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Zum Kaiserfest-Auftakt: Ein Blick in die Geschichte Fritzlars

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Von: Christine Thiery

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Viele Gebäude aus der Fritzlarer Altstadt stammen aus dem Mittelalter: Das Archivbild zeigt den historischen Stadtkern. Zu erkennen sind markante Gebäude wie Dom, Rathaus und Hochzeitshaus.
Viele Gebäude aus der Fritzlarer Altstadt stammen aus dem Mittelalter: Das Archivbild zeigt den historischen Stadtkern. Zu erkennen sind markante Gebäude wie Dom, Rathaus und Hochzeitshaus. © Peter Zerhau

Das Kaiserfest in Fritzlar startet und legt einen Hauch Mittelalter über die Stadt.

Fritzlar – Gaukler und Handelstreibende in prachtvollen historischen Kostümen besiedeln die Straßen rund um den Marktplatz und preisen ihre Waren an. Wie nah kommt das bunte Treiben an die tatsächlichen Zustände zu dieser Zeit als die Domstadt noch Frideslar hieß heran? Wir sprachen mit dem ehemaligen Fritzlarer Stadtarchivar Clemens Lohmann, der seit zwei Jahren im Ruhestand ist über die Faszination Mittelalter in Fritzlar.

Der 68-Jährige kennt sich mit der Geschichte der Stadt bestens aus, ist selbst auch Stadtführer. „Das Mittelalter umfasst tausend Jahre vom sechsten bis zum 16. Jahrhundert“, erläutert er. Das Kaiserfest bilde die Epoche vom 13. bis 15. Jahrhundert ab. Die spätmittelalterliche Fachwerkkulisse Fritzlars, geprägt von Gotik und früher Renaissance der Stadt passe daher gut in diese Zeit.

Das Kaiserfest in Fritzlar: Handwerker und Kleinhändler

„Etwa 2000 Menschen lebten damals in der Stadt“, sagt der Archivar. Zum Vergleich: Köln war mit 25 000 bis 30 000 Einwohnern die größte mittelalterliche Stadt Deutschlands zu dieser Zeit. „Der größte Teil der Bevölkerung setzte sich aus Handwerkern und Kleinhändlern zusammen“, so Lohmann. Bäcker, Metzger, Krämer, Schilder- und Schwertmacher besiedelten die Straßen, die nur in den wichtigsten Bereichen auch gepflastert waren. „Ganz so romantisch sollte man sich diese Zeit nicht vorstellen“, sagt Lohmann. Es gab keine Kanalisation, die Fäkalien wurden auf der Straße entsorgt, ebenso der Müll. Es stank bestialisch und war dreckig.

Allein wenn der Landesherr, also der Mainzer Erzbischof, kam, räumte man die wichtigsten Straßenzüge auf. Am Rande der Gesellschaft lebten die Bettler, Prostituierten, Henker und Abdecker. Die Galgen zeigten, wie man Recht sprach. Von Hochkultur war wenig zu bemerken. Rau ging es größtenteils zu.

Er kennt sich in der Geschichte Fritzlars bestens aus: der ehemalige Stadtarchivar Clemens Lohmann.
Er kennt sich in der Geschichte Fritzlars bestens aus: der ehemalige Stadtarchivar Clemens Lohmann. © Christine Thiery

„Die meisten Menschen mussten hart arbeiten, die Lebenserwartung betrug nur rund 40 Jahre.“ In den oft kriegerischen Zeiten boten die Stadtmauern besseren Schutz. Die Dörfer wurden bei kriegerischen Auseinandersetzungen zuerst niedergebrannt. Viele suchten daher ihr Glück in der Stadt, was aber mit viel Mühen verbunden war. Sie fanden in den Städten Arbeit, vielleicht sogar eine Ausbildung im Handwerk. Wer es in den Zünften zu etwas brachte, konnte aufsteigen und besser verdienen. „Die Schere zwischen arm und reich klaffte stark auseinander.“ Der Oberschicht gehörten nur wenige an.

Die Abhängigkeit von den Ernten war hoch. Wenn ganze Erträge durch Katastrophen ausfielen, war der Hunger groß. „Hafer, Gerste und Hirse wurden auf den Feldern rund um Fritzlar angebaut.“ Sie zählten zu den Grundnahrungsmitteln. Man erntete in harter Handarbeit etwa das eineinhalb- bis zweieinhalbfache dessen, was gesät wurde. Heute ist es das Zehnfache. Die Gilde der Michaelisbrüder stand an der gesellschaftlichen Spitze der Stadt.

Das Kaiserfest in Fritzlar: Handwerk brachte es zu Wohlstand

Sie handelten mit Tuchen, Pelzen und Gewürzen. Wer dort hinein geboren wurde, hatte gute Aussichten auf ein reiches und einflussreiches Leben. Auf der Handelsstraße Hellweg, die von Flandern bis nach Nowgorod in Russland führte, wurden die Waren transportiert. Die Gilde hatte auch das politische Sagen. Ihre Epoche reichte von 1248 bis 1830. Sie besetzten den Rat der Stadt. Nur die reichsten und alteingesessenen Familien waren Teil des Rates.

Eine Ausnahme gab es allerdings: 1356 gab es den ersten paritätisch besetzten Rat der Stadt Fritzlar. Er bestand je zur Hälfte aus Patriziern und zur Hälfte aus Vertretern der Zünfte. Viele Fritzlarer Handwerker hatten es in kriegsarmen Zeiten zu einem gewissen Wohlstand gebracht und übten Druck aus. Zwei Jahre später wurde dieser für die Zeit besondere Rat allerdings vom Mainzer Erzbischof wieder rückgängig gemacht. Das Gildehaus am Marktplatz, noch heute erhalten, war Stammsitz der Patrizier. Zahlreiche Steinhäuser der Patrizier stehen noch heute am Marktplatz und in der Kasseler Straße.

Das Kaiserfest in Fritzlar: Dom als Symbol für die Macht der Kirche

Der Dom ragte, wie noch heute, weit über die Dächer hinaus. Er ist Symbol für die Macht der Kirche in diesen Zeiten. Fritzlar hatte bis in das Jahr 1079 eine Kaiserpfalz; hier machten die Kaiser und Könige auf ihren Rundreisen durch das Reich Quartier. Sie kamen regelmäßig mit ihrem Tross von 100 bis 120 Personen in die Stadt. Für sie alle musste Nahrung bereitgehalten werden.

Von Heinrich I. bis Otto dem Großen reichte die Riege der Herrscher, die sich regelmäßig in Fritzlar aufhielten. Neben dem Dom ist die ehemalige Kaiserpfalz mit den damit verbundenen Aufenthalten der Herrscher ein wichtiges Aushängeschild der Stadt, daher trägt sie nun in heutigen Zeiten zu touristischen Zwecken den Beinamen Dom- und Kaiserstadt. (Christine Thiery)

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