Blick aus fremden Fenstern

Fritzlarer gründet in der Coronakrise Facebook-Gruppe „frommywindow“ in Italien

Hat „frommywindow“ gegründet: Ralf Becker, der gebürtig aus Fritzlar stammt und inzwischen in Bergamo, Italien lebt. Hier mit der italienischen Journalistin Elisabetta Olivari, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit für die Facebook-Gruppe kümmert.
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Hat „frommywindow“ gegründet: Ralf Becker, der gebürtig aus Fritzlar stammt und inzwischen in Bergamo, Italien lebt. Hier mit der italienischen Journalistin Elisabetta Olivari, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit für die Facebook-Gruppe kümmert.

Ralf Becker stammt aus Fritzlar, lebt aber in Bergamo, Italien. Während der dortigen Ausgangssperre aufgrund der Corona-Pandemie gründete er die Facebook-Gruppe „frommywindow“.

Ralf Becker stammt aus Fritzlar, lebt aber bereits seit rund 25 Jahren in Bergamo, Italien. Die Stadt war zu Beginn der Coronakrise von dem Virus schwer getroffen und es herrschte vom 8. März bis 18. Mai eine strikte Ausgangssperre. „Es ging nichts mehr. Ohne triftigen Grund durfte niemand auf die Straße“, sagt Ralf Becker.

In dieser schweren Zeit hatte er die Idee, eine Facebook-Gruppe zu gründen. Dort sollten die Menschen einander die Aussichten aus ihren Fenstern zeigen, sich gegenseitig beistehen und sehen, dass andere in der gleichen Situation sind. „Ich wollte das Problem solidarisch angehen“, sagt Becker. Die Idee, der Corona-Pandemie so gegenüberzutreten und ihr einen kreativen Aspekt abzugewinnen, kam gut an. „Die Gruppe ist schnell gewachsen“, sagt Becker.

Inzwischen zählt sie mehr als 954 Mitglieder. Und sie wächst weiter, auch wenn sich die Lage mittlerweile entspannt hat. Rund die Hälfte der Mitglieder sei aus Bergamo, etwa 150 aus Fritzlar. Aber es sind auch Menschen aus Brasilien und weiteren Ländern in der Gruppe – das verdeutliche: Das Virus betreffe die ganze Welt, so Becker. Nicht nur Fotos werden ausgetauscht, sondern auch Berichte über die eigene Lage: „Wie sieht es jetzt bei euch aus?“ Gegenseitiges Interesse und Verständnis werden gezeigt: „Wir denken an euch.“

Facebook-Gruppe „frommywindow“: Gründer erkrankte selbst an Covid-19

Einkaufen durften die Einwohner von Bergamo während der Ausgangssperre nur im nächstgelegenen Geschäft. Nachbarn, Freunde und Familie sahen sie nur über Videochats oder hörten sie am Telefon. „Da ich einen Hund habe, durfte ich mich zumindest 200 Meter von meinem Haus entfernen, um Gassi zu gehen“, sagt Becker. „Niemand war mehr auf den Straßen unterwegs“, sagt der 56-Jährige zum menschenleeren Stadtzentrum.

Die menschenleere Altstadt von Bergamo.

„Die Gruppe hat mir geholfen, die schwierige Zeit zu überbrücken.“ Italien sei als erstes Land außerhalb von China schwer vom Coronavirus getroffen gewesen. „Bis erkannt wurde, was los ist, hatte sich das Virus schon ausgebreitet.“ Auch er selbst sei damals an Covid-19 erkrankt. „Ich hatte aber nur eine Woche Fieber.“ Nicht bei allen verlief die Krankheit so glimpflich. Neueste Analysen sprechen laut Becker von 6000 Toten in Bergamo. „Jede Familie ist betroffen“, sagt der 56-Jährige. „Wir auch.“ Ein Onkel seiner Frau starb.

Gemeinsam mit Frau, Sohn, Hund und leckerem Essen stand der selbstständige Architekt die Zeit der Ausgangssperre durch. „Der Hund hat sich gefreut, weil ständig jemand mit ihm raus wollte“, sagt Becker. Sein 17-jähriger Sohn hatte Homeschooling und auch seine Frau unterrichtete mithilfe des Internets. Das gab ihrem neuen Alltag eine gewisse Struktur. Becker selbst konnte als Architekt wenig arbeiten, denn Baustellen seien nicht begehbar gewesen.

Facebook-Gruppe „frommywindow“ wächst weiter

Für die italienische Stadt, die vom Tourismus lebt, war der Lockdown ein schwerer Schlag. Inzwischen hat sich der Alltag wieder normalisiert. Durch die anfängliche starke Ausbreitung des Virus sind laut Becker inzwischen rund 27 Prozent der Einwohner immunisiert. Die Touristen sind mittlerweile wieder in der Stadt zu sehen. Die ärztliche Infrastruktur sei ausgebaut worden und es werde viel getestet. „Den Touristen soll Sicherheit garantiert werden“, so Becker.

Im Alltag weiß der 56-Jährige vormals selbstverständliche Dinge viel mehr zu schätzen: „Mit dem Auto in einen Supermarkt zu fahren, der einem gefällt, ist unglaublich viel Freiheit.“ Darüber hinaus genießt er es, sich wieder ohne die Angabe von Gründen in der Stadt bewegen zu können und Freunde, Familie und Nachbarn wiederzusehen. Auch wenn sich die Pandemie-Lage entspannt hat, ist Becker optimistisch: „Die Gruppe wird weiterlaufen, auch nach Corona.“

Von Christina Zapf

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