Lehrer wollen Beziehung zu Schülern erhalten

Distanzunterricht im Lockdown: Besonders hart trifft es die Jüngsten

Gerade für Grundschüler ist der Schulalltag mit Gleichaltrigen wichtig. Doch einige haben ein normales Schulleben noch gar nicht kennen lernen dürfen.
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Gerade für Grundschüler ist der Schulalltag mit Gleichaltrigen wichtig. Doch einige haben ein normales Schulleben noch gar nicht kennen lernen dürfen.

Ein umstrittenes Thema in der Lockdown-Debatte war der Umgang mit Schulen. Fest steht: Normal wird es noch lange nicht werden.

Vorsicht beim Unterrichten ist mit Blick auf die hohen Coronazahlen angesagt. Da sind sich Gabriele Wolff, Schulleiterin der Fritzlarer Grundschule an den Türmen, und Thomas Neumark, Schulleiter der KHS, einig. Wir haben mit ihnen die Debatten rund um die Schulöffnung besprochen. Die Schulleiter über...

-  die Unterrichtsform: Die Sicherheit der Lehrer und Schüler stehe an erster Stelle, betont Schulleiterin Wolff. „Halbherziges Handeln führte in der Vergangenheit zu keinem positiven Ergebnis.“ Deshalb stehe sie weiterhin hinter Distanzunterricht, zwar so kurz wie möglich, dafür aber so lange wie nötig. Neumark hingegen ist ein Befürworter des Präsenzunterrichtes. „Mit den richtigen Vorsichtsmaßnahmen halte ich diesen für vertretbar.“ Auch für den Wechselunterricht sei seine Schule gut vorbereitet. „Dass sich Schüler und Lehrer untereinander sehen, ist enorm wichtig – sowohl was das soziale Miteinander als auch was die Bildung angeht.“

Unterricht im Lockdown: Schulleiter wünschen sich verlässliche Konzepte

- die größte Herausforderung: Das Aufrechterhalten der Beziehungen unter den Schülern und zwischen Lehrern und Schülern sei eine große Schwierigkeit, findet Neumark. Hinzu komme die Herausforderung, immer wieder neue Beschlüsse innerhalb kürzester Zeit umzusetzen. Das bestätigt Gabriele Wolff: „Dieser organisatorische Aufwand ist extrem belastend.“ Wünschen würden sich beide Schulleiter eine bessere Planbarkeit, mehr Verlässlichkeit. Wolff sagt: „Diese Verlässlichkeit kann aber nur entstehen, wenn die Infektionszahlen langfristig gedrückt werden.“

- die digitale Ausstattung: Diese sei deutlich besser als vor der Coronakrise. Aber: „Das Problem ist nicht die Ausstattung der Schüler und Lehrer zuhause, sondern die an der Schule selbst.“ Noch immer gebe es nicht in allen Räumen der KHS Wlan. Dies sei aber zwingend notwendig. Wolff gibt indes zu bedenken: Der Erfolg des Lernens hänge auch mit der technischen Affinität der Eltern zusammen. Von essenzieller Bedeutung sei es daher, darauf zu achten, dass keine Gräben zwischen den Grundschülern in puncto Lernniveau entstünden.

Unterricht im Lockdown: Interaktion kann nicht durch Online-Unterricht ersetzt werden

- den Wert des Präsenzunterrichts: Bestätigung, Motivation, emotionale Beteiligung, Feedback – all das bekämen die Schüler nur über das direkte Miteinander, sagt die Schulleiterin. Auch Neumark sagt: „Interaktion kann nicht durch Online-Unterricht ersetzt werden.“ Auch fachlich verliere Unterricht so auf Dauer an Qualität.

- die langfristigen Auswirkungen: Am Ende der Pandemie werden Lernlücken entstanden sein, da sei sich Wolff sicher. „Es muss dann eine Strategie entwickelt werden, diese wieder zu schließen.“ Vor allem gelte dies wohl für Grundschüler, vermutet auch Neumark. Schließlich gehe es dort um grundsätzliches Handwerkszeug. „Die Defizite in den weiterführenden Schulen halte ich für aufarbeitbar.“

- die besonders Betroffenen: Besonders hart treffe die Krise die jüngeren Schüler. „Auch die Mittelstufenschüler machen mir aber Sorgen“, sagt Neumark. Die größte emotionale Stabilität sei bei den Oberstufenschülern zu spüren.

Unterricht im Lockdown: Das sagt eine Oberstufenschülerin

Isabelle Reinhard geht in die 13. Klasse an der CJD Jugenddorf-Christophorusschule Oberurff. Sie hat die Diskussion um die Wiederaufnahme des Schulbetriebs gespannt verfolgt, da sie von der Entscheidung direkt betroffen ist: Ihr Abitur steht in wenigen Monaten bevor, die Vorbereitungen darauf haben bereits begonnen. „In den Weihnachtsferien habe ich angefangen, die wichtigen Themen zusammenzufassen, und wir wiederholen auch schon relevanten Stoff“, sagt sie.

Laut Internetseite des Hessischen Kultusministeriums finden die schriftlichen Abiprüfungen in diesem Jahr im April und Mai statt. „Normalerweise sind sie einen Monat früher“, sagt Isabelle Reinhard. Wenn Distanzunterricht aufgrund der Corona-Lage nötig sei, hält sie diesen für möglich, auch wenn er für die Prüfungsvorbereitung nicht ideal wäre. In einem ist sie sich sicher: „Ich wünsche mir so schnell wie möglich wieder Präsenzunterricht.“

Elternbeiratsmitglied fehlen Konzepte zum Umgang mit Grundschülern

Es müssen endlich klare Ansagen her, findet Frank Schubert. Und zwar Ansagen, die länger als ein paar Wochen Bestand haben. Der Vater einer Tochter gehört dem Elternbeirat der Louise-Schröder-Schule in Niedenstein an und weiß aus erster Hand, vor welchen Problemen Eltern von Grundschülern derzeit stehen. Denn sie – so Schubert – müssten klar von älteren Schülern unterschieden werden.

„Grundschüler brauchen die direkte Ansprache und ihre Bezugspersonen in der Schule noch viel stärker als ältere Kinder“, sagt Schubert. „Die kleben doch noch förmlich an den Lippen ihrer Lehrer.“ Die Schule sei für Kinder noch eher ein sozialer Raum als für Jugendliche. Sich ausprobieren, Freunde treffen, Interessen herausfinden – all das sei derzeit nicht möglich. „Dabei versucht die Schule, jedes Kind zu erreichen. Da steckt viel Engagement dahinter“, berichtet Schubert. „Aber den Lehrern sind Grenzen gesetzt.“

Niedenstein: Elternbeiratsmitglied kritisiert technische Ausstattung

Damit meint der Niedensteiner die fehlende Unterstützung vom Land: fehlende dienstliche Mail-Adressen von Lehrern, schlechte technische Ausstattung und noch immer das Warten auf Dienstlaptops. Derzeit kommunizierten die Niedensteiner Grundschüler und Lehrer via WhatsApp und E-Mail miteinander, um den Kontakt zu halten.

Dennoch glaubt Schubert, dass eine komplette Schulöffnung zum jetzigen Zeitpunkt der falsche Weg wäre. Grund sind die hohen Infektionszahlen. Für ihn scheint nur ein Wechselmodell zwischen Präsenz- und Fernunterricht sinnvoll. Denn in den Klassenräumen sei es kaum möglich, Abstand zu halten.

Und das sei es schließlich, was das Kultusministerium seit nahezu einem Jahr in Sachen Schule Eltern, Lehrern und Schülern ausschließlich predige: Abstand halten und Lüften. Dabei sei es wichtig, gerade junge Menschen zu unterstützen und Lehrer zu entlasten. „Man hängt in der Schwebe. Das treibt viele Eltern um.“ Nur Verlässlichkeit sorge in seinen Augen für ein Stück Sicherheit in dieser schwierigen Situation. (Daria Neu, Chantal Müller, Christina Zapf)

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