Nach Blitzschlagschaden

Ihr Klang gehört zu Werkel: Erstmals seit August werden Ostern wieder die Kirchenglocken läuten

Eine Frau und ein Mann schauen hinter einer Kirchenglocke hervor und Lächeln. Im Hintergrund eine weitere Glocke.
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Ein wunderschönes Geläut nennt Glockenexperte Dennis Willershausen die Werkeler Glocken. Dem stimmt auch Pfarrerin Gudrun Knipp zu. Rechts die Glocke, die Ostern 1970 geweiht wurde, links die Henschel-Glocke aus 1827. Sie sollte im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen werden, kam aber vom Hamburger Glockenfriedhof zurück.

Nachdem ein Kugelblitz im August 2020 einigen Schaden angerichtet hatte, können zu Ostern 2021 wieder die Glocken in der evangelischen Kirche in Werkel läuten.

Werkel – Pfarrerin Gudrun Knipp lacht mit der Sonne um die Wette. Erstmals nach acht Monaten erklangen jetzt die beiden Glocken der evangelischen Kirche in Werkel wieder – zur Probe. Erst jetzt konnte der Schaden behoben werden, den ein Kugelblitz am Sonntagmorgen, 2. August 2020, angerichtet hatte.

Obwohl auf Beschluss des Kirchenvorstandes bis zum Ende des Lockdowns keine Präsenzgottesdienste stattfinden, werden am Ostersamstag ab 18 Uhr und am Sonntag ab 8 Uhr die Glocken wieder läuten.

„Diese Klänge gehören zu Werkel, sie begleiten die Menschen auf den unterschiedlichsten Wegen – fröhlich und traurig”, sagt die Pfarrerin. Ehre sei Gott in der Höhe – so lautet die Inschrift der Glocke, die Ostern 1970 geweiht worden war.

Werkeler Glocken: Kirche und Glocke im Zweiten Weltkrieg beschädigt

Dass die Glocken nun wieder läuten, ist nicht nur für die Pfarrerin ein „schönes Lebensgefühl”. Die Geschichte der Werkeler Glocken ist eine Ostergeschichte, hat die Heimathistorikerin Anneliese Pachali einmal festgehalten. Am Karsamstag 1945 wurde Werkel durch amerikanischen Artilleriebeschuss beinahe zur Hälfte zerstört, berichtet Pachali.

Nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen war das Kirchenschiff ein Trümmerhaufen, der 37,5 Meter hohe, markante spitze Turmhelm abgebrannt, die Glockenstube und der Turm ausgebrannt. In der Glut war eine historische Glocke geschmolzen. Wenn man bedenkt, dass Glocken aus 1200 Grad heißer Bronze gegossen werden, kann man erkennen, welch eine Gewalt dieses Feuer-Inferno hatte.

Die geschmolzene Glocke aus 1511 war nach Angaben des Homberger Glockenexperten Dennis Willershausen der älteste Klangkörper der Werkeler Kirche. Hans Kortrog aus Homberg hat sie gegossen. Von ihm stammen viele Glocken in der Region.

Werkeler Glocken: Bekannt für guten Klang

Einige sind – wie etwa in Felsberg, Gensungen und Harle 500 Jahre alt und älter und bekannt durch einen sehr guten Klang. Die zweite Werkeler Glocke wurde 1827 vom Kasseler Stückgießer Henschel gegossen. Das Traditionsunternehmen, das vor allem im Lokbau weltberühmt wurde, hat viele Jahre Glocken gegossen.

Ende 1940 beschlagnahmten die Nationalsozialisten die als musikalisch wertvoll eingestufte Henschel-Glocke, um sie für Kriegszwecke einzuschmelzen. Sie kam auf den Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel, kehrte aber 1948 zurück. Bis dahin hatte Werkel seit 1945 keine Glocke. Weihnachten 1953 erhielt die Gemeinde eine zweite Glocke, die zuvor in der Mosheimer Kirche geläutet wurde.

Nach Angaben Willershausens ist es eine 1921 in Mörgenröthe-Rautenkranz im sächsischen Vogtland gegossene Glocke aus Eisenhartguss. Mosheim bekam 1953 ein neues Bronzegeläut.

Nach der Zerstörung am Ostersamstag 1945 wieder aufgebaut: die evangelische Kirche im Fritzlarer Stadtteil Werkel.

Werkeler Glocken: Glockenspende für Werkel

Marie Sauer aus Mosheim schenkte die ausgediente Glocke der Kirchengemeinde Werkel, erinnert sich der Arzt Dr. Holger Sauer, ein Verwandter. Dass die Glockenspende nach Werkel ging, sei seinem Opa zuliebe geschehen, „dem der Wiederaufbau der Kirche besonders am Herzen lag”, sagt er. 

„Die Werkeler waren dankbar, dass es noch die kleine Glocke gab”, sagt Anneliese Pachali. Dass die dann verschrottet wurde, wird heute bedauert – auch wenn sie Risse hatte und Ende der 1960-er Jahre nicht mehr geläutet werden durfte. Die Glocke, die dann Ostern 1970 geweiht wurde, wurde von Petit & Gebrüder Edelbrock in Gescher in Westfalen gegossen.

Die beiden Glocken mit den Schlagtönen f’ und b’ bezeichnet Experte Willershausen als ein wunderschönes Geläut – „traumhaft“, sagt er.

Dass die Glocken nun endlich wieder läuten, darüber freut sich aus Anneliese Pachali: „Ich bin sehr froh. Das Schweigen der Glocken war ja wie nach dem Krieg”, sagt sie.

Von der Baracke in Fritzlars Dom

Von 1949 bis 1973 existierte in Werkel eine kleine katholische Holzkirche. Dort läutete eine kleine Glocke, die die Gießerei Albert Junker in Brilon 1949 gegossen hatte. Aus sogenannter Sonderbronze. Weil Zinn nach dem Krieg rar war, wurde es durch Silizium ergänzt. Nur Junker goss mit diesem Metall. Glockenbronze besteht aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn.

Nachdem die Kirche 1973 abgerissen worden war, rettete man die kleine Glocke nach Angaben des Glockenexperten Dennis Willershausen und brachte sie in den Dom Sankt Peter nach Fritzlar. 20 Jahre lang stand sie im Kreuzgang. 1993 wurde sie in den Dachreiter der Heilig-Geist-Kapelle gehängt. Willershausen: „Von dort ist es heute noch dreimal täglich zu hören.”

Beinahe wäre diese Glocke unter die Räder gekommen, hat die Heimathistorikerin Anneliese Pachali festgehalten. Nach ihren Angaben beginnt die Geschichte der Glocke und der kleinen Kirche 1946, als katholische Heimatvertriebene in das stark zerstörte Dorf Werke kamen. Die evangelischen Christen hielten ihre Gottesdienste in der Schule ab.

Die Heimatvertriebenen stellten an der Wehrener Straße eine Holzbaracke auf und sammelten Geld für eine kleine Glocke. Dass die beim Abriss nicht verschwand, verdanken die Werkeler nach den Worten von Anneliese Pachali dem damaligen Fritzlarer Domküster Alfred Matthäi: „Er sorgte dafür, dass Feuerwehrleute das Glöckchen abnahmen und in den Fritzlarer Dom brachten.” (Manfred Schaake)

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