„Er wird uns so sehr fehlen“

Fritzlarer bedauern Absage ihres Pferdemarkts: Lange Tradition macht Pause

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Den Blick aus einem Riesen-Kettenkarussell wird es in diesem Jahr nicht geben. Die Absage des Fritzlarer Pferdemarkts nimmt viele mit – sowohl emotional als auch finanziell. Fotos: /Hannah Maithert/DARIA NEU

Der Fritzlarer Pferdemarkt fällt diesen Sommer aus. Diese schwere und emotionale Entscheidung wurde Anfang der Woche getroffen. Eine weitere Folge der Coronakrise.

„Ich hatte bis zuletzt so gehofft“, sagt Dieter Decher, der gemeinsam mit Bürgermeister Hartmut Spogat und allen Verantwortlichen Anfang der Woche eine harte Entscheidung für viele Fritzlarer verkünden musste: Der Pferdemarkt fällt in diesem Sommer aus. Es ist ein emotionales Thema sowohl für den Marktmeister als auch für den Bürgermeister.

Die Coronakrise zwingt die Stadt, „das Fest der Feste“ im Juli zu canceln. Rund 200 000 Gäste in einer Zeit, in der Abstandhalten das Gebot der Stunde ist? Undenkbar. „180 Absagen haben wir am Dienstag losgeschickt“, berichtet Decher – schweren Herzens. Keine großen Feiern an der Ederaue, keine 20 Fahrgeschäfte, keine 200 Pferde und Fohlen. Züchter, die ihre Tiere vorstellen, neugierige Kinder an den unterschiedlichen Ständen, Musikshows auf der Bühne – all dies macht 2020 wegen Corona eine Zwangspause.

Im vergangenen Jahr dabei: Greta Seuling vom Talhof Biederbeck mit einem Fohlen von Stute Lady in Time.

Die Schausteller

Und die bleibe nicht ohne Folgen, sagt Decher. Für viele Fritzlarer gehe es vor allem um die Gefühlsebene. Ihr traditionelles Volksfest, das im Jahr 1862 als Fest für Geräte- und Viehhandel seinen Ursprung hatte, sei schließlich schon Monate im Voraus im Kalender markiert. „Aber vor allem werden die ganzen Absagen Konsequenzen für viele Schausteller haben.“

Das kann Holger Berger, der mit seinem Kinderkarussell seit Jahren zum Pferdemarkt kommt, nur bestätigen: „Wenn kein Geld rein kommt, können Sie sich vorstellen, was passiert.“ Selbstverständlich seien die Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus angemessen, aber: „Der Mensch will irgendwann wieder raus und feiern. Wir sind sozusagen Herdentiere.“

Holger BergerSchausteller

Die Züchter

Herdentiere sind auch die zahlreichen Pferde, die mit ihren Züchtern jeden Sommer das Gelände des Reit- und Fahrvereins Fritzlar nutzen. Angelika Herzog, Vorsitzende des Vereins, bedauert die Absage. Auch weil Einnahmen in der Kasse fehlen werden. „Normalerweise ist hier während des Pferdemarktes immer richtig was los.“ Derzeit sei an das große Getümmel aber gar nicht zu denken. „Erst seit Kurzem dürfen wir wieder so langsam Reitunterricht geben.“ Nur in kleinen Schritten gehe es in Richtung Normalität.

Die Finanzierung

Mit finanziellen Schwierigkeiten für die Stadt rechnet Bürgermeister Hartmut Spogat nicht. „Die Absage ist schließlich durch höhere Gewalt erfolgt.“ Zwischen 25 000 und 40 000 Euro müsse Fritzlar in der Regel für das Traditionsfest aufbringen.

Das Gefühl

Doch auch der Rathauschef ist traurig über die Absage. „Ich hätte gern meinem Enkelsohn alles gezeigt“, sagt er und klingt gerührt. Noch genau erinnert er sich an die Jahre zuvor. „Ich habe selbst schon als Kind in den Karussells gesessen.“ Die lange Tradition, die Gesellschaft, das Feiern – all das mache das Fritzlarer Fest aus. Genauso wie die Geselligkeit sei aber traditionell auch noch eine andere Sache fester Bestandteil des Pferdemarkts, sind sich Decher und Spogat einig: „Regen.“

Fast jedes Mal habe es mindestens einmal geschüttet. „Früher haben die Männer ihre Frauen immer über eine große Pfütze vorm Festzelt getragen“, erzählt Spogat und lacht. Es sei eben alles gegeben worden, um zusammen zu feiern. Nun heißt es aber: Abwarten bis zum nächsten Jahr.

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