Berta Kugelmann verstarb mit 96

Fritzlarer Jüdin überlebte die Zeit im Konzentrationslager 

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Die Fritzlarer Jüdin Berta Kugelmann ist in der vergangenen Woche im Alter von 96 Jahren gestorben.    

Laut dem Fritzlarer Stadtarchiv war sie die letzte noch lebende Jüdin, die in Fritzlar geboren wurde. In der vergangenen Woche ist Berta Kugelmann gestorben. 

Stille. Im Frühlingsmonat Mai vor 75 Jahren war der todbringende Lärm verstummt. Keine heulenden Bomben. Kein Rasseln der Panzerketten. Der Zweite Weltkrieg war beendet. Im Gedenken an diese Zeit geht der Spaziergang durch die Gassen der kleinen Stadt Fritzlar. Der Fuß verharrt vor vier Stolpersteinen. Dachau, Mauthausen, Ravensbrück sind eingravierte Mahnungen an Vernichtungslager. Einst von einem furchtbaren Regime errichtet.

Zu lesen sind die wenigen Daten der vier Menschen, die einst hier bis zum Abtransport wohnten. Die Eltern und eine Schwester wurden ermordet. Berta Kugelmann, 1924 geboren, überlebte. „Frau Kugelmann war die letzte lebende Jüdin, die noch in Fritzlar geboren wurde. Es gibt nun keine uns bekannten Juden mehr, die gebürtig aus Fritzlar stammen würden“, sagen Clemens Lohmann und Christian Wirkner vom Fritzlarer Stadtarchiv.

„Die Stadt thront hoch oben auf einem Hügel und ihre liebliche Kathedrale beherrscht die Landschaft“ – so erinnerte sich das „Bertel“ an die Heimat. Der Vater, geehrter Getreidehändler, war weit über die Region hinaus bekannt und beliebt. Von den Großeltern hatte die Familie das Haus in Fritzlar übernommen. Bertel, die Jüngste, hatte einen Bruder und zwei Schwestern.

Auf Kinderfotos tragen sie reiche Kleidung. Schwester Irene war noch klein. Um den Hals trägt sie an einer Kette das Eiserne Kreuz. Der Vater hatte vier Jahre lang im Ersten Weltkrieg mit Auszeichnung gekämpft. Bertel spielte mit allen Kindern, bis die „Neue Zeit“ kam. Sie durfte als jüdisches Kind auf keine höhere Schule.

1938 ging das Mädchen nach Marburg als Haustochter. Da waren bereits Bruder und Schwester in die USA ausgereist. Der Vater hatte eine Woche im KZ Buchenwald verbracht. Jetzt gelang eine Ausreise nicht mehr. 1942 wurden Eltern und Schwester ermordet. Ein Jahr später stieg Berta Kugelmann in den Viehwaggon nach Theresienstadt. Später ging ihr Transport nach Auschwitz und schließlich nach Österreich.

Am 5. Mai 1945 befreiten die Amerikaner das Lager. Hatte jemand überlebt? Berta Kugelmann fuhr nach Fritzlar. Vom Bahnhof ging es über die Ederbrücke, wo bereits viele Nachbarn grüßten. Bürgermeister Julius Kaever bat sie, in der Stadt zu bleiben. Er bot Hilfe an. Aber ein Jahr später begrüßte sie die Freiheitsstatue vor New York.

Viele Jahre später hatten Dagmar und Clemens Lohmann ein Heft zum Schicksal der jüdischen Gemeinde in Fritzlar herausgebracht. Das Erstaunen war groß, als ein Anruf aus San Francisco kam. Dort lebte Berta Kugelmann glücklich verheiratet mit zwei Söhnen.

Nein, nie wieder würde sie nach Deutschland kommen. Doch dann entstand eine Freundschaft mit diesen netten Deutschen, gekrönt von der Reise in die Heimatstadt. Zur Eröffnung des neuen Hochzeitsmuseums in der Domstadt wird in einer Ausstellung das Schicksal dieser Familie dieser Frau gezeigt werden. Bertel Kugelmann-Borowsky starb am 29. April. Uns Nachgeborenen bleibt die Mahnung: Nie Wieder!

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