Landwirte setzen auf Tierwohl - Parlament muss abstimmen

Fritzlarer Lindenhof plant Schlachtbetrieb

von links Benny Eimer, Martin Volke und Erwin Volke stehen auf der Baustelle, wo zukünftig die Fleisch- und Wurstproduktion entstehen soll.
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Dort stand einmal der Schweinestall: von links Benny Eimer, Martin Volke und Erwin Volke stehen auf der Baustelle, wo zukünftig die Fleisch- und Wurstproduktion entstehen soll. Hierfür liegt die Genehmigung bereits vor.

Das Tierwohl ihrer Schweine hat für die Fritzlarer Landwirte Erwin und Martin Volke vom Lindenhof oberste Priorität. Nach dem Aus des Schlachthofes in Bad Wildungen hat die Familie daher einen Entschluss gefasst. Die Schweinehalter planen, einen eigenen Schlachtbetrieb zu errichten. Außerdem soll die Produktionsstätte für die Metzgerei erweitert werden.

„Wir wollen kein Schlachthof werden“, betont Erwin Volke. Es gehe darum, den rund 1500 Schweinen auf dem Hof ein möglichst artgerechtes Leben und möglichst wenig Stress im Vorfeld der Schlachtung zu ermöglichen. Seit der Schließung des Hofes in Bad Wildungen, den der Fritzlarer Landwirt mitbetrieben hatte, fährt Volke unter anderem die Schlachtstätte der Vieh- und Fleischvermarktung Nordhessen in Mengeringhausen in der Nähe von Bad Arolsen an. Doch auch die rund zwei Stunden Fahrt mit dem Schlepper möchte Volke den Tieren langfristig ersparen.

Zweimal die Woche plant Volke, etwa einen halben Tag lang gemeinsam mit seinem Team zu schlachten. Auch zwei bis drei andere Direktvermarkter sollen mit ins Boot geholt werden, „mehr aber auf keinen Fall.“ Maximal 150 Schweine pro Woche, das sei die Obergrenze.

Glückliche Schweine: Die Tiere auf dem Lindenhof können es sich im Stroh gemütlich machen.

Da auch andere Direktvermarkter im Lindenhof schlachten wollen, muss das Fritzlarer Parlament über das Vorhaben mitentscheiden. In der kommenden Stadtverordnetenversammlung am 17. September stimmen die Mandatsträger über die Änderung des Flächennutzungsplanes und die Aufstellung des Bebauungsplanes ab. In Zusammenarbeit mit anderen Direktvermarktern ergibt sich laut Beschlussvorlage die Möglichkeit, das Vorhaben durch das Land Hessen fördern zu lassen. Da das Förderprogramm im kommenden Jahr ausläuft, sei der Beschluss dringend, heißt es.

Auf einer Fläche von rund 200 Quadratmetern, wo zuvor der Hühnerstall stand, soll der eigentliche Schlachtbetrieb gebaut werden. Der ehemalige Schweinestall wird dann für die Fleisch- und Wurstproduktion genutzt, dafür liegt bereits eine Baugenehmigung vor.

Schweine, die stundenlange Transportwege hinter sich haben und dann unter Stress betäubt, getötet und verarbeitet werden – so sieht der Alltag in vielen marktführenden Schlachtbetrieben Deutschlands aus. Für Erwin Volke und seinen Sohn Martin vom Fritzlarer Lindenhoflädchen nicht auszudenkende Zustände. Auch sie halten Schweine, verkaufen Fleisch und Wurst und planen sogar einen eigenen Schlachtbetrieb. Dieser soll allerdings anders aussehen. Und zwar ganz anders.

Lindenhof plant Schlachtbetrieb: Stress schmeckt man sofort

„Stress für die Tiere ist der Tod für unsere Wurst“, sagt Erwin Volke. Er ist erfahrener Metzger und Lieferant und auf dem Lindenhof aufgewachsen. Den Geschmack des nordhessischen Kulturguts „Ahle Wurscht“ nennt er als Beispiel, um zu betonen, dass Geschmack und Wohlfühlatmosphäre des Tieres unmittelbar miteinander zusammenhängen.

Sollte sich das Fritzlarer Parlament für den Bau des Schlachtbetriebes auf dem Lindenhof aussprechen, steht für Volke fest: „Das Schwein soll nichts davon mitkriegen, dass es im Laufe des Tages geschlachtet wird.“

Für das Tier soll es ein Tag sein wie jeder andere. Stress und Angst hätten da nichts zu suchen, bestätigt auch Martin Volke. „Das merken sie sofort.“ Das Tierwohl sei das Allerwichtigste. Und außerdem wirke sich das Adrenalin, das Lebewesen unter Stress ausschütten, auf den Fleischgeschmack aus.

Derzeit wird ein Teil der Schweine laut Volke in eine kleine Metzgerei in der Region und der andere Teil in der Schlachtstätte der Vieh- und Fleischvermarktung Nordhessen in Mengeringhausen bei Bad Arolsen gebracht. Bislang würden wöchentlich 25 bis 40 Schweine pro Woche geschlachtet, im geplanten Betrieb seien es höchstens 150 pro Woche.

Geplanter Schlachtbetrieb in Fritzlar: Lindenhof-Schweine sollen entspannt sein

Und so ist der Ablauf geplant: Ruhig und entspannt sollen die Schweine schon am Abend vorher in den Wartestall gebracht werden. „Die Tiere sollen möglichst von selbst in die Betäubungsbucht gehen“, erklärt Martin Volke. Dort werde das Schwein dann per Elektroschock betäubt, was eine tiergerechte Methode sei. Laut Erwin Volke sollen nur zwei Tiere gleichzeitig in den jeweiligen Buchten sein. Schließlich sollen die Schweine keinen Stress empfinden. Viele Tiere auf einmal würde aber Stress bedeuten.

Der eigentliche Tod erfolge dann durch das Ausbluten, so der Schweinehalter. „Dazu ist ein gezielter Stich nötig“, sagt Martin Volke. Innerhalb von wenigen Sekunden sei das Tier ausgeblutet. Anschließend werde es gewaschen und enthaart, danach aufgebrochen. Das heißt, dass die Gedärme herausgenommen werden. Das Thema Tod sei nie ein schönes, sagt Martin Volke. Ihm gehe es aber darum, immer „mit dem Tier zu denken“, um es die ganze Zeit über möglichst artgerecht zu behandeln. (Daria Neu)

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