an dieser Stelle gebaut wird.

Wozu die Menschen die tiefen Gänge tatsächlich nutzten und wann sie gebaut wurden, dazu könne Boie erst nach der gründlichen Untersuchung und Dokumentation eine Aussage treffen. Doch einer, der gar nichts mit der Baustelle zu tun hat, kann darauf eine Antwort geben. Carl-Friedrich Lederle ist auf dem Grundstück aufgewachsen. 

Damals, vor rund 70 Jahren, stand dort noch ein Bauernhof. „Ich bin als Kind immer durch die Gänge geflitzt“, erzählt der 74-Jährige. Sein Großvater habe dort Wein und Schnaps gelagert. „Früher gab es schließlich noch eine Brennerei an der Gießener Straße“, sagt Lederle. Wann genau die Gänge gebaut wurden, wisse er allerdings auch nicht. „Ich tippe mal, zwischen 1750 und 1800.“

In Fritzlar nichts Außergewöhnliches

Um eine echte Rarität handelt es sich laut Achim Boie bei dem gefundenen Keller trotzdem nicht. „Reste von Stadtmauern und Kellergänge sind in Fritzlar nichts Außergewöhnliches“, sagt er. Nach Rücksprache mit dem Bezirksarchäologen Dr. Andreas Thiedmann werde die Baustelle aus diesem Grund vermutlich zeitnah wieder freigegeben. „Bei Funden von großer kultureller Bedeutung sieht das anders aus“, erklärt Boie.

Aller Voraussicht nach werden die gemauerten Buntsandsteine und die Basaltsteine, die den Eingang des Kellers bilden, schon in der kommenden Woche abgerissen. Anschließend schütten die Arbeiter das tiefe Loch zu. Auf einer massiven Betonplatte werden später die Mehrfamilienhäuser errichtet.

Moderne Ausstattung, große Fenster, eine Optik, die ins Stadtbild passt – so sollen sie aussehen, die Wohnungen, von denen schon jetzt viele verkauft sind. Von dem Keller wird dann nichts mehr zu sehen sein. Vielleicht wird sich aber trotzdem der ein oder andere daran erinnern, dass unter ihm ein Stück Geschichte schlummert.

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