Karneval und Corona-Pandemie

Karneval in Coronazeiten: Narren geben die Hoffnung nicht auf

Rosenmontagsumzug in Fritzlar: Ob er im nächsten Jahr stattfinden wird, steht noch nicht fest.
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Rosenmontagsumzug in Fritzlar: Ob er im nächsten Jahr stattfinden wird, steht noch nicht fest.

Der Bundesgesundheitsminister denkt darüber nach, den Karneval in der Saison 2020/21 zu verbieten. Wie stehen die Karnevalisten im Landkreis zu dieser Nachricht? Wir haben nachgefragt. 

Die Enttäuschung bei den Karnevalisten im Schwalm-Eder-Kreis ist groß: Gesundheitsminister Jens Spahn stellt die Überlegung in den Raum, die kommende Karnevalssession wegen der Coronakrise ausfallen zu lassen. Er könne sich Karneval in der Pandemie nicht vorstellen, so der CDU-Politiker.

Rosenmontagsumzug in Fritzlar hängt in der Schwebe

In der Karnevalshochburg Fritzlar steht Pascal Prior, Zugleiter von Nordhessens größtem Rosenmontagsumzug, der möglichen Absage aller Veranstaltungen mit gemischten Gefühlen gegenüber. „Natürlich wollen wir nicht um jeden Preis feiern“, sagt er. Doch sei jetzt erst August und es somit für eine generelle coronabedingte Absage für Veranstaltungen im nächsten Jahr noch zu früh, findet Prior. Dass der große Rosenmontagsumzug ausfallen könnte, könne er aber verstehen.

„Je mehr Leute und je mehr Alkohol, desto näher kommt man sich“, sagt Prior. Doch könne man die Eröffnung am 11.11. unter Coronabedingungen feiern – auf Abstand. Ein Konzept dafür gäbe es, so Prior. Er ist enttäuscht, dass Spahn nicht vor seinem Vorstoß Kontakt mit dem Bund Deutscher Karnevalisten aufgenommen habe. Dennoch ist er zuversichtlich, dass es vielleicht doch ein närrisches Treiben geben wird. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Prior.

Karneval im Kreisteil Melsungen: Guxhagen sagt Veranstaltungen ab

In Guxhagen ist die Entscheidung bereits in der jüngsten Vorstandssitzung gefällt worden: Es wird in dieser Session keinen Karneval in Guxhagen geben. „Wir haben uns diese Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht“, sagt Sprecherin Monika Ehrhardt-Müller. Aber den Karneval zu veranstalten sei nicht verantwortbar.

„Es ist gar nicht auszudenken, wenn sich in Guxhagen jemand infizieren und krank werden würde“, sagt Ehrhardt-Müller. Ein zweites Heinsberg wolle Guxhagen keinesfalls werden. „Die Blauen Funken würde man auf ewig damit in Verbindung bringen.“

Für den Verein seien zudem die Auflagen, die es zu erfüllen gäbe, überhaupt nicht erfüllbar. Wie solle man beispielsweise in den engen Umkleiden der Tanzmädchen für genug Abstand sorgen? „Wir müssten unter anderem auch für jedes unserer 80 Tanzmädchen ein eigenes Schminkset bereitstellen“, sagt Ehrhardt-Müller. Es seien Investitionen nötig, die der Verein gar nicht stemmen könne. Hinzu komme, dass im Bürgersaal Guxhagen maximal 80 bis 100 Zuschauer feiern könnten. „Die Kosten wären aber dieselben. Wir wären nach einer Session unter Coronabedingungen pleite.“ Außerdem ließe sich Karneval und Corona einfach nicht vereinbaren. „Zum Karneval gehört Schunkeln und Singen. Aber das ist alles nicht erlaubt. So einen Karneval können wir uns nicht vorstellen.“ Hinzu komme, dass die Tanzgarden überhaupt nicht trainieren können.

In Melsungen können die Garden zwar trainieren in der kreiseigenen Schlothsporthalle, „aber nur verhalten und mit Sicherheitsabstand“, sagt Karin Lassas, Schriftführerin des Melsunger Karneval Clubs (MKC). Der Vorstand werde Ende des Monats über die kommende Session entscheiden, teilte sie mit. „Ich sehe aber nicht, dass wir Karneval in Melsungen feiern können“, sagt Vorsitzender Carsten Barthel, „aber das ist meine persönliche Meinung“.

Er sehe nicht, dass der Verein „die doppelten und dreifachen Hygienemaßnahmen“ einhalten könne, und es sei unklar, was damit an Kosten verbunden sei. „Denn wir hätten dann höhere Ausgaben und weniger Publikum.“

Auch Ralf Speck, Präsident der Karneval Gemeinschaft Röhrenfurth (KGR) sagt, dass der Verein unter den momentanen Vorgaben wie etwa den Abstandsregeln bei den Veranstaltungen mit hohen finanzielle Einbußen rechnen müsste. „Mit weniger Zuschauern lohnt es sich nicht“, sagt Speck.

Denn zu den Kosten für die Halle, kämen Ausgaben für Orden, GEMA-Gebühren, Kostüme, Band und einiges mehr. Normalerweise besuchten bis zu 500 Leute die Veranstaltungen der KGR in der Vierbuchenhalle. Auch die Trainingsbedingungen für die Garden seien alles andere als optimal. Die Gruppen könnten die Halle nicht nutzen und würden zum Teil draußen trainieren.

„Wir werden das Vorgehen in einer der nächsten Vorstandssitzungen beraten“, so Speck.

Auch bei der Wolfershäuser Carnevals-Vereinsgemeinschaft (WCV) ist noch nicht entschieden, ob Karneval gefeiert wird. „Natürlich wären wir traurig, wenn wir unsere Veranstaltungen absagen müssten“, sagt Andrea Grenzebach, Vorsitzende der WCV. „Aber die Gesundheit geht vor.“ Die WCV mit 24 Aktiven veranstaltet normalerweise am Wochenende vor Rosenmontag einen Kostüm- und Faschingsball sowie einen Kinderkarneval im Dorfgemeinschaftshaus Wolfershausen. Die Planungen für 2021 haben noch nicht begonnen – damit starte man auch sonst erst im Herbst, erklärt Grenzebach.

Im Vorstand der WCV habe man bereits darüber gesprochen, dass man sich unter den derzeit gegebenen Umständen keinen Karneval in Wolfershausen vorstellen könne, sagt Grenzebach.

„Die Dorfgemeinschaftshäuser im Stadtgebiet sind zwar wieder geöffnet. Aber es dürfen maximal 67 Personen hinein.“

Das weitere Vorgehen wird bei der nächsten Mitgliederversammlung besprochen. Seit der letzten Karnevalssession hat kein Treffen der WCV mehr stattgefunden – über eine Whatsapp-Gruppe blieben die Mitglieder aber in Kontakt. Die Äußerung von Jens Spahn zum Thema Karneval sei dort zwar auch gepostet worden, sagt Grenzebach – diskutiert hätten die Mitglieder in der Whatsapp-Gruppe darüber aber noch nicht.

Karneval in Holzhausen und Homberg: Viele Fragen sind noch offen

Wie sich die Aussage von Jens Spahn auf die Karnevalsgesellschaft Holzhausen/Hahn auswirkt, stehe noch nicht fest, sagt Präsident Rainer Kilian. Die Frage, ob es 2021 Karneval in Holzhausen gibt, werde in der Vorstandssitzung diskutiert. Die Vorbereitungen für den Umzug in Holzhausen begännen erst 2021. „Derzeit gibt es noch gar keine Räumlichkeiten“, sagt Kilian. „Selbst, wenn es erlaubt sein sollte, muss man sich fragen, ob es sinnvoll ist, nur mit 60 Leuten im Dorfgemeinschaftshaus Karneval zu feiern.“

Auch der Katholische Carnevals Verein Homberg (KCV) wird beim Vorstandstreffen im September die vielen Fragen diskutieren, die nach Antworten verlangen. Der Verein bereite sich zwar bereits auf die Session 2021 vor, weiß aber, dass ein großes Fragezeichen im Raum steht: „Eventuell müssen wir in den sauren Apfel beißen und pausieren,“ sagt Vorsitzende Melanie Jäckel.

Narren geben trotz Corona-Pandemie die Hoffnung nicht auf

„Es ist alles sehr emotional“, sagt Pascal Prior und spricht davon, dass ihn die Pläne von Jens Spahn „wie ein Hammer“ getroffen haben. Der Bundesgesundheitsminister denkt darüber nach, den Karneval 2020/21 komplett zu verbieten. Diese Nachricht kommt für den Zugleiter der Fritzlarer Rosenmontagszuges überraschend. „Es wurden vorab keine Gespräche mit den Verbänden und Vereinen geführt“, sagt Prior. Man hätte sich auf eine abgespeckte Version einigen können oder sich überhaupt erst mal die Corona-Konzepte der Karnevalisten ansehen können, sagt er.

Jetzt stehe er vor vielen offenen Fragen. Zum einen müsse er als Zugleiter Musikvereine engagieren. Doch was, wenn die Veranstaltung dann abgesagt wird? „Dabei geht es auch um Kosten.“ Zuletzt sei der Fritzlarer Rosenmontagszug zu Zeiten des Golfkrieges, abgesagt worden. Und nach dem Abbruch des Rosenmontagszuges nach der Amokfahrt in Volkmarsen in diesem Jahr habe man nicht nur in Fritzlar darauf gehofft, 2021 wieder unbeschwert feiern zu können – wenn auch unter Coronabedingungen. Prior gibt die Hoffnung nicht auf, auch wenn er die Chance für einen Rosenmontagsumzug nicht sehr hoch einschätzt. „Dafür hätte ich dann aber auch Verständnis“, sagt er.

Karneval in Coronazeiten wäre anders als sonst

Das hätte auch Melanie Jäckel vom KCV Homberg: „Wir bereiten uns zwar gerade ganz normal auf die Session vor – aber auch darauf, dass wir dann doch vielleicht schweren Herzens eine andere Entscheidung treffen und absagen müssen.“ Denn eine Feier unter Coronabedingungen mit der reduzierten Besucherzahl sei schwierig vorzustellen und auch eine finanzielle Herausforderung. Dennoch gelte: „Wir geben noch nicht auf,“ sagt Melanie Jäckel.

Das sieht auch Florian Schrumpf vom Borkener Carneval Club (BCC) so: „Wir werden alles möglich machen, um wenigstens einen Teil der Session feiern zu können“, sagt der BCC-Präsident. Vielleicht gebe es, wenn tatsächlich alles ausfallen sollte, doch die Chance auf eine interne Möglichkeit, damit wenigstens der Nachwuchs sein Können zeigen kann.

Karneval in Zeiten von Corona: Veranstalter tragen große Verantwortung

Es sei tatsächlich eine schwierige Entscheidung, die der Vorstand da zu treffen habe: „Wir tragen ja eine große Verantwortung, wenn tatsächlich so viele Menschen zusammen kommen sollten“, sagt Florian Schrumpf. „Wir müssen die Lage gut und richtig einschätzen und uns fragen, ob wir die Veranstaltung anbieten und alle Hygieneregeln einhalten können.“

Doch noch bleibe etwas Zeit. Die Borkener Karnevalisten setzen deshalb darauf, dass es eine klare Leitlinie für alle Karnevalisten geben wird, wenn entschieden werden muss, was mit der Karnevalsession 2020/21 endgültig sein wird.

Dennis Krause, Vorsitzender des Ziegenhainer Karnevalsvereins, erklärt, dass man noch nicht mit den Proben gestartet sei. Wohl habe es aber erste Überlegungen gegeben, wie man den Menschen in der Pandemie eine Alternative zu den Sitzungen bieten könnte. „Möglich wäre vielleicht ein Online-Stream, für den die Besucher zu einem günstigen Preis einen Zugang erwerben könnten. Das ist aber alles noch ein Hirngespinst, konkret ist die Idee noch nicht.“ Alles Weitere werde man vereinsintern noch abstimmen.

Mit den aktuellen Bestimmungen ist ein Karneval, wie wir ihn in Treysa gewohnt sind, nicht zu realisieren“, sagt Günther Felgenhauer, Chef des Karnevalskomitees der Liedertafel Treysa. Undenkbar sei, dass Menschen bei den beiden Prunksitzungen an Zehnertischen sitzen. Insgesamt kämen dabei ja mehr als 500 Gäste zusammen und mehr als 100 Aktive.

Karnevalisten wollen sich nicht unterkriegen lassen

Ursprünglich würden die Treysaer nach den Sommerferien mit den Vorbereitungen starten, auch mit den Trainings. Das hält Felgenhauer aber aktuell für unmöglich: „Wir haben die Gruppenleiter um ihre Meinung gebeten und sind uns einig, dass es unverantwortlich wäre“, erklärt der Komiteechef. Zum Gardetraining etwa würden üblicherweise 40 bis 50 Kinder gemeinsam auf der Bühne stehen. Kommende Woche werde man in einer Vorstandssitzung über die Session 2021 sprechen. Denn letztlich gehe der Verein mit jeder Kampagne auch ein finanzielles Risiko ein – Verträge mit Bands, die Herstellung der aufwendigen Kostüme. Gerade im Winter werde der Höhepunkt der Pandemie prognostiziert – „und ins Freie ausweichen können wir mit unseren Sitzungen da ja nicht“. Die Bedenken des Gesundheitsministers teilt Felgenhauer: „Es wäre sehr schade, wenn der Karneval ausfallen müsste, aber unter diesen Bedingungen verständlich.“ Unterkriegen lassen werde man sich nicht: „Dann planen wir eben für 2022.“

Der Frielendorfer Carnevalsverein (FCV) möchte sich auf der Jahreshauptversammlung im September mit der Thematik eingehend beschäftigen und dann über die weitere Vorgehensweise entscheiden. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen könne er sich eine Karnevalsveranstaltung aber nur sehr schwer vorstellen, sagt Vorsitzender Thorsten Nöll.

Die Frielendorfer hoffen auf einen Impfstoff oder ein Medikament und versuchen daher die Entscheidung so weit wie möglich in den Herbst zu schieben. Man wolle sich alle Optionen offen halten, so Nöll: „Die Proben der Gruppen haben teilweise schon begonnen. Aber alles im ganz kleinen Maßstab. Es wird zum Beispiel noch kein Geld für Stoffe oder Kostüme ausgegeben.“ Frielendorfs Bürgermeister Thorsten Vaupel, selber aktiver Büttenredner mit Herzblut, hat nur wenig Hoffnung auf eine Kampagne 2021: „Das finde ich als Karnevalist sehr schade, aber unter den jetzigen Voraussetzungen können wir keinen Karneval machen.“ Karneval unter Coronabedingung – also ohne gesellige Gemütlichkeit, Schunkelrunden und Gesang – wäre nicht der Karneval den die Menschen kennen und mögen, findet Vaupel: „Entweder ganz oder gar nicht.“

Areosole sind die größte Gefahr: Großveranstaltungen nur schwer umsetzbar

Denn schon der Veranstaltungsort ist ein Problem. Die vier großen Veranstaltungen des FCV finden traditionell im Saal des Hotel Hassia statt. Die Räume seien zum Feiern zwar bestens geeignet, aber aktuell gültige Corona-Hygienevorgaben dort wohl nur schwer umsetzbar, erklärt der Verwaltungschef und spricht in dem Zusammenhang von Querlüftungsmöglichkeiten, Personenobergrenzen, Abstandsregelen an den Tischen, Ausschluss von Begegnungsverkehr im Saal und Einbahnstraßenregelungen auf dem Weg zu den Toiletten. Besonders ein Corona-Übertragungsweg bereitet dem Bürgermeister Kopfzerbrechen: „Das Problem sind die Aerosole.“

Unter Pandemiebedingungen wären Karnevalsveranstaltungen beim FCV und den Klosternarren im Nachbarort Spieskappel auch ein finanzieller Kraftakt für die ausrichtenden Vereine, gibt Thorsten Vaupel zu bedenken. Und damit hat er vermutlich recht. Die Rechnung ist einfach: Bei gleichbleibenden Ausgaben bedeuten weniger Zuschauer auch weniger Einnahmen.

Kritik vom Bund Deutscher Karneval

Kritik an den Spahn-Plänen gibt es vom Bund Deutscher Karneval (BDK): „Einer Pauschalabsage der Session können wir nicht zustimmen. Ich gehe davon aus, dass der Minister dazu noch ein klares Statement abgeben wird.” Präsident Klaus-Ludwig Fess warnte vor wirtschaftlichen und sozialen Schäden, „sowohl auf dem Land als auch in den karnevalistischen Hochburgen.“ Der BDK stehe für über 2,6 Millionen Menschen, die in mehr als 5300 Vereinen organisiert sind.

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