90 Jahre Weltspartag: Werkeler Sparverein zahlte gute Zinsen

Das war der „Kassen-Bulldog“: Die Spar- und Darlehenskasse in Werkel verfügte sogar über ein eigenes Fahrzeug, das die Mitglieder nutzen konnten. Foto:  privat

Werkel. Die Super-Inflation Anfang der 1920er Jahre war in Deutschland gerade vorbei, als beim Internationalen Sparkassen-Kongress in Mailand im Oktober 1924 der Weltspartag ins Leben gerufen wurde. Im selben Jahr gründeten die Werkeler ihren Spar- und Darlehenskassenverein.

„Das waren noch Zinsen“, seufzt Anneliese Pachali und schaut auf ihre Unterlagen. Zehn Prozent zahlte der Spar- und Darlehenskassenverein Werkel den Sparern fürs Tagesgeld - allerdings ist das schon lange her.

Die Hobbyhistorikerin aus dem Fritzlarer Stadtteil Werkel, die hunderte von alten Fotos ihres Heimatdorfes besitzt, stößt immer wieder bei Nachforschungen auf lesenswerte Geschichten.

Dieses Mal war es der Spar- und Darlehenskassen-Verein Werkel, der ihr Interesse weckte. Denn er wurde vor 90 Jahren, just in dem Jahr, als der Weltspartag in Mailand ins Leben gerufen wurde, von einigen Werkelern gegründet und am 28. Februar 1924 in das Genossenschaftsregister des Amtsgerichts Gudensberg eingetragen.

In Nachbargemeinden, wie Wehren/Dorla und Zennern, gab es solche Vereine, Vorläufer der heutigen Genossenschaftsbanken, schon seit 1892 und 1895. Sie fußten auf einer Idee von Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 bis 1888), der die Situation der Landwirte in den Dörfern verbessern wollte - durch Selbstorganisation. Viele Bauern verkauften bis dato ihre Erzeugnisse an Händler zu deren Bedingungen, liehen sich auch Geld für Einkäufe, allerdings meist zu sehr hohen Zinsen. „Das führte oft zur Überschuldung und Zwangsversteigerungen“, sagt Anneliese Pachali.

Mit der selbst verwalteten Darlehenskasse gab es endlich eine Institution, die für Einlagen der Sparer Zinsen zahlte und auch Darlehen zu akzeptablen Zinsen vergab. 10 000 Reichsmark war die Höchstgrenze. Die Verwaltung wurde ehrenamtlich organisiert, im Aufsichtsrat saßen unter anderen der Lehrer Schönewolf und Bürgermeister Karl Wittich. Pro Acker eigenen Grundbesitzes spendeten die Mitglieder zwei Pfund Getreide, um dem Verein ein kleines Startkapital zu geben.

Lagerhaus und Kassenraum in der Raiffeisenstraße: Das Lager entstand in den 1930er Jahren. Foto: privat

Anfang der 1930er Jahre erwarb die Genossenschaft ein Grundstück in der heutigen Raiffeisenstraße und baute 1937 ein Lagerhaus. Der Kassenraum befand sich bis 1954 im Haus von Konrad Sauer. In den 1950er Jahre wurde ein Kohlelager angebaut, ein Schuppen für den Kassen-Bulldog errichtet und die Kassenräume dort untergebracht.

„Absoluter Luxus“, so Anneliese Pachali, sei dann für die Werkeler Hausfrauen die eingebaute Gemeinschafts-Gefrieranlage im Keller gewesen.

Der Werkeler Verein war bis 1971 selbstständig und schloss sich dann der Raiffeisenkasse Fritzlar an. Moderne Kassenräume wurden angebaut, Ruth Dege führte die Filiale bis 1986. Geschlossen wurde sie dann 1996. (ula)

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