„Kritik trifft Narzissten schwer“

Falsche Ärztin: Gutachter sieht keinen Hinweis auf psychiatrische Erkrankung

Kein Hinweis auf eine Erkrankung: Der psychiatrische Gutachter Dr. Georg Stolpmann traf vor dem Landgericht Kassel eine Aussage dazu, wie er den seelischen Zustand der Angeklagten Meike S. einschätzt.
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Kein Hinweis auf eine Erkrankung: Der psychiatrische Gutachter Dr. Georg Stolpmann traf vor dem Landgericht Kassel eine Aussage dazu, wie er den seelischen Zustand der Angeklagten Meike S. einschätzt.

Fritzlar/Kassel – Seit mehr als zwei Monaten sucht das Landgericht Kassel Antworten auf die Frage, ob die falsche Ärztin Meike S. eine Mörderin ist. Es ist der schwerste Vorwurf, den die Staatsanwaltschaft gegen die Angeklagte, die von 2015 bis 2018 am Fritzlarer Hospital arbeitete, erhebt. Um sich einer Antwort zu nähern, äußerte sich am 15. Prozesstag Dr. Georg Stolpmann in seinem psychiatrischen Gutachten zum Fall.

Er gab den Verfahrensbeteiligten einen Einblick in die Vergangenheit der heute 50-Jährigen und zog überraschende Schlüsse. Einen Hinweis auf eine psychiatrische Erkrankung, so der Experte, gebe es nämlich nicht.

Zahlreiche Zeugen haben bereits vor Gericht ausgesagt – unter ihnen auch ehemalige Kollegen und Freunde der Angeklagten. Von einer offenen, netten, engagierten und selbstbewussten Assistenzärztin war dort die Rede. Doch auch von einer unsicheren, kritikunfähigen und kränkbaren Kollegin wurde gesprochen. Es scheint sie beide gegeben zu haben: Die Meike S., die bei Narkoseeinleitungen gezittert und bei Konflikten geweint haben soll und die Meike S., die als Bürgermeisterkandidatin kandidierte und für ihre Einsätze im Notarztwagen brannte.

Warum fälscht ein Mensch eine Approbationsurkunde und nimmt dabei das enorme Risiko auf sich, Menschenleben zu gefährden? Und vor allem: War die Angeklagte in der Lage, dieses Risiko überhaupt zu erkennen? Ein Tauchgang in ihre Lebensgeschichte brachten Gutachter Stolpmann zu einem eindeutigen Ergebnis. Weder eine krankhafte seelische Störung noch eine intellektuelle Leistungsminderung, weder eine tief greifende Bewusstseinsstörung noch eine schwere andere seelische Störung sei bei der Angeklagten zu erkennen. Vielmehr handele es sich bei Meike S. um einen Menschen mit histrionischen und narzisstischen Persönlichkeitsaspekten.

„Hinter dem äußeren Erscheinungsbild steckt jemand, der immer wieder eine Rückmeldung braucht, weil er sich seiner selbst nicht sicher ist“, erklärte Stolpmann am Dienstag. „Kritik trifft den Narzissten schwer.“ Meike S. habe sowohl in den persönlichen Gesprächen als auch während der Hauptverhandlung keinen Anhalt für kritische Selbstreflexion gegeben, „Probleme wurden anderen zugeordnet“, so Stolpmann. Die Angeklagte habe zu keinem Zeitpunkt den Eindruck vermittelt, empathisch mitzuschwingen.

Narzisstische und histrionische Persönlichkeiten hätten den dringenden Wunsch zu gelten, wichtig zu sein, würden mittels dramatischen Verhaltens Aufmerksamkeit erzielen. Der Beruf des Arztes habe in unserer Gesellschaft noch immer ein hohes Ansehen. Und schließlich sei es das Ansehen, das der Narzisst so dringend benötige. „Wenn ein Ziel erreicht wurde, sind Menschen für den Narzissten nicht mehr wichtig“, sagt Stolpmann und bezieht sich unter anderem auf Zeugenaussagen einer Zeugin und Freundin, die sich von Meike S. benutzt gefühlt haben soll.

Die Angeklagte habe von einer schwierigen Kindheit und Jugend berichtet, so der Gutachter. Die Mutter habe ihr mit Sätzen wie „Du kannst nichts“ das Gefühl der Wertlosigkeit vermittelt, sie mit Nichtbeachtung gestraft. Ihr Vater habe sich nicht gekümmert. Von zwischenmenschlicher Wärme sei nichts zu spüren gewesen. Meike S. habe dem Gutachter von sexuellem Missbrauch in ihrer Familie erzählt, vor allem durch ihren Cousin. Körperliche Gewalt habe auch in ihren späteren Beziehungen eine Rolle gespielt.

Auffälligkeiten bezüglich der Persönlichkeit von Meike S. habe er an vielen Stellen entdeckt, so Stolpmann. Dennoch: Eine Störung mit Blick auf die Schuldunfähigkeit der Angeklagten sei nicht zu erkennen, hieß es abschließend seitens des Gutachters. (Daria Neu)

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