Welttanztag

Fritzlarer Ehepaar über den Lockdown im Studio: Kein Leben ohne Tanz

Lieben und leben das Tanzen: Andrea und Dieter Tisiotti.
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Lieben und leben das Tanzen: Andrea und Dieter Tisiotti.

Ihre Tanzschuhe für immer an den Nagel zu hängen, das können sich Andrea und Dieter Tisiotti nicht vorstellen. Allerdings fühlen sie sich in der Pandemie von der Politik im Stich gelassen.

Fritzlar – Ihre Tanzschuhe für immer an den Nagel zu hängen, das können sich Andrea und Dieter Tisiotti selbst in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorstellen. Ganz so weit hergeholt ist die Vorstellung in Zeiten von Virusfrust und Endloslockdown allerdings gar nicht, denn das sympathische Paar fühlt sich von der Politik im Stich gelassen, schließt die Tür zur über die Jahre mit viel Liebe aufgebauten Tanzschule im Fritzlarer Schladenweg höchstens noch auf, um hier und da nach dem Rechten zu schauen oder selbst ein paar Runden aufs Parkett zu legen.

Am Welttag des Tanzes, dem 28. April 2021, sprechen sie mit uns über ihre Situation. „Indem wir selbst mal eine Runde tanzen, halten wir uns bei Laune“, sagt Dieter Tisiotti, der ansonsten wenig Anlass zur Freude hat und nach Monaten der coronabedingten Schließung sein Dilemma auf den Punkt bringt: „Wir stehen im Regen.“ Mit der Bundesnotbremse sei die Situation nun noch ein großes Stück hoffnungsloser geworden, sagt er und wirkt verständlicherweise frustriert, wenn er die vergangenen Monate Revue passieren lässt.

Tanzschule in Fritzlar ist seit November 2020 durch den Lockdown stillgelegt

„Seit 2. November sind wir im Lockdown, der Lockdown light sollte damals auf vier Wochen begrenzt sein, aus den vier Wochen sind nun aber sechs Monate geworden, und wenn das bis zum 30. Juni so bleibt, sind wir bei insgesamt acht Monaten angekommen.“

Für ihn und seine Frau bedeute das nicht mehr und nicht weniger als acht Monate das Verbot, die eigene Tanzschule zu betreiben, acht Monate Berufsverbot und somit keine Möglichkeit, den notwendigen Lebensunterhalt zu erwirtschaften – kurz: acht Monate Existenzkampf bei ausbleibenden Umsätzen und weiterlaufenden Kosten.

„Die Menschen bekommen vermittelt, dass Selbstständige großzügige Unterstützungen erhalten, die Realität sieht leider anders aus“, sagt Tisiotti, der unter anderem einen anrechenbaren Unternehmerlohn in den Hilfspaketen vermisst. „Wir sollen von unserem Ersparten leben oder Hartz IV beantragen, das kann es doch nicht sein.“

Tanzschule Fritzlar: Onlineangebote können Unterricht vor Ort nicht ersetzen

Die wirtschaftliche Lage, so Andrea Tisiotti, sei aber nicht alles, auch die mentale, persönliche Situation sei ohne konkrete Perspektiven längst mehr als angespannt.

„Wir lieben und leben unseren Beruf“, sagt die Tanzlehrerin, die vor allem den Aspekt der Geselligkeit ihrer beliebten Tanzstunden vermisst. „Das können Onlineangebote einfach nicht auffangen“, findet sie und kann nicht verstehen, dass ihre „im vergangenen Jahr erprobten und funktionierenden Hygienekonzepte“ bei den Behörden nicht einmal Gehör finden.

Tanzschule Fritzlar hatte sich an Aktion Swinging World beteiligt

Die Menschen seien mittlerweile so verunsichert, dass Tisiotti nicht mal nach einem potenziellen Ende der Pandemie einen schnellen Weg zurück zum Tanzschulalltag sieht. „Die Angst der Menschen wird bleiben“, blickt sie wenig optimistisch in die Zukunft, ohne den Kopf gänzlich in den Sand zu stecken.

Auch deshalb hat sie sich gemeinsam mit ihrem Mann an einer Aktion von Swinging World beteiligt, dem Unternehmerverband der Tanzschulen, der zum Jahrestag der Pandemie am 17. März dazu aufgerufen hatte, möglichst viele Pakete mit einem Tanzschuh und einem Nagel ans Bundeskanzleramt zu schicken.

„Wir wollten damit ein Signal setzen“, sagt Dieter Tisiotti, ohne wirklich an eine Reaktion zu glauben. Was ihm und seiner Frau viel mehr Hoffnung gebe, sei die Unterstützung der Kunden, und auch deshalb sei eines für sie unvorstellbar: die Tanzschuhe endgültig an den Nagel zu hängen. (von Sascha Hoffmann)

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