Vier Patienten starben

Falsche Ärztin: Fritzlarer Hospital lässt alle Zulassungen prüfen - Krankenhaus wirbt um Vertrauen

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Durchsuchungen: Im Fritzlarer Hospital waren wegen der mutmaßlich falschen Ärztin 52 Polizisten im Einsatz. 

Das Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar geht im Fall der falschen Ärztin Meike W. in die Offensive. Jetzt werden alle Zulassungen geprüft.

Update am 09.11.2019 um 18.06 Uhr - Meike W., hat an der Klinik von 2015 bis 2018 gearbeitet und soll unter anderem für den Tod von vier Menschen verantwortlich sein. 

Geschäftsführung des Fritzlarer Hospitals: Sämtliche Approbationen wurden überprüft

„Wir haben sämtliche Approbationen unserer Ärzte lückenlos auf ihre Echtheit überprüfen lassen und uns diese von den zuständigen Kammern bestätigen lassen“, sagt der kaufmännische Geschäftsführer, Dr. Sven Ricks. „Ihre Echtheit wurde bestätigt.“

Die Patienten könnten beruhigt sein, alle 56 Ärzte, die in der Klinik beschäftigt sind, arbeiteten mit den nötigen Zulassungen. Bis Ende 2018 sei eine solche Überprüfung bei den Kammern im Hospital nicht üblich gewesen. Im Fall der falschen Ärztin, wäre deren Zulassung von der Kammer mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar bestätigt worden, denn der Landesärztekammer ist einer Sprecherin zufolge erst im Oktober 2018 aufgefallen, dass die angeblich in Rheinland-Pfalz ausgestellte Zulassungsurkunde der 48-Jährigen nicht echt sein konnte – Strafanzeige erstattete die Landesärztekammer Hessen im November 2018.

Skandal um die falsche Ärztin belastet die Mitarbeiter im Hospital Fritzlar

Der Skandal und die große mediale Außenwirkung seien auch belastend für die Mitarbeiter, sagt Ricks. Gekündigt habe aber niemand, allerdings hätten vereinzelt Patienten ihre geplanten Operationen abgesagt. Doch bekomme das Hospital von den Menschen auch Zuspruch. „Es ist aber Verunsicherung da“, sagt Ricks und wirbt um das Vertrauen der Patienten: Das Krankenhaus habe über 10.000 Patienten im Jahr, von denen man durchschnittlich mehrere 100 aus akuter Gefahr rette, und den allermeisten anderen Menschen habe man sehr gut helfen können.

Servicetelefon für Patienten wurde eingerichtet

Weiterhelfen will man im Fall der falschen Ärztin jetzt auch ganz konkret – mit einem eigenen Servicetelefon. „Patienten können sich mit ihren Fragen dorthin wenden“, sagt Ricks und hofft, dass so etwas von der Verunsicherung genommen werde.

Das Kuratorium des Fritzlarer Hospitals bittet alle betroffenen Patienten um Entschuldigung

Erstmals meldet sich der Krankenhausträger, das Kuratorium der gemeinnützigen Stiftung Hospital zum Heiligen Geist, in dem Fall zu Wort. Man habe mit großer Betroffenheit und Bestürzung davon erfahren, sagt der Vorsitzende Karl-Otto Winter. Das Kuratorium und die Geschäftsführung bitten alle Patienten sowie deren Angehörige, „die durch die Tätigkeit der mit gefälschten Urkunden eingestellten Beschuldigten gesundheitlichen Schaden erlitten haben sollten, in aller Form um Entschuldigung“, sagt Winter.

Um möglichst schnell und lückenlos alle erhobenen Vorwürfe abzuklären, werde man weiterhin umfassend mit der Staatsanwaltschaft kooperieren.

Winter betont, dass die Mitglieder des Stiftungskuratoriums davon überzeugt sind, dass die Geschäftsführung und die Belegschaft – insgesamt sind es 550 Mitarbeiter – „auch weiterhin das Wohl und die Gesundheit der Patienten an erste Stelle setzen und die durch diesen Einzelfall geschädigte Reputation des Hospitals wiederherstellen können“.

Ärztekammer fordert sichere Urkunden

Nach mutmaßlich vier Todesfällen durch die falsche Ärztin fordert der hessische Ärztekammerpräsident die Bundesländer zum Handeln auf. „Jeder falsche Arzt ist eine Gefahr für die körperliche Unversehrtheit und das Leben von Patienten“, sagte Edgar Pinkowski. Daher müssten Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Dokumente wie ärztliche Zulassungsurkunden weitgehend fälschungssicher sind.

Hotline für Patienten

Unter 0 56 22/99 73 33 ist die Hotline der Klinik von 10 bis 16 Uhr besetzt (per Mail: info.hotline@hospital-fritzlar.de). Außerhalb dieser Zeit ist ein Anrufbeantworter geschaltet.

Update am 05.11.2019 um 10.10 Uhr - Im Fall der falschen Ärztin, die am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist für den Tod von vier Menschen verantwortlich sein soll, melden sich nicht nur Opfern und Zeugen zu Wort, sondern auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz. 

Die Suche nach weiteren Opfern der mutmaßlich falschen Ärztin, die von 2015 bis 2018 am Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar gearbeitet haben und dort für den Tod von vier Patienten verantwortlich sein soll, läuft weiter auf Hochtouren. Seit Freitag sind 26 Anrufe von Geschädigten und Zeugen beim Hinweistelefon der Arbeitsgruppe „Medicus“ der Polizeidirektion Homberg eingegangen.

Kollegen und Opfer der falschen Ärztin haben sich gemeldet

Dabei handele es sich um mögliche ehemalige Kollegen der 48-Jährigen, die ohne entsprechende Ausbildung in der Klinik als Assistenzärztin gearbeitet haben soll, aber auch um mögliche Geschädigte und Angehörige von Patienten, sagt Staatsanwalt Götz Wied. Die Hinweise würden geprüft. 

Falsche Ärztin in Fritzlar: Meike W. seit einer Woche in Untersuchungshaft

Der Verdacht Bei der Frau handelt es sich nach Informationen unserer Zeitung um Meike W., die unter anderem die Schmerztherapie der Fritzlarer Klinik mitbetreute. Sie sitzt seit einer Woche in Untersuchungshaft. Gegen sie wird unter anderem wegen des Verdachts des Totschlags ermittelt. Außerdem soll sie durch fehlerhafte Anästhesien in acht weiteren Fällen für Gesundheitsschäden bei Patienten verantwortlich sein, so die Staatsanwaltschaft. 

Hospital Fritzlar: Haben Kollegen die mutmaßlich falsche Ärztin trotz schlechter Leistung arbeiten lassen?

Geprüft werde auch, ob die damals in der Klinik tätigen Ärzte ihre Aufsichtspflicht verletzten, indem sie die Frau als Anästhesistin trotz mangelhafter Leistungen arbeiten ließen. Die Ermittlungen gegen sich hat die Frau laut Staatsanwaltschaft selbst ins Rollen gebracht. Sie habe Selbstanzeige wegen Anstellungsbetrugs gestellt, sagt Sprecher Götz Wied. Darunter verstehe man, dass beim Abschluss eines Arbeitsvertrages falsche Angaben gemacht wurden. 

Meike W. hat auch Schüler im Krankenhausbereich ausgebildet

Wied bestätigte auf Anfrage unserer Zeitung, dass die Frau zudem als Dozentin Schüler im Krankenhausbereich ausgebildet habe. Der Anwalt der Fritzlarer Klinik, Jorg Estorf von der Kanzlei Hener, Estorf, Josephs & Kollegen in Kassel, teilt unserer Zeitung im Namen des Hospitals zum Heiligen Geist mit, dass das Wohl der Patienten stets im Mittelpunkt des Handelns stehe. 

Man werde mit der Staatsanwaltschaft und allen beteiligen Behörden nach Kräften kooperieren und bei neuen Erkenntnissen die Öffentlichkeit aktiv informieren. „Wir müssen aber zunächst den Inhalt der umfangreichen Ermittlungsakten kennen“, betont Estorf. 

Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert breite Information der Öffentichkeit

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz betont, es sei überfällig, dass der Krankenhausträger jetzt die breite Öffentlichkeit informiere, so Vorstand Eugen Brysch. „Wenn Ermittlungen wegen Todesfällen im Raum stehen, sind maximale Transparenz und der Kontakt zur Öffentlichkeit dringend notwendig.“ „Es ist an der Zeit, dass die Approbation eines Arztes zentral archiviert wird und es eine Stelle gibt, wo Krankenhausträger verpflichtet sind, diese abzufragen“, so Eugen Brysch. Er fordert eine Reform des derzeitigen Kontrollsystems. 

Mutmaßlich falsche Ärztin hat auch die Ärztekammer getäuscht 

Die falsche Ärztin hat auch die Landesärztekammer hinters Licht geführt: Einer Sprecherin zufolge war im Oktober 2018 aufgefallen, dass die angeblich in Rheinland-Pfalz ausgestellte Zulassungsurkunde nicht echt sein konnte. „Eine Annahme, die sich nach Prüfung durch die Approbationsbehörde in Rheinland-Pfalz als zutreffend erwies.“ 

Am 19. November 2018 habe die Landesärztekammer Hessen Strafanzeige wegen unberechtigter Ausübung der Heilkunde, Urkundenfälschung und Missbrauchs von Berufsbezeichnungen gestellt. Die 48-Jährige wohnte zuletzt in Kiel. Sie arbeitete von 2015 bis 2018 im Hospital zum Heiligen Geist. Sie soll ohne entsprechende Ausbildung Patienten betäubt haben. 2012 war sie Bürgermeisterkandidatin in Bad Emstal. 

Meike W. kein Ausnahmefall: Seit 2014 haben in Hessen mindestens 12 Betrüger Kliniken getäuscht

Der Fall in Fritzlar ist keine Ausnahme: Laut einer Auswertung des Landeskriminalamtes in Wiesbaden gab es seit 2014 in Hessen mindestens zwölf Fälle, in denen es Betrüger schafften, Kliniken zu täuschen – davon sieben in Praxen, fünf in Kliniken. Das Hinweistelefon der Arbeitsgruppe „Medicus“ der Polizei ist weiter unter 0 56 81/77 41 80 täglich von 10 bis 18 Uhr erreichbar. Es sollten sich nur Anrufer melden, die Hinweise zum Zeitraum zwischen November 2015 bis August 2018 haben, so Markus Brettschneider, Sprecher der Polizeidirektion Schwalm-Eder. Das erleichtere den Mitarbeitern die Arbeit. dpa/may

Fassungslosigkeit ist groß Fall um falsche Ärztin macht international Schlagzeilen 

Der Fall um die falsche Ärztin aus dem Fritzlarer Hospital schlägt auch über Hessen und Deutschland hinaus hohe Wellen. Wir haben einige Pressestimmen dazu gesammelt: .

  • Die britische Tageszeitung The Telegraph schreibt: „Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Frau Dokumente gefälscht hat, um die Stelle als Ärztin zu erhalten, obwohl sie keine medizinische Ausbildung hat.“ 
  • Der Daily Mirror, eine britische Tageszeitung im Boulevardstil, berichtet ebenfalls über die Ärztin: „Eine falsche Ärztin wurde festgenommen, nachdem sie angeblich vier Patienten umgebracht hat, acht weitere sollen Schäden erlitten haben.“ 
  • Die Bild-Zeitung titelte: „So schwindelte sich die falsche Ärztin in den OP-Saal“. Außerdem kommentierte das Blatt: „Wenn die Kliniken nicht endlich aus diesem Fall lernen, dann müssen Gesetzgeber und Justiz notfalls nachhelfen: Mit empfindlichen Strafen. Und Schadenersatz, der wirklich weh tut!“ 
  • Der Radiosender FFH holte Fritzlars Bürgermeister Hartmut Spogat ans Mikrofon. Für den Rathaus-Chef ist unerklärlich, dass der Betrug nicht auffallen konnte. „Es ist schrecklich für uns hier als Fritzlarer“, sagte Spogat. Das Haus sei in der Region fest verwurzelt. Die Bürger seien entsetzt, weil das Hospital die erste Anlaufstelle bei Eingriffen und Operationen ist. 
  • Auch in den sozialen Netzwerken sorgt die Nachricht für Diskussionen. Kevin K. schreibt auf unserer Facebook-Seite etwa: „Sehr bedenklich, dass es heute noch immer möglich ist, sich als Arzt auszugeben und auch tatsächlich eine Stelle in einem Krankenhaus zu bekommen.“ Jens M. geht noch weiter: „Da haben Kontrollmechanismen, die ja in diesem Bereich sehr hoch sind, ganz klar versagt.“ Andere Nutzer werden sarkastisch. „Wer kann, der kann! Ich bin in Wahrheit auch keine Studentin“, schreibt Anna H. Trotzdem ist die Betroffenheit und Fassungslosigkeit bei den Lesern groß. Viele stellen sich Fragen wie „Was veranlasst einen Menschen dazu, so etwas zu tun?“ und „Wie kann so etwas passieren?“

U pdate vom 05.11.2019 um 9 Uhr -  Das haben Recherchen unserer Zeitung ergeben. Unterdessen läuft die Suche nach weiteren Opfern der Frau, die von 2015 bis 2018 am Krankenhaus in Fritzlar gearbeitet haben soll, weiter auf Hochtouren.

Seit Freitag sind 26 Anrufe von Geschädigten und Zeugen beim Hinweistelefon der Arbeitsgruppe „Medicus“ der Polizeidirektion Homberg eingegangen. Dabei handele es sich um mögliche ehemalige Kollegen der 48-Jährigen, die ohne entsprechende Ausbildung in der Klinik als Assistenzärztin gearbeitet haben soll, aber auch um mögliche Geschädigte und Angehörige von Patienten, sagt Staatsanwalt Götz Wied. Die Hinweise würden geprüft. 

Der Anwalt der Fritzlarer Klinik, Jorg Estorf von der Kanzlei Hener, Estorf, Josephs & Kollegen in Kassel, betont, dass man mit großer Betroffenheit von dem Anfangsverdacht der Staatsanwaltschaft erfahren habe. „Wir werden alles uns Mögliche tun, um die Aufklärung des Sachverhalts bestmöglich und schnellstmöglich zu unterstützen.“ 

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert angesichts des aktuellen Falls in Fritzlar mehr Transparenz

Es sei angesichts von 17 Landesärztekammern in Deutschland für vermeintliche Ärzte sehr leicht, fehlende Zulassungen zu verschleiern, so der Vorsitzende Eugen Brysch. Er fordert eine Reform des Kontrollsystems. Mit einer gefälschten Zulassung hat die falsche Ärztin die Landesärztekammer getäuscht. Die Frau hatte die Papiere nach Angaben der Ärztekammer vor einigen Jahren bei der Anmeldung als neues Kammermitglied vorgelegt.

„Uns ist nicht aufgefallen, dass die Unterlagen gefälscht sind“, sagte eine Sprecherin dem Sender Hit Radio FFH. Mit Hilfe digitaler Anwendungen könnten Zeugnisse immer häufiger so gefälscht werden, dass sie von Originalen kaum unterscheidbar seien, sagte die Sprecherin. Das sei auch im Fall der Ärztin so gewesen, die am Fritzlarer Hospital für vier Todesfälle verantwortlich sein soll.

52 Polizeibeamte haben vor einer Woche das Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar durchsucht

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln im Fall der inzwischen in U-Haft sitzenden mutmaßlichen falschen Ärztin, die von 2015 bis 2018 am Fritzlarer Hospital beschäftigt war, unter anderem wegen des Verdachts des Totschlags und der Körperverletzung.

Update am 04.11.2019 um 15.42 Uhr - Vier Todesfälle könnte Meike W. verschuldet haben. Sie hatte mutmaßlich  jahrelang im Fritzlarer "Hospital zum Heiligen Geist" als falsche Ärztin gearbeitet.  Wie der Sender "Hitradio FFH" berichtet, sei der Landesärztekammer ein folgenschwerer Fehler unterlaufen. Trotz Prüfung sei die gefälschte Urkunde der Frau nicht erkannt worden, die Fälschung sei sehr gut gewesen, teilte eine Sprecherin der Landesärztekammer FFH mit.

Dem Bericht nach seien die Unterlagen  der Tatverdächtigen 2015 eingereicht worden, bevor sie als Assistenzärztin in Fritzlar angefangen hatte. Aufgefallen sei laut FFH der Schwindel im Oktober 2018 als Meike W. dieselbe Urkunde der Ärztekammer in Schleswig-Holstein vorlegte. 

Falsche Ärztin in Fritzlar: 48-Jährige keine Unbekannte in der Region - Sie kandidatierte als Bürgermeisterin

Update am 03.11.2019 -  Die Frau, die jahrelang im Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist als falsche Ärztin gearbeitet hat, stammt aus der Region. Nach Informationen unserer Zeitung handelt es sich bei der 48-Jährigen, die den Tod von vier Menschen verursacht haben könnte, um Meike W. 

Sie ist keine Unbekannte in Nordhessen: Die 48-Jährige trat im Jahr 2012 als Bürgermeisterkandidatin der SPD in Bad Emstal gegen Ralf Pfeiffer an. Sie erhielt damals 34,3 Prozent der Stimmen. In einem Gespräch mit der HNA gab sie seinerzeit an, in Kassel und Marburg studiert und als Biologin promoviert zu haben. Sie war auch freiberuflich als Dozentin im Gesundheitswesen tätig. Unter anderem in der Vitos-Klinik Merxhausen. 

Falsche Ärztin Meike W. war in der Kasseler SPD aktiv

Die 48-Jährige war auch Ortsvereinsvorsitzende der SPD im Kasseler Stadtteil Brasselsberg und Mitglied im Unterbezirksvorstand der Kasseler SPD. Nach der Niederlage gegen Ralf Pfeiffer zeigte sie sich als schlechte Verliererin: „Ich hatte gehofft, dass sich Bad Emstal für Intelligenz entscheidet. Mein Leben geht jetzt weiter, das von Bad Emstal nicht“, erklärte sie am Wahlabend.

Haben zwei Ärzte im Fritzlarer Hospital Meike W. gedeckt?

Wirkungsstätte: Im Hospital zum Heiligen Geist Fritzlar war die vermeintliche Assistenzärztin von 2015 bis 2018 tätig – laut Gutachten ohne Zulassung und Fachkenntnisse.

Die HNA berichtete unter anderem 2016 über sie, weil sie als Assistenzärztin die Klinik für Schmerztherapie mitbetreute. Die Staatsanwaltschaft Kassel geht davon aus, dass zwei Ärzte die Frau gedeckt haben. Das sagte Götz Wied, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Kassel, dem Sender RTL. 

Es werde geprüft, ob sie die Aufsichtspflicht verletzt hätten. Es gebe Anhaltspunkte, dass die Ärzte „möglicherweise die mangelnde Kompetenz der Beschuldigten erkannten, sie aber gleichwohl weiterhin in ihrer Funktion gewähren ließen“, sagte Wied. Für weitere Informationen war die Staatsanwaltschaft am Sonntag nicht erreichbar.

Meike W. sitzt seit Dienstag in Untersuchungshaft

Die Frau sitzt seit Dienstag in Untersuchungshaft. Gegen sie wird unter anderem wegen des Verdachts des Totschlags ermittelt. 

Es wurde ein Hinweistelefon (0 56 81/774 180) eingerichtet.

Falsche Ärztin hatte politische Karriere im Visier: „Sie war sehr überzeugt von sich“

Auch Uwe Frankenberger wurde am Wochenende von der Nachricht überrascht. Mit der Frau, die sich im Fritzlarer Krankenhaus als Anästhesie-Ärztin ausgegeben hatte und für den Tod von vier Patienten verantwortlich sein soll, hat der ehemalige SPD-Fraktionschef im Kasseler Rathaus einst gemeinsam Lokalpolitik gemacht. 2013 saß Meike W. von Februar bis November als Nachrückerin für die Sozialdemokraten in der Stadtverordnetenversammlung.

Frankenberger kann es nicht fassen, dass seine einstige Fraktionskollegin eine Hochstaplerin sein soll: „Sie war sehr von sich überzeugt und erweckte den Eindruck, dass sie medizinisch versiert sei.“ Sie habe in der Gesundheitspolitik mitwirken wollen. Für die SPD saß sie dann aber unter anderem im Umweltausschuss, ehe sie ihr Mandat nach wenigen Monaten niederlegte. Nach HNA-Informationen soll Frankenbergers Nachfolger als Fraktionschef, der heutige Oberbürgermeister Christian Geselle, unzufrieden mit der Arbeit der promovierten Biologin gewesen sein.

Falsche Ärztin arbeitete als Heilpraktikerin und Osteopathin in Kassel

An mehreren Standorten in Kassel hatte die Mutter eines Sohnes eine Praxis eröffnet. Zeitweise führte sie den SPD-Ortsverein Brasselsberg, wo sie auch wohnte. Ein SPD-Politiker, der noch heute dort im Ortsbeirat sitzt, sagt: „Sie hat sich immer anständig benommen.“ 

Bei der Bürgermeisterwahl in 2012 in Bad Emstal trat die falsche Ärztin als Kandidatin auf. 

Andere beschreiben die Frau, deren Fall heute bundesweit Schlagzeilen macht, indes als menschlich schwierig. Sie habe immer ein starkes Geltungsbedürfnis gehabt, berichten Wegbegleiter; die Chemie habe nicht gestimmt. In Bad Emstal hatte sie 2012 für das Bürgermeisteramt kandidiert. Nach der verlorenen Wahl kommentierte sie ihre Niederlage mit dem Satz: „Ich hatte gehofft, dass sich Bad Emstal für Intelligenz entscheidet.“ Dem Sieger wollte sie nicht gratulieren.

In einem Zeitungsbericht im Jahr 2014 verwies sie auf ihre breite medizinische Ausbildung

Der Versuch einer politischen Karriere schien damit beendet. In einem Zeitungsbericht aus dem Jahr 2014 war davon keine Rede mehr. Stattdessen verwies sie auf ihre breite medizinische Ausbildung: Sie habe neben Biologie und Biochemie auch Zahn- und Humanmedizin studiert.

Von 2015 bis 2018 war die Frau am Fritzlarer Hospital beschäftigt – laut Gutachten ohne Zulassung und ohne Fachkentnisse. Durch fehlerhafte Anästhesien soll sie in vier Fällen den Tod der Patienten verursacht haben. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln nun unter anderem wegen des Verdachts des Totschlags, gefährlicher Körperverletzung, Urkundenfälschung, Betrugs und des Missbrauchs von Titeln. Seit letzter Woche sitzt die 48-Jährige in U-Haft.

„In sechs Jahren wird Bad Emstal noch an mich denken“, hatte sie nach der Wahlniederlage 2012 angekündigt. Es sollte ein Jahr länger dauern. Und sicher anders als gedacht.

Erstmeldung vom 01.11.2019 - Die 48-jährige mutmaßlich falsche Ärztin, die von 2015 bis 2018 im Hospital in Fritzlar in Nordhessen gearbeitet hat, wurde am Dienstag verhaftet. Sie wird verdächtigt, den Tod von vier Patienten verursacht zu haben. 

Gegen die 48-Jährige mutmaßlich falsche Ärztin, die von 2015 bis 2018 im Fritzlarer Hospital gearbeitet hat, wurde am Dienstag Haftbefehl erlassen. Laut Götz Wied, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Kassel, soll die zuletzt in Kiel wohnhafte Frau durch fehlerhafte Anästhesien in vier Fällen den Tod von Patienten verursacht haben. Acht weitere Menschen wurden gesundheitlich geschädigt.

Fritzlar Hessen: Einsatz mit 52 Polizisten wegen falscher Ärztin

Bereits im Januar hatten Staatsanwaltschaft und Polizei das Krankenhaus durchsucht und Beweismittel beschlagnahmt. Am Dienstag gab es einen weiteren Einsatz mit 52 Polizeibeamten. Dr. Sven Ricks, kaufmännischer Geschäftsführer des Hospitals, bestätigt: „Es wurden weitere Akten eingefordert, in denen die Frau eine Rolle spielt.“ Das Hospital kooperiere weiterhin in vollem Umfang mit Staatsanwaltschaft und Polizei.

Die Liste ist lang: Ermittelt wird wegen Verdachts des Totschlags, gefährlicher Körperverletzung, Urkundenfälschung, Betruges, Missbrauchs von Titeln und Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz. Laut Wied war die Frau zuletzt im Controlling tätig. Zuvor war sie unter anderem als Assistenzärztin in der Anästhesie eingesetzt.

Falsche Ärztin in Hessen: Fehler bei Anästhesien durch falsche Ärztin

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft besteht der dringende Verdacht, dass die 48-Jährige in Fritzlar in Nordhessen mehrere Anästhesien nicht rechtmäßig durchführte, da sie „die dafür erforderlichen Fachkenntnisse mangels entsprechender Ausbildung nicht besaß.“

Neben anderen Fehlentscheidungen soll sie unter anderem, während einer Operation Atemprobleme nicht richtig erkannt und falsche Medikamente gegeben haben.

„Selbst alte Dienstpläne wurden mitgenommen“, beschreibt Ricks die Durchsuchung, die für das Krankenhaus überraschend kam. Weil noch nichts feststehe, sei er aber bislang „ruhig und gelassen.“

Laut Staatsanwaltschaft wird mit den Ermittlungen allerdings auch geprüft, ob die im Tatzeitraum beschäftigten Ärzte ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Vor allem Vorgesetzte stehen im Fokus. Durchsuchungen fanden auch im Landkreis Uckermark statt.

Zunächst gab es keine Sorgen über Gesundheit der Patienten  

Bereits im Februar berichtete die HNA über die mutmaßlich falsche Ärztin in Fritzlar. Auch zu diesem Zeitpunkt wurde die Frau bereits verdächtigt, sich nur als Ärztin ausgegeben zu haben und nicht über eine Approbation zu verfügen. 

Sorgen über den Gesundheitszustand der Patienten gab es nach der ersten Durchsuchung aber noch nicht. Anfang des Jahres schrieb die Staatsanwaltschaft, es gäbe keine Hinweise, dass jemand zu Schaden gekommen ist.

Update 06.11.2019: Im Interview berichtet ein Anästhesie-Arzt über die Herausforderungen seines Berufs. Dass die falsche Ärztin im Fritzlarer Hospital nicht aufgefallen ist, wundert ihn nicht.

Update 07.11.2019: Christof Diefenbach ist Leiter des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamtes im Gesundheitswesen. Im Interview sprach er mit uns über den Fall der falschen Ärztin im Fritzlarer Hospital.

Update 08.11.2019: Die Klinik kommt nicht zur Ruhe: Nach dem Skandal um die falsche Ärztin am Hospital in Fritzlar steht nun der Vorwurf im Raum, ein OP-Fehler habe eine Frau zum Pflegefall gemacht.

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Kommentare

FischerAntwort
(0)(0)

... schon einmal etwas von der Ärztekammer gehört ?!?!

tp125Antwort
(0)(0)

"schnell zu prüfen" hmmm merkste was?

Ne zentrale find ich ja gut aber ne Überprüfung ist jetzt auch nicht heute völlig unmöglich...

KastorAntwort
(0)(0)

Keine Ahnung, aber erst mal einen auf Laut machen! Versuchen Sie doch mal, die vorgelegten Zeugnisse und Bescheinigungen/Berechtigungen eines Bewerbers schnell zu prüfen. Eine Reise durch alle Bundesländer wird folgen. Was in Deutschland fehlt ist eine Zentrale Stelle, die Prüfung und Hinterlegung für z.B. die Nachweise von Ärzten etc. betreibt und als Ansprechstelle genutzt werden kann. Bis dahin reicht ein Farbkopierer bzw. Farbdrucker und viel Phantasie um sich einen Doktortitel zu kreieren.

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